Venus von Willendorf: Ein neues Heim für die gealterte Dame

Kopf des Tages22. September 2015, 17:37
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Am Dienstag übersiedelte die "Frau von W." in ihre Hochsicherheitsvitrine im neugeschaffenen Venuskabinett

Über Gewicht und Alter einer Dame spricht man bekanntlich nicht. Dass Anton Kern im Falle der Venus von Willendorf bezüglich ihres Gewichtes schweigt, hat jedoch nichts mit Höflichkeit, sondern vielmehr mit Sicherheitsbedenken zu tun: Wer weiß, wie viel die jungpaläolithische Figurine wiegt, könnte eine exakte Fälschung herstellen.

Über das Alter der Ikone des Naturhistorischen Museums Wien spricht der Leiter der prähistorischen Abteilung umso lieber: Schließlich hat sich die prähistorische Dame mit dem modernen BMI diesbezüglich im Gegensatz zu ihren sexuellen Reizen eher bedeckt gehalten und ladylike um ein paar Jährchen jünger gemacht.

Doch dank neuer Analysemethoden konnten zuletzt die Schichten der Lössablagerungen am Fundort der Venus in der Wachau von einem internationalen Forscherteam rund um die österreichischen Wissenschafter Philip Nigst und Bence Viola neu datiert werden. Bisherige auf der 14C-Methode basierende Altersmessungen wurden nach dem Modell einer konstanten Entstehung des Kohlenstoffisotops berechnet. Da jedoch der 14C-Gehalt der Atmosphäre im Lauf der Geschichte erheblichen Schwankungen unterworfen ist, müssen die Daten der Zeitskala anhand von Untersuchungen der jeweiligen Umweltbedingungen kalibriert werden, um zu möglichst korrekten Resultaten zu kommen.

Das Ergebnis der Untersuchung: Die Fundschicht der Venus ist 29.500 Jahre alt, das Steinfigürchen hat daher um satte 4500 Jahre mehr auf dem nackten Buckel als bisher angenommen.

Umzug in die Hochsicherheitsvitrine

Höchste Zeit also, der alten Dame ein ihrer wissenschaftlichen Bedeutung angemessenes Heim zur Verfügung zu stellen: Am Dienstag übersiedelte die "Frau von W." in ihre Hochsicherheitsvitrine im neugeschaffenen Venuskabinett, das sie sich künftig mit ihrer noch um gut 7000 Jahre älteren Kollegin Fanny, der Venus vom Galgenberg, teilen wird.

Für den neuen Raum verzichtete Kern sogar auf einen Teil seines Büros: In den hohen Museumsräumen wurde einfach eine Zwischendecke eingezogen, der Archäologe sitzt fortan im wahrsten Sinn des Wortes auf dem größten Schatz seiner Abteilung.

Zu besuchen ist die Seniorinnen-FKK-Wohngemeinschaft ab kommenden Mittwoch im Rahmen der Wiedereröffnung der komplett neugestalteten Schausäle der prähistorischen Sammlung. (Michael Vosatka, 22.9.2015)


Büchertipps

  • "Die Frau von W. – Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung". Walpurga Antl-Weiser, Verlag des Naturhistorischen Museums, Wien 2008. ISBN 978-3-902421-25-8
  • "Venus". Fotobuch zum 100. Geburtstag der Entdeckung der Venus von Willendorf, Lois Lammerhuber (Fotografien); Walpurga Antl-Weiser und Anton Kern (Text) Edition Lammerhuber, 2013, ISBN 978-3-901753-08-4
  • Die Venus von Willendorf in ihrer neuen Vitrine.
    foto: nhm/kurt kracher

    Die Venus von Willendorf in ihrer neuen Vitrine.

  • Am Dienstag übersiedelte die Statuette in das neue Venuskabinett.
    foto: apa/helmut fohringer

    Am Dienstag übersiedelte die Statuette in das neue Venuskabinett.

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