Terrorangst hemmt Tourismus in Tunesien

23. September 2015, 09:00
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Urlauber bleiben zuhauf aus, für das Land könnte das zu einer wirtschaftlichen Katastrophe werden

Tunis/Madrid – Es ist eingetroffen, was viele befürchtet haben. Tunesiens Tourismusindustrie ist zusammengebrochen. Nach den Anschlägen auf das Museum Bardo in der Hauptstadt Tunis im März, bei dem 22 Menschen ihr Leben verloren, und dem Überfall auf eine Hotelanlage in Sousse im Juni, bei der weitere 38 Menschenleben zu beklagen waren, bleiben die Urlauber aus. Seit Jahresbeginn kamen nur vier Millionen Touristen ins Land. Vor einem Jahr waren es im gleichen Zeitraum noch eine Million mehr, wie Tourismusministerin Selma Elloumi Rekik jetzt bekanntgab.

Bei europäischen Besuchern ist ein Rückgang um die Hälfte zu beklagen. So kamen etwa seit Jahresbeginn 42 Prozent weniger Deutsche als im Vorjahreszeitraum. Mehrere Länder haben strikte Reisewarnungen ausgesprochen, darunter Großbritannien, der wichtigste Markt Tunesiens im Geschäft mit Sonne und Strand. Alleine im Juli verzeichnete Tunesien 93 Prozent weniger britische Besucher als im gleichen Monat 2014. Von den 38 Toten in Sousse waren 30 Briten.

Bewaffnete Patrouillen

Zu den beiden Terrorakten hatten sich radikale Islamisten aus dem Umfeld der Terrormiliz "Islamischer Staat" bekannt. Seit dem Anschlag von Sousse patrouillieren schwerbewaffnete Polizisten an den Stränden und vor den großen Hotelkomplexen des Landes.

Es ist ein harter Schlag für die Wirtschaft des Landes, das nach dem Sturz des langjährigen Diktators Zine el-Abidine Ben Ali im Jänner 2011 seinen Weg in die Demokratie sucht. Der Tourismus stellt rund acht Prozent des Bruttoinlandprodukts. 400.000 der rund zehn Millionen Tunesier arbeiten im Tourismusgewerbe.

Heuer kamen durch Einnahmen aus der Tourismusbranche bisher nur noch halb so viele Devisen in das Land wie 2010, dem Jahr vor der Revolution. Im August belief sich der Rückgang an Deviseneinnahmen gar auf 70 Prozent. Einzig die Zahlen der Besucher aus den umliegenden Ländern Nordafrikas und aus den Emiraten verzeichnen Zuwachs.

Rückzug der Touristiker

Der wirtschaftliche Schaden der beiden Anschläge beläuft sich auf 450 Millionen Euro, rechnet Tourismusministerin Rekik vor. Die Krise ist längst nicht ausgestanden. Diese Woche kündigten gleich mehrere internationale Unternehmen ihren Rückzug aus Tunesien an. Die spanische Hotelkette Rui, an der die deutsche Tui die Hälfte der Aktien hält, will ihre neun Anlagen schließen. Rui ist Besitzerin des Hotels Marhaba, das im Juni überfallen wurde. Elf weitere Großhotels in Sousse haben seit dem Anschlag bereits ihre Türen geschlossen. In ganz Tunesien haben 50 der 600 Großhotels den Betrieb zumindest vorübergehend eingestellt.

Die belgische Tui-Tochter Jetair hat bis Anfang kommenden Jahres alle Flüge storniert. Anfang des Monats hat Thomas Cook Belgien alle Aktivitäten in Tunesien bis März 2016 ausgesetzt. Die Besucher bleiben ganz einfach aus, nachdem das belgische Außenministerium vor Reisen in das nordafrikanische Land warnt.

Die tunesische Regierung versucht, der Entwicklung gegenzusteuern. Auf den Tourismusmessen wird das Land mehr denn je beworben. Leere Sitzplätze in den Flugzeugen werden bezuschusst, um weitere Linienstreichungen zu verhindern. Seit diesem Monat entfällt die nach der Revolution eingeführte Ausreisegebühr von 13 Euro pro Besucher. Urlaubsregionen wie die Insel Djerba versuchen, die Reisenden mit kulturellen Aktivitäten aller Art anzulocken. Doch die Strände bleiben weiterhin leer. Auch wenn die Regierung versichert, die Sicherheit im Griff zu haben, wollen nur wenige Europäer ihren Urlaub unter strenger Polizeibewachung verbringen. (Reiner Wandler, 23.9.2015)

  • Die Strände Tunesiens bleiben seit den Terrorismusanschlägen in Tunis und Sousse leer. Trotz der Beteuerung der Regierung, die Sicherheit im Griff zu haben, wollen nur noch wenig Europäer hier urlauben.
    foto: ap / paul schemm

    Die Strände Tunesiens bleiben seit den Terrorismusanschlägen in Tunis und Sousse leer. Trotz der Beteuerung der Regierung, die Sicherheit im Griff zu haben, wollen nur noch wenig Europäer hier urlauben.

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