GNOME 3.18: Die neue Generation des Linux-Desktops im Test

23. September 2015, 18:07
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Bringt Google-Drive-Integration, neue TODO-Anwendung und Firmware-Updates

Vor mehr als 16 Jahren gegründet hat das GNOME-Projekt in den letzten Jahren einige Höhen und Tiefen durchgemacht. Eines ist bis heute aber gleich geblieben: GNOME gehört zu den am aktivsten entwickelten Desktop-Projekten der Linux / Unix-Welt. Vor allem Softwarehersteller Red Hat investiert bis heute gehörige Ressourcen in das Projekt, und auch das Interesse der Community hat kaum nachgelassen. Nichts könnte diesen Umstand besser unterstreichen als der fixe Release-Zyklus des Projekts: Mit schöner Regelmäßigkeit gibt es alle sechs Monate eine neue Release, die immer auch zentrale Verbesserungen mit sich bringt. Nun ist es wieder einmal so weit.

Version: 3.18

Mit GNOME 3.18 "Gothenburg" hat das Desktop-Projekt nun die neueste Ausgabe seiner Softwaresammlung veröffentlicht. Der STANDARD hat sich die aktuellen Änderungen natürlich gleich einmal selbst angesehen, und die wichtigsten Highlights zusammengetragen.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Die Activities-Ansicht von GNOME 3.18, ebenfalls im Bild: GNOME Todo.

#driveforlinux

Was Google bislang verweigert, holt nun das GNOME-Projekt selbst nach: Mit der neuen Desktopversion gibt es eine direkte Anbindung an den Cloud-Speicher Google Drive. Abgewickelt wird das Ganze einmal mehr über den Punkt Online Accounts in den Einstellungen. Wer dort seinen Google-Zugang einträgt, bekommt automatisch an verschiedenen Stellen im Desktop Zugriff auf die Drive-Daten. Dazu gehört vor allem der Dateimanager GNOME Files aber auch der GTK+-Dateiauswahldialog. Dies bedeutet, dass damit alle GNOME-Programme sowohl Dateien aus dem Google Drive laden als auch dorthin speichern können.

Detailprobleme

An sich eine sehr feine Sache, in der Praxis dürfte es aber noch den einen oder anderen Bug zu beseitigen geben. So wurde im Test eine etwas unübersichtliche Dateiliste geliefert, die in keinster Weise dem entspricht, was im Web-Client als Hauptverzeichnis zu sehen ist. Grund hierfür ist, dass offenbar auch sämtliche Dateien und Verzeichnisse dargestellt werden, die irgendwann einmal von anderem mit diesem Account geteilt wurden, und die nicht fix im eigenen Drive in ein Unterverzeichnis gepackt wurden. Zudem war im Test die Wartezeit beim Mounten des Drives äußerst lang – was aber offenbar massiv von der Anzahl der dort abgelagerten Dateien abhängt. Bleibt zu hoffen, dass diese Kinderkrankheiten bald ausgeräumt werden, und dass der Support für ähnliches Services anderer Hersteller folgt.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Der Desktop bietet nun eine eigene Google-Drive-Integration.

Angemerkt sein noch, dass hier keinerlei Daten fix gesynct werden. Diese Lösung ist also eher mit der Einbindung eines Netzwerk-Shares zu vergleichen als mit einem vollständigen Google-Drive-Client.

Dateien

Apropos Dateimanagement: Jenes Tool, das einst unter dem Namen Nautilus firmierte, hat ebenfalls wieder einige Überarbeitungen erfahren. So gibt es nun einen neuen Knopf im Toolbar, hinter dem sich bei lange laufenden Vorgängen – etwa das Kopieren großer Dateien – eine Fortschrittsanzeige verbirgt. Ein deutlicher Fortschritt gegenüber der bisherigen Variante mit einer eigenen Dialogbox, die gern mal im Hintergrund verschwand.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Fortschrittsanzeige an zentraler Stelle im Dateimanager.

