Jakob Bro: Schönheit auf leisen Sohlen

22. September 2015, 15:40
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Der dänische Jazzgitarrist gastierte mit Thomas Morgan und Joey Baron im Wiener Porgy & Bess

Wien – Jakob Bro lässt sich und seiner Musik gerne Zeit. Viel Zeit. Man kann sich den Dänen als Aquarellisten auf der Gitarre vorstellen. Mit viel Hall tupft er sparsam Töne in den Raum, wo sie langsam verschwimmen und erst im Zusammenspiel mit verblassenden Klängen ihre volle Wirkung entfalten.

Wenn sich das ein wenig nach der Gitarrenlyrik von Bill Frisell anhört, ist das kein Zufall. Der renommierte US-Gitarrist hat bereits auf mehreren Alben seines jungen dänischen Kollegen mitgespielt und ihn auch live begleitet.

Für das aktuelle Album Gefion, mit dem er sich nun auch auf dem Münchner Label ECM als Leader präsentiert, hat Bro auf oftmalige Gäste wie Saxofonlegende Lee Konitz verzichtet und sich auf sein Trio konzentriert. Dessen Bassist Thomas Morgan war es auch, der Bros minimalistische, dabei hochmelodiöse Kompositionen am Montag beim Auftritt im Wiener Porgy & Bess mit seinem warmen Spiel verankerte.

Als Dritter im Bunde fungierte nicht wie zuletzt Drummer Jon Christensen, sondern Joey Baron. Der erfahrene Begleiter von Jazzgitarrengrößen wie John Abercrombie, Jim Hall und Frisell erweist sich als Glücksfall. Meist mit Schlagzeugbesen, oft auch nur mit bloßen Händen bringt Baron das Drumset zum Singen. Greift er zu den Drumsticks, genügt für unwiderstehliche Grooves ein Tänzeln auf den Becken.

Zwar bevorzugt Bro für seine oft schwebend wirkende Musik einen klaren, lange anhaltenden, vor allem mit Delay-Effekten angereicherten Gitarrenton, als er ein Blues-Shuffle anstimmt, kommt aber eine andere, knochentrockene Stimme hinzu. Mit unberechenbaren Phrasierungen entgeht er Klischees, erinnert am ehesten an das eigenwillige Spiel von Howlin' Wolfs einstigem Gitarristen Hubert Sumlin. Als Bro später zum Bottleneck greift, hört sich das an, als würde David Lynch Slide-Gitarre spielen.

In Uptempo-Stücken ist Bro ein Meister dahinperlender Phrasen, eingängig, aber nie kitschig. Ob der niedrigen Lautstärke wartet das Publikum nach Stückende meist noch einige Sekunden, bevor es mit Applaus und Bravorufen einsetzt. Schönheit, sie kommt bei Jakob Bro auf leisen Sohlen. (Karl Gedlicka, 22.9.2015)

  • Braucht nur wenige Töne und niedrige Lautstärke, um Spannung zu erzielen: Jakob Bro mit seiner Telecaster beim Wien-Auftritt im Porgy & Bess.
    foto: wolfgang gonaus

    Braucht nur wenige Töne und niedrige Lautstärke, um Spannung zu erzielen: Jakob Bro mit seiner Telecaster beim Wien-Auftritt im Porgy & Bess.

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