Seattle Seahawks warten auf den Boom

Analyse25. September 2015, 13:18
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Seattle legte einen Fehlstart in die National Football League hin. Die berüchtigte Verteidigungslinie "Legion of Boom" wurde gesprengt

39 Minuten waren in der zweiten NFL-Runde zwischen den Green Bay Packers und den Seahawks gespielt, als Seattle-Headcoach Pete Carroll neue Hoffnung schöpfte. Quarterback Russel Wilson bediente Doug Baldwin haargenau in der Endzone und brachte sein Team mit 16:13 in Führung. Carroll ballte die Fäuste und jubelte. Die meiste Zeit aber blickte er ratlos aufs Spielfeld. Am Ende verlor Seattle 17:27 und legte den schlechtesten Saisonstart seit vier Jahren hin.

Es greifen noch nicht alle Zahnrädchen ineinander in der Seattle-Maschinerie. Die Ursache dafür ist in erster Linie im veränderten Kader zu suchen. Erst Ende Juli gewann Star-Quarterback Russel Wilson einen langwierigen Gehaltspoker mit der Franchise aus dem äußersten Westen des Landes. Der 26-Jährige handelte einen Vertrag für vier Jahre um 87,6 Millionen Dollar (rund 79 Millionen Euro) aus. Damit stieg er zu dem nach Aaron Rodgers bestbezahlten Spieler der Liga auf.

Der Deal mit Wilson, der sich seit längerem abgezeichnet hatte, stellte die Seahawks durch den Salary Cap – der jährlichen Gehaltsobergrenze für Spieler – vor die knifflige Aufgabe ein funktionierendes Team rund um einen schwerverdienenden Spielmacher aufzubauen.

Löchrige Offensive Line

Bereits vor der Vertragsverlängerung mit Wilson wurde die Offensive Line neu besetzt, die den Quarterback bei eigenen Spielzügen vor Tackles beschützt. Nur zwei der fünf O-Liner stehen noch auf der gleichen Position wie im jüngsten Super Bowl gegen die Patriots. Um Tight End Jimmy Graham von den New Orleans Saints holen zu können, wurde im Tausch Center Max Unger abgegeben. Guard James Carpenter verschlug es nach New York zu den Jets.

Es handelt sich um zwei Abgänge, die wohl unterschätzt wurden – zumindest konnten sie in den ersten beiden Saisonspielen nicht vollständig kompensiert werden. Ungewohnt löchrig wirkte die Offensive Line, Quarterback Wilson wurde bisher achtmal zu Boden gebracht. Auch Runningback Marshawn Lynch, in der Vorsaison mit 1306 Yards der viertbeste Läufer der Liga, fehlt es an unterstützenden Blocks, um sich Wege durch die gegnerischen Abwehrriegel zu bannen. Im Spiel gegen Green Bay machte er im Schnitt magere 2,7 Yards gut.

Graham mit Integrationsproblemen

Ähnlich ergeht es Jimmy Graham, der eine starke Saison 2014/15 spielte. Noch ist es dem 28-Jährigen nicht gelungen, sich nahtlos in die Mannschaft einzufügen. Trotz seiner physischen Stärke gilt Graham als technisch feinfühliger Spieler und schlechter Blocker.

Seattle-Coach Pete Carroll ließ ihn bisher dennoch auf einer klassisch interpretierten Tight-End-Position mit vielen Blockaufgaben spielen. "Ich denke, er ist frustriert", sagte Carroll. "Er arbeitet aber hart und versucht alles, um dem Team zu helfen." In der Partie gegen Green Bay fing Graham nur einen Ball für elf Yards. Die Statistik der Seahawks-Offensive spricht Bände: Wilson nimmt in der Passing-Yards-Wertung nur den 17. Platz ein, Marshawn Lynch liegt an 18. Stelle, was erlaufene Yards betrifft.

Legion of Boom wurde gesprengt

Gebastelt wurde auch an der Defensive, dem Prunkstück des Super-Bowl-Champions von 2013. Die "Legion of Boom", die gefürchtete letzte Verteidigungslinie, wurde gesprengt. Seattle verlängerte den Vertrag mit Cornerback Byron Maxwell nicht, Safety Kam Chancellor befand sich vor wenigen Tagen noch im Streik und feilschte um ein höheres Gehalt. Green-Bay-Quarterback Aaron Rogers entging das Fehlen Chancellors nicht: "In der Mitte ihrer Verteidigung hatten sie einen wunden Punkt, auf diesen haben wir es abgesehen."

Chancellor, der am Sonntag gegen Chicago sein Comeback geben dürfte, gilt nicht nur als einer der härtesten Spieler der Liga, sondern auch als Taktikfreak, der seine Gegner stundenlang analysiert. "Kam fehlt uns. Nicht nur durch die Art und Weise, wie er spielt, sondern auch durch seine Rolle als Anführer", brachte es Teamkollege Michael Bennett auf den Punkt. Safety Earl Thomas verpasste einen Großteil der Vorbereitung wegen einer Schulteroperation und spielt noch nicht in Höchstform. Die Probleme der Seattle-Defensive machen sich auf der Anzeigetafel deutlich bemerkbar: Während sie in der vergangenen Spielzeit noch die wenigsten Punkte zuließ, sind es derzeit 61.

Kein Grund zur Panik

Trotz des schlechten Starts drücken die Seahawks auf die Panikbremse: "Wir sind eine erfahrene Truppe, wir standen schon mal dort, wo wir jetzt stehen", sagte Cornerback Sherman. Auch Headcoach Carroll vesuchte zu beruhigen: "Es ist ständiges Feintuning erforderlich, um auf diesem hohen Niveau zu spielen, man wird in jeder Runde gefordert. An diesem Feintuning arbeiten wir gerade. Dass wir nicht gut gestartet sind, bedeutet nicht, dass wir die Saison nicht erfolgreich beenden werden."

Dass Carroll Recht behalten könnte zeigt die Vorsaison in der die Seahawks nach sechs Wochen bei drei Siegen und ebenso vielen Niederlagen standen. Am Ende scheiterten sie im Super Bowl nur knapp an New England. (Kordian Prokop, 25.9.2015)

  • Seattle-Safety Earl Thomas (rechts) läuft nach einer Schulter-OP seiner Form hinterher.
    ap/jeffrey phelps

    Seattle-Safety Earl Thomas (rechts) läuft nach einer Schulter-OP seiner Form hinterher.

  • Seattle-Headcoach Pete Carroll kann mit dem Auftreten seiner Mannschaft noch nicht zufrieden sein.
    usa today sports/raymond carlin iii

    Seattle-Headcoach Pete Carroll kann mit dem Auftreten seiner Mannschaft noch nicht zufrieden sein.

  • Schlüsselspieler Kam Chancellor beendete seinen Streik und könnte am Sonntag gegen Chicago wieder auflaufen.
    ap/elise amendola

    Schlüsselspieler Kam Chancellor beendete seinen Streik und könnte am Sonntag gegen Chicago wieder auflaufen.

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