Mit dem Bereich "Other Locations" werden extern eingehängte Datenträger an einem zentralen Ort zusammengefasst – und zwar sowohl lokale (etwa USB-Sticks) als auch entfernte. Darüber hinaus wurden die Dialoge für Erstellung und Umbenennung von Dateien / Verzeichnissen neu gestaltet. Ebenfalls wohl durchdacht ist, dass beim Ziehen eines Folders nun automatisch jener Ort im Sidebar visuell hervorgehoben wird, an dem ein Bookmark abgelegt werden kann. In die Kategorie optischer Feinschliff gehört, dass bei leeren Verzeichnissen und ergebnislosen Suchen nun ein Platzhalter-Icon dargestellt wird.

File Selector

Im Dateiauswahldialog des Toolkits GTK+ hat sich ebenfalls noch das eine oder andere geändert. So wird die Suche nun einfach durch Lostippen ausgelöst – wie es den Human Interface Guidelines von GNOME3 entspricht. Und die Recent-Ansicht zeigt jetzt zusätzlich an, in welchem Verzeichnis eine Datei liegt.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Die Recent-Ansicht des Dateiauswahldialogs – jetzt mit Pfadangaben.

Detailverliebtheit

Die Verbesserung an der GNOME Shell zeigen sich dieses Mal vor allem im Detail. Das Systemstatusmenü präsentiert sich kompakter als in früheren Versionen, beim Fenstermenü (über Rechtsklick auf den Rahmen zu erreichen) ist ein neuer Eintrag hinzugekommen, über den ein Fenster auf einen anderen Monitor verschoben werden kann. Und wer rechts auf den Bildschirmhintergrund klickt, wird im diesbezüglichen Menü nun auch einen Eintrag zum Aufruf der Display-Einstellungen finden.

Firmware-Updates

Die Zusammenarbeit mehrerer freier Softwareprojekte kulminiert in eine weiter Neuerung von GNOME 3.18: Erstmals kann die Desktop-eigene Softwarezentrale genutzt werden, um FIrmware-Updates aller Art durchzuführen. Dazu können BIOS-Aktualisierungen ebenso gehören wie die Erneuerung der Firmware eines USB-Hubs. Voraussetzung ist der aktuelle Linux-Kernel 4.2, Basis bildet das fwupd-Projekt. Die Geräteunterstützung ist dabei allerdings noch sehr dünn, ob die Hardwarehersteller das Angebot der Linux-Welt annehmen, muss sich also erst zeigen. Immerhin müssen sie dafür ihre neuen Softwareversionen bei fwupd hochladen und registrieren lassen.

screenshot: gnome
Firmware-Updates direkt aus der GNOME Softwarezentrale.

Touch

Einige der mit GNOME 3.14 eingeführten Multitouch-Gesten funktionieren jetzt auch mit einem Touchpad, bisher waren sie auf Touchscreens beschränkt. So kann mit einer Vier-Finger-Wischbewegung der Workspace gewechselt werden, auch Zoomen und Drehen von Bildern ist möglich. Einige Verbesserungen gab es beim Scrolling, so gibt es nun etwa eine neue Auto-Scroll-Funktion.

Vermischtes

Bei der Wiedergabe von Videos im Browser wird nun der automatische Screen Lock deaktiviert, bisher war dies nur bei lokalen Videoplayern so. Überhaupt ist der GNOME-Browser Web flotter geworden, auch die Qualität der Bilddarstellung wurde verbessert. Die Virtualisierungslösung Boxes bekommt eine Listenansicht für virtuelle Maschinen, was vor allem für jene nützlich ist, die eine hohe Anzahl von VMs verwalten. Auch der Zugriff auf Shutdown und Restart wurde vereinfacht.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Die neue Listenansicht bei Boxes.

