"Schnitzelbeat": Männer mit langen Haaren und festem Klopfer

22. September 2015, 17:11
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Das heimische musikarchäologische Projekt "Schnitzelbeat" geht weiter. Auf einer zweiten CD geht es nun nach Rock 'n' Roll um die 1960er-Jahre, wilde Beats und lange Haare

Wien – Wenn man als Vorschulkind 1970 noch sehr nachdrücklich erlebt hat, wie sich nicht ganz so enge Familienmitglieder damals während der Zeit im Bild freuten, dass sich "die Beatles, die langhaarigen Affen", die "alle an die Wand" gestellt gehören, endlich aufgelöst hatten, dann wird einem die Bedeutung dieser Arbeit erst wirklich bewusst.

Zwei Jahre sind seit der im Zeichen des Rock 'n' Roll der 1950er-Jahre und von Ausflügen in den Exotica-Bereich stehenden verdienten Kompilation Schnitzelbeat Vol. 1 vergangen. Nun legt Herausgeber Al Bird Dirt, Jahrgang 1982 und mit ironiefreiem Kiebererbart behübscht, nach. Vol. 2 ist eine weitere Sammlung vergessener, obskurer Perlen heimischer Beat- und Rockmusik – im Original unfassbar mühsam auf Flohmärkten oder über ehemalige Protagonisten aufzutreiben oder bei Onlineauktionen unseres Misstrauens zu Fantasiepreisen ersteigerbar.

Al Bird Dirt hat sich jetzt einige Jahre vorwärts in die 1960er-Jahre begeben. Die besagte Großmutter musste zu dieser Zeit schon mit den Beatles leben. 1965, exakt vor 50 Jahren, treten die Rolling Stones in der Wiener Stadthalle auf und schädigen die deutsche Leitkultur, so wie es zuvor nur die russischen Besatzer vermochten. Zu dieser Zeit können die in Wien beheimateten Slaves, zu denen auch der später als Jazzer international bekannt gewordene, damals erst 15-jährige Gitarrist Karl Ratzer gehört, bezüglich der zumindest äußerlichen Verkommenheit Mick Jaggers nur milde lächeln. Ihre Haupthaare nähern sich dem Hosenboden noch weiter, als es sich die Engländer trauen.

Tunichtgut-Dasein und Dampfradio

Bis zu ihrer Auflösung 1966 bringen es die stilistisch in unmittelbarer Nachbarschaft der Stones, aber auch von US-Originalen wie Muddy Waters oder Bo Diddley lebenden Slaves auf ganze drei Singles und einige Vorgruppenjobs, etwa für The Kinks oder The Lords ("Die deutschen Beatles").

Diese Karriere muss für damalige österreichische Verhältnisse noch als beinahe spektakulär eingestuft werden. Einige der auf Schnitzelbeat Vol. 2: You Are The Only One (Raw Teenage Beat And Garage Rock Anthems From Austria 1964-1970) vertretenen Bands sammelten zwar unbezahlbare Live-Erfahrungen bei diversen, nicht immer züchtig verlaufenden Tanzveranstaltungen im In- und sogar auch im vom kleinen Österreich aus gesehen immer weltweiten Ausland der Schweiz und Deutschlands. Den meisten hier vertretenen Bands sollte der Sprung in die Profikarriere allerdings nicht gelingen.

Unglaublich in Zeiten ständig elektronisch abrufbarer Musik: Offenbar genügte bei entsprechender Neigung zum Tunichtgut-Dasein damals auch das Dampfradio als Informationsquelle für neueste Trends in Sachen Ideale, Moral und wahre Werte mittels akustischer Härte verweigern. Nicht nur aus den Provinzhauptstädten kam diese hauptsächlich im Zeichen der wirkungsmächtigen Beatles stehende Musik. Schwarze Boots, lange Matten und übersteuerte Verstärker hatten schon damals ihren Weg auch in die Dorfgaragen gefunden, lange bevor Carports überhaupt angedacht wurden.

Primitiv und gefühllos

Bei einem tat man sich vor einem halben Jahrhundert allerdings leichter: der Namensgebung. Mit ein wenig Grundschulenglisch im Hintergrund nannte man sich The Boys, The Meadows, The Rockets oder The Counts, mit Maturazeugnis im Gitarrenkoffer gar belesen The Lost Generation – oder besonders originell: The Charles Ryders Corporation. Karl Ratzer war jetzt schon ein wenig älter, und die Drogen waren in seiner neuen Band etwas illegaler geworden. Man versuchte sich jetzt an repetitiver psychedelischer Musik, zu der man gut mit Lucy knutschen konnte, die im diamantbesetzen Himmel wohnt.

Zu dieser Zeit hatte André Heller als Ö3-Moderator schon aufgehört, gegen die primitive, gefühllose Beatmusik zu schimpfen und war Chansonnier geworden. Schnitzel wurden aber auch weiterhin geklopft. (Christian Schachinger, 22.9.2015)

  • "Schnitzelbeat" gräbt vergessene heimische Musikschätze aus: The Slaves, die legendäre Band um den späteren Jazzgitarristen Karl Ratzer (rechts), beweist 1965 Mut zum langen Haupthaar.
    foto: trash rock archives

    "Schnitzelbeat" gräbt vergessene heimische Musikschätze aus: The Slaves, die legendäre Band um den späteren Jazzgitarristen Karl Ratzer (rechts), beweist 1965 Mut zum langen Haupthaar.

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