Flüchtlinge: Praktische Solidarität leisten!

Kommentar der anderen21. September 2015, 17:00
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Ein von der polnischen Batory-Stiftung koordinierter offener Brief aus Zentraleuropa

Wir sehen eine humanitäre Krise ungekannten Ausmaßes. Hunderttausende flüchten aus Nahost und Afrika nach Europa auf der Suche nach Sicherheit, Hoffnung und der Chance auf ein normales Leben. Vor noch nicht langer Zeit waren wir diejenigen, die an Europas Tür klopften. Wir dürfen Flüchtlingen unsere Hilfe nicht verweigern. Schlechterdings sind viele hierzulande nicht dieser Ansicht. Nach 1989 gab es Zweifel in der Europäischen Gemeinschaft, ob die zentraleuropäischen Staaten aufgrund ihrer Geschichte, Tradition und Wirtschaftslage sich in den Westen integrieren können. Dennoch war unser Teil Europas in dem schwierigen Jahrzehnt nicht die Hauptbedrohung für die EU.

Diese Spaltung Europas tritt heute wieder auf. Dieses Mal hat sie eine moralische Dimension. Es mag sein, dass wir nicht verantwortlich sind für den Zusammenbruch der Länder, aus denen die Flüchtlinge kommen. Wir sind auch nicht diejenigen, die sie unnötig in Angst versetzen, einen gewaltsamen Tod riskieren lassen, das menschliche Leben "einsam, arm, brutal und kurz" werden lassen. Und im Gegensatz zu früheren Kolonialreichen, die nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlinge in großen Zahlen aufgenommen haben, haben wir wenig Erfahrung darin, mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenzuleben.

Dennoch müssen wir als Menschen Mitgefühl zeigen und Hilfe leisten. Das ist auch unsere Pflicht als Europäer. Die EU wurde auf dem Prinzip der Solidarität gegründet. Wir dürfen diese gemeinsame Verantwortung heute weder ablehnen, noch unsere Augen vor menschlichem Leid und der Situation der von der Flüchtlingswelle betroffenen Länder verschließen. Wenn wir nicht helfen, lehnen wir das Prinzip europäischer Solidarität ab. Und wir untergraben jene Solidarität, die andere uns gegenüber geleistet haben. Das würde jene Fundamente unterspülen, auf die wir unsere Sicherheit und unsere Hoffnung auf Entwicklung gebaut haben.

Im Namen unserer Humanität, Prinzipien und Werte rufen wir Behörden und Völker unserer Region auf, praktische Solidarität für Flüchtlinge zu zeigen, auf dass auch sie unter uns Sicherheit und Freiheit finden. (21.9.2015)

B. Komorowski, A. Kwasniewski, G. Bajnai, Z. Bauman, K. Schwarzenberg sowie 90 weitere Politiker und Intellektuelle aus Zentraleuropa.

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