Kalender

Was beim letzten Mal noch als Preview gekennzeichnet war, wird nun zum fixen Bestandteil des Desktops: Der GNOME Calendar bringt in der neuen Version unter anderem Verbesserungen bei der Event-Erstellung und -Bearbeitung. Auch werden nun sämtliche Kalender eines Google-Accounts eingebunden – und nicht wie bisher nur der primäre. Eine Wochenansicht sucht man hingegen weiterhin vergeblich, die diesbezüglichen Pläne wurden auf die nächste Release verschoben. Ebenfalls fix aufgenommen wurde Characters, ein Programm, um schnellen Zugriff auf Sonderzeichen zu ermöglichen.

screenshot: gnome
Beim GNOME Calendar vermisst man weiterhin eine Wochenansicht.

TODO!

Mit GNOME 3.18 gibt es aber auch wieder ein ganz neues Programm, das natürlich aktuell dann konsequenterweise noch als Preview anzusehen ist: GNOME TODO versteht sich als einfaches Taskmanagement-Tool. Immerhin ist es bereits möglich Gruppen anzulegen und diese mit verschiedenen Farben zu versehen. Auch das Zuweisen von Prioritäten und das Anhängen von Notizen klappt bereits.

Entwicklung

Finanziert von einer Crowdfunding-Kampagne gibt es mit GNOME Builder mittlerweile eine eigene Entwicklungsumgebung (IDE) für den Desktop. Und diese macht weiter große Fortschritte. In der aktuellen Version ist dies etwa ein Workspace-System, mit dem Panel entfernt und hinzugefügt werden können. Zudem wurde die Autovervollständigung verbessert, und es gibt nun ein neues Plugin-System, das Erweiterungen in Python 3, C und Vala akzeptiert.

screenshot: gnome
Mit GNOME Builder gibt es eine eigene Entwicklungsumgebung für den Desktop.

Wayland

Deutliche Fortschritte macht zudem die Unterstützung für Wayland, also jenes Protokoll, das den klassischen X-Server ablösen soll. GNOME unterstützt nun auch unter Wayland HiDPI-Bildschirme, zudem funktioniert nun endlich auch Copy & Paste sowie Drag & Drop zwischen mehreren Fenstern. Zudem wurden einige Apps angepasst, die bisher unter Wayland Problem gemacht haben. Wie schon in der letzten Release, kann der Wayland-Modus über den Login-Manager ausprobieren, zur Default-Wahl hat man ihn also weiterhin nicht erhoben.

Bugs

Der Grund dafür dürften jene verbliebenen Bugs sein, die sich auch im Test schnell zeigen. So geht etwa das Scrollen mit dem Mausrad in der App-Übersicht nicht, das Einfügen per Mittelklick ist verschwunden, und die Fensteranordnung funktioniert noch nicht perfekt. Auch sonst gibt es ab und an mal Darstellungsprobleme. Und mit komplexeren Monitor-Setups – etwa zwei externen Monitoren – hat GNOME unter Wayland auch noch seine Probleme. Davon abgesehen läuft das Ganze aber bereits erfreulich rund, es gibt also durchaus Hoffnung, dass der Wayland-Support mit GNOME 3.20 tatsächlich fertig wird.

gnomedesktop

Sandboxed Applications

Unterdessen arbeiten die GNOME-Entwickler bereits an der nächsten großen Neuerung: Dem Konzept der Sandboxed Applications, und damit von isoliert laufenden Apps, die noch dazu unter verschiedenen Distros direkt lauffähig sind. Derzeit fehlen zwar noch einige Puzzlestücke, wer am dahinterliegenden Konzept interessiert ist, kann sich aber schon mal im Wiki einlesen.

Download

GNOME 3.18 steht wie gewohnt in Form des Source Codes der Einzelkomponenten zur Verfügung. Zudem kann es als Live-Image von der Seite des Projekts heruntergeladen und mithilfe eines USB-Sticks ausprobiert werden. Und natürlich wird es auch wieder bald in die Entwicklungsversionen diverser Linux-Distributionen einfließen, allen voran bei Fedora, wo GNOME 3.18 den Desktop für das kommende Fedora 23 bilden wird. (Andreas Proschofsky, 23.9.2015)

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