Cybermobbing und Sexting – Experte: "Eltern lassen viel durchgehen"

21. September 2015, 16:59
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Fachenquete vom Berufsverband Österreichischer PsychologInnen zu Sozialen Medien

Mit dem Einzug Sozialer Netzwerke haben sich auch negative Effekte wie das Cybermobbing eingestellt, die nicht zuletzt viele junge User betreffen. Eine Fachenquete des Berufsverbands Österreichischer Psychologen (BÖP) widmete sich am Montag in Wien dem Thema. "Eltern lassen viel durchgehen oder verschließen die Augen", definierte Social-Media-Experte Philip Sinner die Situation in Österreich.

Wenn es dann bei der Internetnutzung tatsächlich zu einer bedrohlichen Situation für die Kinder und Jugendlichen kommt, wird von den Erziehungsberechtigten mit radikalen Maßnahmen wie einem Internetverbot vorgegangen. Bis dahin herrscht jedoch die Vogel-Strauss-Strategie. Dies erklärte Sinner im Gespräch mit der APA zum einem mit dem katholischen Background in Kombination mit der Obrigkeitshörigkeit. Das Verhalten der Eltern mit den potenziellen Gefahren aus dem Web sei in den katholischen Gebieten Deutschlands ähnlicher Natur.

Aufholbedarf

Aufholbedarf gebe es in mehreren Aspekten, berichtete Sinner, Kommunikationswissenschafter an der Universität Salzburg, unter Bezugnahme auf Ergebnisse des Forschungsnetzwerkes "EU Kids online". "Das Smartphone wird von Eltern in Österreich nur sehr wenig kontrolliert", nannte der Experte einen Aspekt. Und der Einstieg in die virtuelle Welt erfolgt immer früher. "Es ist das Kleinkinderalter, die Zeit des Kindergartens", sagte die Medienpädagogin Barbara Buchegger.

"Wollen wir unsere Kinder schützen oder wollen wir sie stärken, damit sie schneller in der Lage sind, Gefahren zu erkennen?", lautete die rhetorische Frage von Buchegger zu den potenziellen Gefahren durch Sexting, Happy Slapping und dem zahlenmäßigen Hauptproblem Cybermobbing. "Ich bin für die letztere Variante", so die Expertin von saferinternet.at. Die aus rund 40 Personen bestehende Initiative bietet Workshops an Schulen an, die der Prävention im Netz dienen.

Einstiegsalter ins Netz sinkt

Die Fakten sprechen für sich: 2010 lag das Einstiegsalter ins Netz in Österreich noch bei zehn Jahren, in Dänemark und Schweden lag es damals bereits bei sieben Jahren. Eine Umfrage auf saferinternet.at zeige, dass 2013 bereits 41 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einmal pro Woche im Internet waren, ergänzte Sinner.

Die Methode mit Filtern, die bestimmte Webseiten sperren, wirkt bei den "Digital Natives" nicht immer: "Kinder sagen, auf Youtube gibt es eh alle Anleitungen, wie man diese wieder entfernt", berichtete Buchegger aus der Praxis. Also kann es nur darum gehen, den Kindern problematische Situationen im Netz zu vermitteln – und das möglichst früh. Sehr schnell erhält der heimische Nachwuchs ein eigenes mobiles Gerät. "Das erste Handy gibt es etwa zur Erstkommunion, dies zeigen uns die Nachfragen aus den dritten und vierten Volksschulklassen, wenn dann die ersten Probleme auftauchen."

Risiko nicht immer negativ

Deutsche Eltern verbieten laut Sinner am stärksten in ganz Europa, woraus die niedrigsten Risikoerlebnisse resultieren, aber auch geringeres Ausschöpfen von Chancen. "Ein Risiko ist nicht unbedingt negativ. Niemand würde seinem Kind etwa das Fahrradfahren verbieten, obwohl es offensichtliche Risiken birgt", argumentierte Sinner passend zum Titel der Veranstaltung "Social Media – Licht und Schatten aus psychologischer Sicht".

Skandinavien zeige etwa eine überdurchschnittliche Nutzung, aber wenig Schaden für die Kinder. Der Grund seien die aktiven Mediationsstrategien der Eltern sowie wenige restriktive Maßnahmen – "Skandinavien ist der Cluster, aus dem wir gut lernen können", folgerte daher der Experte. Denn noch würden hierzulande "passive Vermittlungsstrategien der Eltern" dominieren. (APA, 21.9.2015)

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