Merkel hätte auch Schröder in ihrem Kabinett ertragen

22. September 2015, 16:50
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Wohlfühlgeschichtsstunde in Berlin: Deutschlands Kanzlerin stellt Biografie ihres Vorgängers vor

Es ist zunächst alles wie immer: Angela Merkel formt mit den Händen ihre berühmte Merkel-Raute. Gerhard Schröder zeigt sein berüchtigtes Haifisch-Grinsen. Dann lächeln sie sich an und scherzen miteinander. Das ist jetzt doch ungewöhnlich.

Denn eigentlich gehen sich die beiden ehemaligen Konkurrenten, seit die deutsche Kanzlerin vor zehn Jahren Schröder ablöste, aus dem Weg. Gemeinsame Auftritte gibt es nur ganz selten. Unver gessen ist jene Elefantenrunde im Fernsehen, bei der Schröder am Wahlabend 2005 Merkel anblaffte, sie werde niemals Kanzlerin werden und möge doch bitte mal die Kirche im Dorf lassen.

Kuschelige Geschichtenstunde

Es kam anders. Merkel sitzt jetzt schon zehn Jahre im Kanzleramt, länger, als es Schröder geschafft hatte. Und an diesem Dienstag schreibt sie wieder einmal Geschichte: Sie präsentiert höchstpersönlich die Biografie ihres Vorgängers (Gerhard Schröder. Die Biographie, Autor Gregor Schöllgen, Deutsche Verlags-Anstalt).

Enttäuscht wird, wer ein Duell der beiden erwartet hat – sozusagen die Fortsetzung jener Elefantenrunde zehn Jahre später. Vielmehr veranstalten Merkel und Schröder eine kuschelige Geschichts- und Geschichtenstunde, in der sie deutlich machen, wie sehr sie einander schätzen.

Schröders Krampfadern

"Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen", wirbt Merkel für die mehr als 1000 Seiten umfassende Biografie. Man erfahre darin, was Schröder angetrieben hat, und auch "so manches amüsante Detail", sagt Merkel. Nämlich: "Bei Gerhard Schröder wurden mit 19 Jahren Krampfadern diagnostiziert."

Daher sei er auch nicht voll für den Wehrdienst tauglich gewesen. Sie lobt aber nicht nur das Buch, sondern auch den darin Beschriebenen. Nicht immer sei sie außenpolitisch mit Schröder einer Meinung. "Doch das ändert nichts an meiner Hochachtung für die Leistung des Reformers Gerhard Schröder." Sie meint damit die "Agenda 2010" – jene tiefen Einschnitte in den Sozialstaat, die Schröder im Jahr 2005 die Kanzlerschaft gekostet haben.

Kreativer Mensch

Und Schröder? Hat er an Merkel irgendetwas auszusetzen: "Zu Fehlern sag ich nix", erklärt er und lacht. Bei so viel Harmonie hätte er ja eigentlich in Merkels großer Koalition (2005 bis 2009) auch ein Amt bekleiden können, findet jemand aus dem Publikum. "Da wäre ich auch mit klargekommen", meint Merkel, aber ihr Gesicht spricht Bände, auch wenn sie schnell hinzufügt: "Solche kreativen Menschen kann man immer gebrauchen."

Sie erinnert sich an den Sommer 1995, als sie – damals Umweltministerin unter Helmut Kohl – "einen Weinanfall" im Kabinett bekommen habe, weil sie ihr Sommersmoggesetz nicht durchbekam. Und wer hat’s gerichtet: Schröder, der damals niedersächsischer Ministerpräsident war.

Hoffnung auf SPD-Kanzler

"Unheimlich berührt" habe sie auch, dass Schröder ihr 2005 zur Amtsübergabe einen Kuchen ins leere Kanzlerbüro gestellt habe. Dabei muss es überhaupt recht lustig zugegangen sein, wie sich Schröder erinnert: "Frau Merkel wollte die Geheimakten sehen. Ich sagte, es gibt keine. Dann fragte sie nach dem Tresor, und wir öffneten ihn." Gefunden haben sie keine brisanten Papiere, sondern Uhren, die der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi einmal mitgebracht hatte.

Da sich die beiden so gut verstehen, bleiben eigentlich nur zwei Fragen: Gehen sie oft miteinander essen? Und wie lange soll Merkel noch Kanzlerin bleiben? "So ausschweifend wollen wir nicht werden", sagt Merkel und erklärt, dass man eher mal telefoniere und es "ein Grundvertrauen zwischen den Büros" gebe. Bei aller Wertschätzung – eines macht Schröder dann doch deutlich. Er habe schon die "Hoffnung", dass nach der Bundestagswahl im Jahr 2017 dann die SPD den Kanzler stelle. (Birgit Baumann aus Berlin, 22.9.2015)

  • Zwei, die einmal Gegner waren, sich aber heute recht gut verstehen: Gerhard Schröder, der von 1998 bis 2005 Kanzler war, und Nachfolgerin Angela Merkel.
    foto: ap / sohn

    Zwei, die einmal Gegner waren, sich aber heute recht gut verstehen: Gerhard Schröder, der von 1998 bis 2005 Kanzler war, und Nachfolgerin Angela Merkel.

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