"I thank the Lord": Die letzte Etappe einer Flucht

Userkommentar23. September 2015, 13:56
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Ein 13-jähriger Syrer erzählt von seiner Flucht nach Deutschland, die in Damaskus ihren Ausgang nahm

Vergangenen Sonntag umarmte ich in der Früh meine Frau und meinen Sohn, um mich auf eine entspannte und ereignislose Reise nach Frankfurt zu begeben. Wenig später saß ich im Flugzeug neben einem jungen Burschen, der mich fragte, ob es denn erlaubt sei, das Boarding-Ticket zu falten und einzustecken, und der offenbar seine erste Flugreise vor sich hatte. Wir kamen ins Gespräch, und mir wurde danach unsäglich schwer ums Herz, ein Gefühl, das bis heute anhält.

Der 13-Jährige aus einer syrischen Mittelstandsfamilie hatte bis vor zehn Tagen noch nie seine Heimat verlassen. Er sprach sehr gut Englisch und erzählte mir auf Nachfrage stolz, dass er zu Hause in Damaskus nicht nur im Sport-, sondern auch im Englischunterricht Klassenbester wäre. Er sei gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder auf der Flucht nach Deutschland; Mutter und Schwester wären noch in Syrien und hofften nachzukommen. In Frankfurt am Flughafen "ergaben" sie sich der Polizei in der Hoffnung auf Asyl.

Die letzten Tage in Damaskus

Der junge Bursch erzählte von den letzten Tagen in Damaskus, von dem markanten Geräusch, das einem Granateneinschlag vorausgeht, und der Hoffnung, dass man verschont bleibt. Er erzählte von der dauernden Angst vor einem Bombentreffer im Schulgebäude oder seinem Wohnhaus. Als sie es nicht nicht mehr aushielten, gingen sie weg. "We just keep going", sagte er. Zuerst in die Türkei, von dort mit dem Schlauchboot nach Griechenland: Er schilderte die Überfahrt sehr eindringlich – es muss grauenhaft gewesen sein, die Gefahr des Kenterns war real, und als Sportler war ihm klar, dass man mehrere Kilometer in rauer See nicht überlebt, da man an der Gischt erstickt.

Von Griechenland ging es mit einem Auto nach Mazedonien und weiter nach Kroatien. Am Samstag wurden sie mit ungarischen Bussen nach Wien gebracht, wo sie Flugtickets nach Frankfurt kaufen konnten. Drei Mittelsitze über den Flieger verteilt – im wahrsten Sinn des Wortes "last minute". Dass die letzte Etappe nach Frankfurt klappte, konnte sich der Bursch, ein syrischer Christ, nur mehr mit "I thank the Lord" erklären. Schlimm muss es für ihn und seine Familie in Ungarn gewesen sein. "My father is an old man", sagte er, und dann zeigte er mir mit drastischen Gesten, wie die ungarischen Sicherheitskräfte seinen Vater mit Faustschlägen in den Bus prügelten: "I will never go to Hungary again in my life!"

Der historische Zufall

Er erzählte mir dann noch von seinen Freunden, die er in Damaskus zurücklassen musste, und dass er hoffe, bald neue und vor allem gute Freunde zu finden. Das Gespräch klang gegen Ende des Fluges aus, und bald hatte der erst 13-jährige Flüchtling, der seine Mutter, seine Schwester und seine Freunde vermisst, diesen hoffnungslosen und grenzenlos traurigen Blick, den ich schon bei den syrischen Jugendlichen am Westbahnhof gesehen habe, die mit der ersten Welle aus Ungarn entkommen konnten.

In Frankfurt fühlte ich mich irgendwie hilflos – viel mehr als freundliche Worte und etwas Geld waren in der Situation nicht möglich. Ich hoffe, dass die Familie des jungen Syrers bald wieder vereint ist, und denke dabei immer wieder daran, dass ich im Gegensatz zu ihm in ein paar Tagen wieder nach Hause reisen werde. Ich denke auch an die mahnenden Worte des polnischen Historikers und Vorsitzenden von "Humanity in Action, Poland", Jan Piskorski: "Alle, die dank des historischen Zufalls sicher in warmen Häusern wohnen, die Hunger, Angst um die Nächsten und ständige Flucht nicht kennen, sollten sich vergegenwärtigen, dass wir alle potenzielle Flüchtlinge sind." (Stephan Neuhäuser, 23.9.2015)

  • Flüchtlinge unterwegs in Kroatien vergangene Woche.
    foto: reuters/stoyan nenov

    Flüchtlinge unterwegs in Kroatien vergangene Woche.

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