Hella Jongerius: "Farbe braucht einen Nachbarn"

Interview25. September 2015, 07:37
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Die Niederländerin zählt zu den renommiertesten Designern der Welt. Der Stargast der Vienna Design Week im Gespräch

Hella Jongerius ist längst ganz oben angekommen. Sie entwarf für Nymphenburger Porzellan ebenso wie für KLM, Vitra, Swarovski oder Cappellini. Ihre Arbeiten findet man in Vitrinen bekannter Galerien und Museen genauso wie in einem Regal von Ikea. Die Design-Chefauskennerin Paola Antonelli vom New Yorker MoMA bezeichnete sie als "einzigartiges Talent ohne Rivalen". Ihre Vasen, Möbel, Waschbecken und Teppiche bringt sie in Form, indem sie die Dinge erforscht, das Handwerk analysiert, Neues in bereits Bestehendem freilegt und in ihre Formensprache übersetzt. Dabei ist sie sich auch bewusst, wie entscheidend die Auswahl der Farbe für den Erfolg eines Produktes sein kann.

foto: gerrit shcreurs
Coloured Vases, Series 3, 2010

STANDARD: Warum streichen so viele Menschen ihre Wände weiß und trauen sich nicht an Farben?

Hella Jongerius: Ich hab keine Ahnung. Es interessiert mich auch nicht besonders, was Menschen in ihrem Haus machen. Mir geht es vor allem um Rezepturen von Farben für die Industrie.

STANDARD: Aber die landen letztendlich im Haus von Menschen. Anders gefragt: Haben Menschen Angst vor Farben? Der britische Künstler David Batchelor zum Beispiel schrieb ein Buch, das "Chromophobia" heißt.

Jongerius: Sagen wir es so: Ich glaube, es gibt sehr viele Menschen, die sich in Sachen Farben sehr unsicher sind und sich auch nicht gut auskennen. Farben sind ein schwieriges Thema.

STANDARD: Warum? Etwas ist rot, blau, grün oder hat sonst eine Farbe. Was ist daran schwierig?

Jongerius: Farben ändern sich ständig. Sie sehen eine Farbe morgens anders als am Abend. Ihre Augen verändern sich über den Tag. Eine bestimmte Farbe sieht auf einem Objekt anders aus als auf einem anderen usw. Dazu kommen auch noch jede Menge Geschmacksfragen. Das verunsichert viele Menschen.

STANDARD: Kann man Farben lernen?

Jongerius: Nun, es gibt ja keine falschen Farben. Sagen wir, es ist wie beim Essen. Einen Tag wollen Sie Pasta, am nächsten Tag Schnitzel. Der Magen verlangt nach Essen. Das Auge nach Farben. Manche Menschen kennen sich besser aus, manche weniger.

foto: marcus gaab for vitra

STANDARD: Vielen fällt es leichter, sich für ein bestimmtes Möbel zu entscheiden, bei der Farbwahl aber quälen sie sich. Was ist denn so schwer daran?

Jongerius: In der Tat, bei der Kleidung funktioniert das besser. Die Menschen sind daran gewöhnt, sich jeden Tag zu überlegen, was sie anziehen. In häuslichen Belangen verhalten sich die Leute konservativer. Das liegt zum einen daran, dass man ein Möbel nicht wechselt wie ein Kleidungsstück. Viele vergessen im Möbelgeschäft, welche exakte Farbe ihr Fußboden, das Sofa oder der Vorhang hat, und werden dadurch unsicher, was wo dazupassen könnte. Und darum gehen sie auf Nummer sicher, kaufen also etwas Schwarzes, Weißes oder Rotes.

STANDARD: In Sachen Kleidung scheinen die Menschen also weniger chromophob zu sein.

Jongerius: Auch hier gibt es viele, die nur Schwarz oder Weiß tragen, obwohl sie Farben vielleicht gern haben. Das Thema ist wie gesagt heikel, deshalb fasziniert es mich auch so. Ich könnte mich für den Rest meines Lebens damit beschäftigen, so viele Aspekte gibt es.

STANDARD: Was macht eine Farbe aus?

Jongerius: Eine Farbe braucht ein Material, eine Form und ein bestimmtes Licht. Vergessen Sie nicht, das Licht in Schweden ist anders als in Spanien. Außerdem braucht eine Farbe einen Nachbarn. Neben einer Farbe, egal auf welchem Objekt, kommt immer ein Objekt mit einer anderen Farbe, welches Einfluss ausübt. Farben sind etwas Fließendes.

STANDARD: Wenn Sie einem blinden Menschen die Bedeutung des Wortes Farbe erklären müssten, was würden Sie ihm sagen?

Jongerius: Farbe ist die Lebendigkeit des Lichts.

STANDARD: Wie wichtig ist denn eine Farbe für den Erfolg eines Produktes?

