Joe Biden steht in der Tür

24. September 2015, 05:30
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Zahlreiche Anhänger legen dem US-Vizepräsidenten nahe, noch einmal für die Demokraten ins Rennen zu gehen

Es war einer jener seltenen Momente, in denen die Parteifarbe nicht zählt; ein Moment, in dem Demokraten und Republikaner ihre Kontroversen vergaßen und gemeinsam trauerten, schockiert angesichts der Schicksalsschläge, die Joe Biden einstecken musste.

In Wilmington, Delaware, trug der Vizepräsident seinen ältesten Sohn zu Grabe; Chris Martin von Coldplay sang "Til Kingdom Come"; Barack Obama sprach mit belegter Stimme von "meinem Bruder" Joe.

Kein Mensch dachte damals im Juni daran, dass Biden noch einmal an den Start eines Rennens ums Oval Office gehen könnte, eines brutal harten Marathons. Es ging allein darum, wie grausam das Leben manchmal sein konnte.

Schicksalschläge

1972: Joe Biden war 30, gerade zum Senator gewählt, als das Auto seiner Frau gegen einen Sattelschlepper prallte. Neilia und die einjährige Naomi kostete der Unfall das Leben, während die Söhne Hunter und Beau, zwei und drei, wochenlang im Krankenhaus lagen. Biden spielte, wie er später offenbarte, mit Selbstmordgedanken. Seinen Senatssitz wollte er aufgeben, worauf ihm ältere Kollegen gut zuredeten. Um abends bei seinen Söhnen zu sein, pendelte er täglich zwischen Wilmington und Washington, das sind 180 Kilometer pro Fahrt.

Als Beau Biden, Justizminister von Delaware, Veteran der Irakkrieges, im Alter von 46 Jahren einem Hirntumor erlag, sprachen auch Republikaner, die sonst härteste politische Gefechte mit Biden austrugen, von einem furchtbaren Schlag in die Magengrube.

Es wäre der dritte Versuch

Nun verdichten sich die Gerüchte, dass der Senior, der mit Außenminister John Kerry das Duett der "elder statesmen" im Kabinett bildet, seinen Hut tatsächlich in den Ring wirft. Es wäre das dritte Mal nach 1988 und 2008.

Beim ersten Anlauf stürzte er ab, nachdem bekannt geworden war, dass er eine Rede des britischen Labour-Chefs Neil Kinnock passagenweise abgekupfert hatte. Beim zweiten stand er chancenlos im Schatten von Hillary Clinton und Barack Obama.

Dass er beim dritten Mal Erfolg haben könnte, liegt nicht zuletzt am Respekt vor der Art, wie Biden nach der familiären Tragödie Haltung wahrt – pflichtbewusst wie ein Preuße. Und zugleich mit einer Ehrlichkeit über seine Seelenqualen spricht, wie man sie selten erlebt in der Politik. Nichts wirkt gekünstelt, nichts aufgesetzt. Wer sich um die Präsidentschaft bewerbe, müsse 110 Prozent geben, sonst habe er nicht das Recht, dieses Amt anzustreben, sagte er neulich zu Talkshow-Meister Stephen Colbert. "Und ich würde lügen, würde ich sagen, ich weiß, dass ich das schon wieder kann."

Erste Debatte im Oktober

Dennoch schrieben 50 prominente Spender der Demokraten einen offenen Brief, um ihn zu überreden. Laut "Wall Street Journal" ist es nur eine Frage der Zeit, wann er seine Kandidatur bekanntgibt, womöglich noch vor dem 13. Oktober, wenn die Demokraten bei ihrer ersten Debatte aufeinandertreffen. Noch sind es Spekulationen.

Wieder spielt Beau eine wichtige Rolle: Als sich abzeichnete, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb, soll er seinem Vater ans Herz gelegt haben, es noch einmal zu versuchen. Das Weiße Haus, zitiert ihn "New York Times"-Edelfeder Maureen Dowd, dürfe nicht an die Clintons "zurückfallen". Das Land fahre besser, wenn es sich an die "Biden-Werte" halte.

Schwache Clinton

Hillary Clinton schwächelt, ihre Auftritte lassen das nötige Feuer vermissen. Oft erwecken sie den Anschein, als habe ein Ausschuss für politisch abgezirkelte Sprache jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Ihr linker Rivale Bernie Sanders dagegen massiert nicht nur die Parteiseele, wenn er gegen die Wall Street wettert, er wirkt auch authentisch, weil er sich nie einer Meinungsumfrage angepasst hat.

Authentisch, aber eher in der Mitte angesiedelt, ist auch Biden, Sohn eines Autoverkäufers, der gern Geschichten erzählt und in Kauf nimmt, dass er dabei hin und wieder ins Fettnäpfchen tritt ("Ich habe acht Präsidenten kennengelernt, drei von ihnen intim").

Im Jänner 2017, bei Amtsantritt, wäre er 74. Fünf Jahre älter, als es der bisherige Altersrekordhalter Ronald Reagan bei seiner Inauguration war. (Frank Herrmann aus Washington, 24.9.2015)

  • Joe Biden scheint bereit zu sein, der 45. Präsident werden zu wollen.
    foto: epa/douliery

    Joe Biden scheint bereit zu sein, der 45. Präsident werden zu wollen.

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