Anlegen: Auf der Suche nach der Wohlfühlzone

24. September 2015, 09:00
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Geht es an den Börsen morgen wieder bergauf? Was, wenn nicht? Finanzielle Entscheidungen sind mit Risiken verbunden. Aber wie risikobereit sind wir?

Wien – Die Turbulenzen rund um China haben es wieder vor Augen geführt: Anlegen bleibt riskant. Im August machte sich nach dem Absturz des wichtigsten Aktienindexes in Schanghai kurzzeitig wieder Panikstimmung breit. Investoren weltweit schlugen Wertpapiere los. Vergessen war der Boom im Jahr davor.

Was macht in solch brenzligen Situationen der Privatanleger? Wird er nervös, weil er seine Renditen schmelzen sieht? Schläft er seelenruhig, weil Aktien nur einen minimalen Anteil in seinem Portfolio ausmachen? Vielleicht vertraut er oder sie auch darauf, sich gut hinsichtlich der eigenen Risikobereitschaft eingeschätzt zu haben. Denn Anlageberater sind verpflichtet, sich ein Bild von den Erfahrungen und Kenntnissen der Kunden in Finanzfragen zu machen, ein Risikoprofil zu erstellen.

Doch wie gut funktioniert das überhaupt? Anders als bei Größe oder Gewicht gibt es keine Maßeinheit für die Messung der Risikobereitschaft. Sie zu ergründen ist gar nicht so einfach, ist sie doch ein Gemisch aus Erlerntem und genetischen Anlagen.

Mehr Kundengerechtigkeit

Banken versuchen es als Auftakt zu einem Beratungsgespräch mit einem selbstgestrickten Fragebogen auf Basis gesetzlicher Vorgaben. "Grundsätzlich sinnvoll", findet AK-Finanzexperte Christian Prantner. Allerdings ortet er zu viel Spielraum bei der Gestaltung. Er wünscht sich von der Finanzmarktaufsicht die Konkretisierung mancher Details: "Da werden dehnbare Begriffe wie wachstumsorientierte Werte verwendet." Mehr Kundengerechtigkeit hält Prantner für angebracht: "Man kann den Verdacht hegen, das wird zuweilen bewusst als spanisches Dorf gestaltet."

Auf solch klassische Fragebögen gibt die deutsche Finanzpsychologin Monika Müller wenig: "Die Risikobereitschaft einer Person kann, ähnlich wie die Bestimmung des IQ, nur auf einer künstlichen Skala mit der Risikobereitschaft anderer verglichen werden." Menschen haben ihrer Einschätzung nach eine recht unterschiedliche Vorstellung darüber, was Risiko ist. Allerdings gilt: "Ist man mit 18 Jahren risikofreudig, ist man es auch mit 80."

Fragebogen zur Klärung

Mit einem umfassenden Fragebogen versucht sie, ihren Kunden zu einem präzisen Selbstbild zu verhelfen. Müller coacht Menschen, die ihre Anlagestrategie ändern, und Vermögensberater, die ihre Kunden besser verstehen wollen. "Kommen schlechte Nachrichten von der Börse, besteht die Gefahr, dass ich die Bewertung ändere", beschreibt sie den typischen Fluchtreflex. Nicht nur der teuflische Lemming-Effekt, sondern auch die Überschätzung der eigenen Risikofähigkeit führt zu falschen Entscheidungen. Das will Müller herausarbeiten. "Das Ziel muss sein, dass man ein Stück weit immunisiert wird gegen kurzfristige Informationen."

Wie es um die persönliche Wohlfühlzone bestellt ist, könne jeder nur für sich entscheiden: "Auch wenn die Börsen in China einbrechen, bleibt meine Risikobereitschaft die Gleiche. Die Wahrnehmung kann schwanken." Eine Feststellung, die auch Florian Kolb von der Walser Privatbank bei der Beratung vermögender Kunden macht. "Wir hatten sechs Jahre steigende Kurse. Da nehmen die Menschen wahr, dass das Risiko geringer ist. Wenn es an den Märkten rum- pelt, rückt das Thema wieder in den Fokus." Die Bank arbeitet mit Müllers System des Risikoprofilings. Der Lerneffekt: "Die meisten Anleger schätzen sich risikoaverser ein, als sie sind", sagt Kolb. Rund um die China-Turbulenzen hätten die Kunden dank proaktiver Aufklärung "besonnen reagiert".

Langer Lernprozess

Am Ende hätten Kunden und Banken noch einen langen Lernprozess vor sich, glaubt Lutz Johanning, Kapitalmarktforscher an der deutschen Otto Beisheim School of Management. Er hält Standards für die Bewertung verschiedener Produktanbieter für erforderlich. "Das müsste ähnlich wie beim Autofahren funktionieren. Länderübergreifend heißt Stopp immer und überall Stopp." (Regina Bruckner, 24.9.2015)

  • Fallschirmspringen macht Spaß. Allerdings nicht allen Menschen. Und wer in der Freizeit gerne  ins Risiko geht, muss in Gelddingen noch lange nicht alles auf eine Karte setzen.
    foto: apa/epa/how hwee young

    Fallschirmspringen macht Spaß. Allerdings nicht allen Menschen. Und wer in der Freizeit gerne ins Risiko geht, muss in Gelddingen noch lange nicht alles auf eine Karte setzen.

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