Rebellengruppe Ahrar al-Sham: Totgeglaubte leben länger

24. September 2015, 08:04
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Seit vergangener Woche hat die syrische Rebellengruppe, deren gesamte Führungsriege getötet wurde, einen neuen Anführer

Ein Kämpfer der Ahrar al-Sham in einem Propagandavideo der Islamistengruppe.

Eine gewaltige Explosion im vergangenen Jahr hätte das Ende für Ahrar al-Sham, eine der erfolgreichsten Rebellengruppen in Syrien, sein sollen. So hatten sich das zumindest die Attentäter gedacht, die mit dem Anschlag fast die gesamte Führungsriege der Islamistengruppe auslöschten. Die verfeindeten Extremisten des "Islamischen Staates" wurden beschuldigt, hinter dem Attentat zu stehen.

Ein Jahr später ist klar: Harakat Ahrar al-Sham al-Islamiyya (Islamische Bewegung der freien Männer der Levante) wurde nicht vernichtet, sondern ist stärker als je zuvor. Der Anführer und die Kommandeure wurden innerhalb kürzester Zeit ersetzt, die Gruppe schloss sich mit anderen Rebellen zusammen, eroberte im Lauf des vergangenen Jahres mehrere Orte und kontrolliert den syrisch-türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa, Teile Aleppos und Idlibs.

Militär und Politik

Die Bedeutung Ahrar al-Shams – möglicherweise die größte Rebellengruppe nach dem "Islamischen Staat" (IS) in Syrien – liegt dabei nicht allein in ihrer militärischen Potenz. Denn neben einem rein militärischen Arm ist sie auch politisch in den von ihr kontrollierten Gebieten vertreten. Ahrar al-Sham hat eigene Büros für militärische, religiöse, soziale und finanzielle Angelegenheiten. Jedes Büro berichtet einem Kommandeur.

Gut ausgerüstet: Die Kontrolle über den türkisch-syrischen Grenzort Bab al-Hawa garantiert Einnahmen und Waffen.

Vielen anderen Rebellengruppen in Syrien hingegen fehlen nach wie vor jegliche politische Struktur und Vertretung, während die politische Opposition, die sich in der Türkei verschanzt hält, wiederum keine militärische Präsenz in Syrien hat. Dieses Alleinstellungsmerkmal Ahrar al-Shams wurde im vergangenen Jahr noch deutlicher. Wurde sie zuvor oft als reine Kampfgruppe wahrgenommen, scheint sie nun noch stärker zu versuchen, institutionelle Strukturen in den von ihr gehaltenen Gebieten zu etablieren. Auch dass Ahrar al-Sham immer noch existiert, obwohl fast ihre gesamte Führungsschicht ausgelöscht wurde, zeigt die strukturelle Stärke der Organisation.

Neuer Anführer

Vergangene Woche wurde schließlich ein neuer, permanenter Kommandeur präsentiert, der diesen Kurs fortsetzt: Abu Yahya al-Hamawi, ein Ingenieur und erfahrener Kämpfer, versuchte in seiner ersten Botschaft auch Anführer anderer Rebellengruppen für sich zu gewinnen.

Der neue Anführer der Gruppe: Abu Yahya al-Hamawi.

Die Gruppe ist auch pragmatischer geworden: Sie verhandelt mit dem Erzfeind Assad und der mit ihm verbündeten Hisbollah über das Schicksal eines Rebellendorfes nahe der libanesischen Grenze.

Solche Verhandlungen sind deshalb mit Ahrar al-Sham möglich, weil sich auch mit ihr verbündete Rebellengruppen bisher an die Vereinbarung gehalten haben, die Ahrar al-Sham mit dem Regime und anderen getroffen hat.

Al-Kaida-Verbindungen

Doch der Westen – allen voran die USA – ziert sich, Ahrar al-Sham als Verbündeten im Kampf gegen den gemeinsamen Feind, die Extremisten des "Islamischen Staates", zu sehen. Denn über der Gruppe liegt der Schatten Al-Kaidas. Der vergangenes Jahr getötete Anführer von Ahrar al-Sham, Abu Khalid al-Suri, war ein Vertrauter von Al-Kaida-Chef Ayman al-Zawahiri. Die Verbindungen zwischen den beiden wurden vor allem offensichtlich, nachdem der Al-Kaida-Chef nach dem Tod Suris eine Eulogie auf diesen veröffentlichte. Al-Kaida präsentierte außerdem Videos und Bilder, die den getöteten Ahrar-al-Sham-Chef in Ausbildungslagern in Afghanistan und gemeinsam mit Osama bin Laden zeigen. Zudem kooperieren die beiden Gruppen offen in der Allianz Jaysh al-Fatah (Armee der Eroberung), die im März gegründet wurde.

Auch Panzer gehören zum Arsenal der gut ausgestatteten Ahrar-al-Sham-Kämpfer.

Seit geraumer Zeit versucht man aber, den Anschein einer allzu engen Kooperation mit Al-Kaida gar nicht erst aufkommen zu lassen. In einem aufsehenerregenden, von einem Sprecher der Gruppe veröffentlichten Gastbeitrag in der "Washington Post" versuchte man sich als "integralen, geschätzten Teil der revolutionären Landschaft" Syriens zu positionieren und forderte, Gruppen wie Ahrar al-Sham als legitimen Teil der syrischen Opposition anzuerkennen.

Misstrauen anderer Rebellen

Doch selbst andere syrische Rebellen trauen den Bekundungen der salafistischen Gruppe nicht. Immer wieder werfen sie Ahrar al-Sham vor, sie würden die Jabhat an-Nusra, den syrischen Ableger von Al-Kaida, mit Waffen versorgen. (Stefan Binder, 24.9.2015)

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