Polen verurteilt jedes Verbrechen

Kommentar der anderen21. September 2015, 17:03
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Mangelnde Empathie für Flüchtlinge auf Verbrechen gegen Juden im Holocaust zurückzuführen ist historisch nicht korrekt – zumindest wenn es die Polen betrifft. Eine Replik auf Jan T. Gross

Jan T. Gross hat an dieser Stelle einen Text über die heutige angebliche Fremdenfeindlichkeit in Polen im Kontext von Schuld aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht ("Die osteuropäische Krise der Schande", 16.9.2015).

Gross beginnt seine historischen Erörterungen mit der ebenso effektvollen wie falschen Behauptung, die Polen hätten während des Krieges "mehr Juden als Deutsche" getötet. Betrachten wir die Tatsachen. Polen war das erste, vom Dritten Reich überfallene Land, das den Kampf gegen dieses aufgenommen hat. Am 17. September 1939 wurde es von Hitlers Verbündetem, der Sowjetunion, angegriffen, was weiteren Widerstand unmöglich machte. Die Regierung evakuierte sich nach Westen. In Frankreich entstand eine polnische Armee, die im deutsch-französischen Krieg und in der Schlacht um England mitkämpfte. Nach Ausbruch des Deutsch-Sowjetischen Krieges wurden aus deportierten Polen in der Sowjetunion dort zwei polnische Armeen gebildet. Polnische Soldaten kämpften in Afrika und Italien, befreiten Frankreich und Holland. Im besetzten Polen entstand derweil ein Untergrundstaat mit einer Armee, die im Warschauer Aufstand den offenen Kampf begann. Die Kriegsverluste Polens werden auf sechs Millionen Menschen geschätzt, dazu riesige materielle Zerstörungen.

Judenhilfsrat

Entgegen Gross' Behauptungen war die Rettung von Juden durch Tausende ihrer Mitbürger nicht nur eine Aktion auf eigene Faust. Der polnische Untergrundstaat hat seine Haltung zum Genozid an den Juden klar formuliert, indem er den Judenhilfsrat "Zegota" unterhielt und Verbrechen und Denunziationen unter Strafe stellte. Ein Vertreter Polens war Jan Karski, der einen Bericht über den Holocaust der polnischen und britischen Führung in London zur Kenntnis brachte und Präsident Roosevelt persönlich vorstellte. Polen forderte, unter anderem durch Karski, den Juden müsse Hilfe geleistet werden.

Das heißt nicht, dass es unter den Polen keine Verbrecher und vom Krieg verrohte Personen gegeben hätte. Aber auf eigene Faust und gegen den Willen des polnischen Staates begangene Verbrechen sind mit der totalitären Maschine des Völkermords, die von den Nationalsozialisten im Dritten Reich staatlich legitimiert war, nicht zu vergleichen.

Niemand kann sagen, wie viele Juden von Polen getötet und wie viele denunziert wurden. Gleiches gilt für die Zahl der Deutschen, die von polnischer Hand getötet wurden. Nach allem, was wir wissen, waren die Verluste der Deutschen jedoch zweifellos deutlich größer als die Zahl der jüdischen Mitbürger, die Verbrechen zum Opfer gefallen sind.

In Polen herrscht Einmütigkeit darüber, dass jedes Verbrechen zu verurteilen ist. Gleiches gilt für die Ablehnung historischer Relativierungen, für das Verwischen von Verantwortung und die Verfälschung von Tatsachen. (Pawel Ukielski, 21.9.2015)

Pawel Ukielski ist Vizepräsident des Instituts für Nationales Gedenken. Dieses ist eine polnische staatliche Einrichtung, deren Aufgabe vor allem in der Archivierung und Verwaltung von Dokumenten über Vergehen besteht, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen und sowjetischen Besatzern an polnischen Staatsbürgern sowie in der Zeit der Volksrepublik Polen vom Regime an polnischen Staatsbürgern unabhängig ihrer nationalen Optionen begangen wurden. In dem erwähnten Text kritisierte Jan T. Gross vor allem mangelnde Solidarität der Osteuropäer in der Flüchtlingskrise.

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