Woher kommt die Ignoranz in Bezug auf feministische Ideen?

Blog24. September 2015, 07:00
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Antje Schrupp geht der Frage nach, warum feministische Theorien (vor allem von Männern) nicht einbezogen werden

Feministin sein ist fast immer schön – ich schreibe das nach einem intensiven und ertragreichen Wochenende mit Denkfreundinnen –, aber gleichzeitig auch immer wieder frustrierend. Der frustrierende Teil bezieht sich für mich weniger auf so lächerliche Sachen wie rosa Bratwürste oder den mühsamen alltäglichen Kulturwandel oder auf tatsächlich schwierige Prozesse wie die Aushandlung interkultureller Differenzen in Bezug auf die Geschlechterdifferenz. Solche Hindernisse gehören zu einem politischen Aktivismus dazu.

Mein wirklicher Frust (und ich glaube, es geht anderen Feministinnen ähnlich) ist die undurchdringliche Ignoranz der männlichen Kultur – und tatsächlich eben auch vieler Männer aus Fleisch und Blut – in Bezug auf feministische Inhalte.

Manche von uns machen sich immer mal wieder die Mühe, an der einen oder anderen Stelle den Konflikt auszutragen. Eine Freundin zum Beispiel schrieb kürzlich an den Wirtschaftsredakteur einer großen Zeitung und fragte ihn, warum er in seiner Kritik an der Mainstream-Ökonomie eigentlich keine einzige Ökonomin zitiere, sondern nur Texte von Männern. Seine Antwort war so nett wie aufschlussreich: "Ich muss leider bekennen, dass ich die feministisch-ökonomische Literatur nicht genug kenne, um Fundiertes dazu sagen zu können. Ursache ist nicht Geringschätzung, sondern dass ich einfach nicht in allen wichtigen Themen vorne mit dabei sein kann. In Sachen Gleichberechtigung stimmt immerhin auch ohne mein Zutun die Richtung. In den Fragen, für die ich mich besonders engagiere, geht es in die falsche Richtung."

Feminismus zielt nicht nur auf Gleichberechtigung ab

Das Schema ist ein Altbekanntes: Die meisten Männer glauben, dass es bei feministischer Theorie ausschließlich um "Gleichberechtigung" gehe, und sie kommen gar nicht auf die Idee, dass sie dort vielleicht Anregungen und Inspiration für alle möglichen anderen Dinge finden könnten, zum Beispiel eben für eine Kritik an der Mainstream-Ökonomie oder was immer es für Themen sind, an denen sie selber gerade arbeiten.

Es sind nicht die mittelmäßigen Krawallmacher, um die es mir dabei geht, die mit billiger "Feminismuskritik" ein paar schnelle Klicks generieren wollen oder als Ritter gegen einen von ihnen herbeifantasierten Genderwahn das Abendland vor dem Untergang bewahren müssen. Das sind politische Gegner, mit solchen muss man leben. Es geht mir vielmehr um die eigentlich Wohlwollenden, diejenigen, die in ihrer Selbstwahrnehmung nichts gegen Feminismus an und für sich haben. Und die oft eigentlich auch klug sind, bis auf diesen einen blinden Fleck eben. Ich verstehe nicht, woher der kommt.

Ignoranz feministischer Theorien

Kürzlich war ich zum Beispiel bei einer Veranstaltung mit einem recht bekannten deutschen Intellektuellen, den ich sehr schätze, dessen Texte ich oft sehr gut und inspirierend finde. Und er hielt auch wieder einen klugen Vortrag, bei dem ich viel Neues lernte. Bis dann diese Stelle kam, vor der ich mich schon regelmäßig fürchte (weil sie leider inzwischen fast mit Sicherheit kommt).

In diesem Fall sprach er im Lauf seiner Rede unter anderem über Maria, darüber, wie wichtig diese Figur für die westliche Kultur sei, und regte an, dass man sich mehr mit ihr beschäftigen sollte. Und sagte dann, in einem Nebensatz: Nicht einmal die feministische Theologie würde sich ja so richtig mit Maria beschäftigen, sondern sich stattdessen lieber darauf kaprizieren, die deutsche Sprache zu verhunzen (womit er vermutlich die Bibel in gerechter Sprache meinte). Natürlich erntete er dafür prompt die vorhersehbaren Lacher aus dem linksintellektuellen, sich fortschrittlich findenden Publikum.

Nur ist es halt so, dass die feministische Theologie eine bibliotheksfüllende Literatur über Maria hervorgebracht hat. Zu behaupten, feministische Theologinnen würden sich für Maria nicht interessieren, ist so ungefähr das Uninformierteste, was sich über das Thema sagen lässt. Bei jedem anderen Gegenstand könnte sich kein Intellektueller eine so eklatante Offenbarung seiner Unkenntnis leisten, ohne vom Publikum ausgelacht zu werden.

Feministische Forschung einbeziehen

Aber in Bezug auf feministische Theorie ist Ahnungslosigkeit eben kein Makel, sondern scheint im Gegenteil fast schon eine Art kultureller Code zu sein, mit dem sich Zugehörigkeit zu den "ernstzunehmenden Kreisen" der Debatte markieren lässt. Distinktionsgewinn durch demonstratives Zelebrieren von Desinteresse. Es ist schick, von Feminismus keine Ahnung zu haben, das kann man quasi wie einen Orden vor sich hertragen.

Hinterher stand ich noch mit einigen anderen feministischen Theologinnen zusammen, und wir stellten fest, dass keine von uns Lust gehabt hatte, dazu überhaupt noch etwas zu sagen. Weder in der anschließenden Diskussion mit dem Vortragenden noch zu unseren Sitznachbarn, die zu der Szene ihre beifälligen Lacher beigesteuert hatten. Es ist nämlich bereits alles gesagt.

Aber ich kann es nicht verstehen. Warum lesen Männer, die nach Alternativen zur Mainstream-Ökonomie suchen, keine feministische Ökonomiekritik? Warum wissen Männer, die sich für Maria interessieren, nichts über all die feministisch-theologischen Forschungen zu Maria? Das heißt doch nicht, dass sie allem, was sie da lesen würden, zustimmen müssten (was auch ganz unmöglich wäre, weil feministische Theologinnen sich über Maria ja ebenso uneins sind, wie feministische Ökonominnen eine Vielzahl unterschiedlicher bis gegensätzlicher Theorien und Ansätze hervorgebracht haben). Sondern sie könnten doch die dort entwickelten Forschungsergebnisse und Diskussionsbeiträge in ihre Überlegungen einbeziehen, sie kritisch diskutieren, meinetwegen auch widerlegen, um dann von dieser Basis aus weiterzudenken. Müsste das denn nicht in ihrem eigenen Interesse sein?

Nein, ich kann es nicht verstehen. (Antje Schrupp, 24.9.2015)

Antje Schrupp stellt dieStandard.at in regelmäßigen Abständen Beiträge ihres Blogs zur Veröffentlichung zur Verfügung.

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    foto: ap/daniel maurer
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