Jongerius: Sehr, auch wenn sich Schwarz und Weiß am besten verkaufen. Eine Farbe kann dennoch für Erfolg oder Misserfolg eines Produktes entscheidend sein, denn sie gibt ihm Identität.

foto: vitra
Polder Sofa XXL für Vitra, 2005

STANDARD: Gleichzeitig sagen Sie, die Industrie leide an einer Farbanorexie. Warum?

Jongerius: Die Leute, mit denen wir als Designer in Unternehmen zusammenarbeiten müssen, also auch Menschen aus der Farbindustrie, gestalten ihre Farbrezepte sehr kommerziell, das heißt, es werden nicht zu viele Pigmente angeboten, und die sind in der Regel synthetisch hergestellt. Damit müssen wir leben und die Konsumenten somit auch. Die Kunst hat es diesbezüglich leichter, ihre Farben sind viel reicher.

STANDARD: Es gibt doch aber sehr viele Farben im Design.

Jongerius: Lassen Sie es mich so erklären. Ein Künstler gibt einen bestimmten Rotton in seine grüne Farbe, dadurch wird diese auf eine faszinierende Weise dunkler. Die Industrie schüttet Schwarz dazu. Das macht das Grün zwar auch dunkler, aber nicht so üppig.

STANDARD: Sie sagten einmal, Kunst sei die große Schwester des Designs. In Sachen Farben ist Design also die kleine Stiefschwester.

Jongerius: Künstler haben die Möglichkeit, sich ihre Farben selbst zu gestalten. Schauen Sie sich nur an, welche Farben Künstler in die Welt brachten. Die Qualität von Farben ist also in der Kunst zu Hause, und wir sollten glücklich sein, sie dort sehen zu dürfen.

foto: marcus gaab for vitra

STANDARD: Sie sind unter anderem bei Vitra als Art-Director für Farben und Oberflächen engagiert und arbeiten an einer Art Farbbibliothek. Wie kann man sich diese Arbeit vorstellen?

Jongerius: Wir arbeiten bereits seit Jahren an einem Farbensystem. Die Idee kam mir, als ich im Rahmen eines Auftrags für Vitra die Farben im Archiv studierte. Man könnte sagen, wir sammeln Farbsammlungen von zeitgenössischen Designern, aber auch von Leuten wie Prouvé oder Eames. Auch Leder- und Plastikfarbarchive kommen bei uns zusammen. Aus diesem großen Fundus entwickle ich "Brückenfarben", wie ich sie nenne. Daraus entsteht ein lebendiges, sich veränderndes Farbsystem.

STANDARD: Können Farben mit der Zeit langweilig werden?

Jongerius: Bestimmt. Aber Farben lassen sich ja leicht verändern. Vielleicht braucht ein Objekt einfach nur einen neuen Nachbarn, und schon ist das Problem gelöst.

STANDARD: Was halten Sie von Farbzuschreibungen für politische Parteien, also Rot für die Sozialisten, Schwarz für Konservative etc.?

Jongerius: Nichts, das ist doch alles ein Marketing-Blödsinn. Das gilt auch für "Rot als Farbe der Liebe", "Grün als Farbe der Hoffnung" etc. Farbe war immer schon ein starkes Marketing-Tool.

STANDARD: Es gibt Menschen, die sagen, Design müsse heutzutage eine Geschichte erzählen. Auch Marketing-Blabla?

Jongerius: Ja, es gibt so viele solcher Phrasen, um Dinge besser verkaufen zu können. Dabei ist das Gift für unseren Berufsstand. Ein gutes Produkt stellt selbst eine Geschichte dar. Man muss keine dazuerfinden. Den Konsumenten wird viel Nonsens erzählt. Dabei ist mir natürlich schon auch klar, dass Unternehmen Marketing brauchen.

STANDARD: Sie werden die Frage, die ich zum Schluss stelle, nicht mögen ...

Jongerius: ... welche meine Lieblingsfarbe ist (lacht).

STANDARD: Exakt.

Jongerius: Nun, es ist jede Minute eine andere, in einem anderen Licht und in einem anderen Kontext. (Michael Hausenblas, RONDO, 25.9.2015)

foto: klm
KLM Business-Class-Kabinen-Interieur, 2013

Hella Jongerius wurde 1963 in De Meern bei Utrecht geboren. Sie absolvierte die Design Academy in Eindhoven und trug in den 1990er-Jahren zum Weltruf der legendären "Droog Design"-Gruppe bei, ehe sie sich mit ihrem Jongeriuslab ihren eigenen Platz in der Topriege internationaler Designer erarbeitete. Mittlerweile lebt sie in Berlin.

Design-Talk mit Hella Jongerius im Rahmen der Vienna Design Week am Freitag, 25. September um 17 Uhr im Vitra-Showroom, Schottenring 12, 1010 Wien

Anmeldung: magdalena.wojtowicz@vitra.com

jongeriuslab.com

Vienna Design Week

  • Hella Jongerius bei der Arbeit. Für Vitra erstellt sie eine Art Farbbibliothek.
    foto: marcus gaab für vitra; vitra

    Hella Jongerius bei der Arbeit. Für Vitra erstellt sie eine Art Farbbibliothek.

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