Sozialplastik auf Stiege zwei

21. September 2015, 16:17
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Willi Dorners "Living Room" in Favoriten

Wien – Es gibt Kunst, die so freundlich ist, dass sie auch ins Haus kommt. Das riecht nach Nettigkeit, geht aber eher aus einem investigativen Interesse von Kunstschaffenden am Publikum und an der Arbeit außerhalb tradierter Institutionen hervor.

In Wien hat das Geschichte. Schon vor rund zehn Jahren gab es die Tanzquartier-Weihnachtsaktionen Rent an Angel, und die Choreografin Milli Bitterli begann videodokumentierte Hausbesuche zu absolvieren. 2009 wurde das Projekt X Wohnungen des Brut-Theaters zum Hit. Zwei Jahre danach hakte die Initiative Kunst in öffentlichen Raum Wien, KÖR, mit der basarhaft aufgemachten Aktion Kunst zahlt Miete / Miete zahlt Kunst nach.

Vergangenes Wochenende hat der verdiente Wiener Choreograf Willi Dorner im Sonnwendviertel südlich des Hauptbahnhofs eine urbanistische Aktion durchgeführt. Er schloss eine über fünf Privatwohnungen sowie ein Hotelzimmer verteilte Fotoausstellung und mehrere Performance-Interventionen in Höfen des neu errichteten Favoritner Wohnareals zu einem Living Room zusammen.

Hinreißende Resultate

Dorner (56) ist einer der international aktivsten Tanzschaffenden Österreichs. Er versucht seine Werke, die eng mit jenen der Fotografin Lisa Rastl verbunden sind, konsequent über längere Zeiträume durchzuarbeiten. Das hat er mit immer wieder hinreißenden Resultaten zustande gebracht. Zu seinen Hauptwerken zählt ein mittlerweile mehrjähriges Projekt über Menschen in städtischen Räumen, das aus Bühnenarbeiten wie dem Duett Intertwining (1997) oder einem drei Jahre danach entstandenen stick solo hervorgegangen ist.

Während der Nullerjahre hat sich Dorner auf eine künstlerische Vermessung der Verhältnisse zwischen architektonischem und urbanem Raum und dem menschlichen Körper konzentriert. Mit so brillanten Werken wie 2007 bodies in urban spaces, urbandrifting (2010) oder fitting von 2012.

Performance-Intervention

Living Room ist eine weitere Ausformung dieser künstlerischen Untersuchung, die vor zwei Jahren erstmals in Vitry-sur-Seine bei Paris durchgeführt wurde. In den Sonnwendviertel-Wohnungen gab es nun Fotos diverser Tänzerinnen und Tänzer, die sich in privaten Räumlichkeiten stapelten und schlichteten, sowie ideale Ausblicke nach dem frühmodernen Prinzip der Fenestra prospectiva von Leon Battista Alberti oder Andrea Palladio zu sehen.

Die Performance-Interventionen im Freien wurden auf die Fotos und die Sonnwendviertel-Architekturen bezogen und von jungen Tanz-Studierenden des Wiener Konservatoriums umgesetzt.

Mehr von Willi Dorner ist ab 26. September im Grazer Haus der Architektur beim Steirischen Herbst zu sehen, die Ausstellung Spielräume. Knapp davor zeigt er die Choreografie bodies in urban spaces in São Paulo und ein Tanzkaraoke im belgischen Leuven. (Helmut Ploebst, 21.9.2015)

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