Medien: Qualitätsmängel bei Boulevard, Frauen unterrepräsentiert

21. September 2015, 16:42
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Medienbehörde RTR ließ Medienqualität in Österreich untersuchen – "Nachdenkbedarf" beim Boulevard, Frauen unterrepräsentiert

Wien – Mehr als 20.000 einzelne Beiträge untersuchten Forscher von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Auftrag der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR). Ziel war eine crossmediale Studie zur "Qualität des tagesaktuellen Informationsangebots in den österreichischen Medien". Dabei sei klar, so Studienautor Josef Seethaler, dass an unterschiedliche Medien auch unterschiedliche Maßstäbe von Qualität gesetzt werden müssen.

Boulevard versalzt den Schweinsbraten

Besucher eines Gourmet-Restaurants und solche eines Beisls werden unterschiedliche Erwartungen an die Beschaffenheit der Speisen haben – aber beide hoffen darauf, dass das Essen nicht versalzen ist. So versuchte Seethaler, stv. Direktor der ÖAW, zu illustrieren, dass trotz unterschiedlicher Ausrichtungen einige Qualitätskriterien für alle Medien gelten.

Doch auch ein simpler Schweinsbraten ist im Boulevard-Beisl oft versalzen, interpretiert man die umfangreiche Studie und übernimmt Seethalers Vergleich. Denn "Heute", die "Kronen Zeitung", "Österreich" und "oe24.at" landeten bei fast allen von der Studie angesetzten Qualitätskriterien im unteren Drittel bis Viertel. Hier bestehe "Nachhol- und Nachdenkbedarf", sagt Seethaler.

Qualität messen: die Kategorien

Als "unumstrittene" Qualitätsmerkmale wurden in der Studie drei Kategorien erfasst:

  1. Urhebertransparenz: Ist der Autor, die Autorin oder die Agentur des Beitrags angegeben?
  2. Quellentransparenz: Wie viele Quellen werden genannt?
  3. Meinungsvielfalt: Wie viele Akteure werden zitiert?

Bei allen drei Werten schnitten die Radiosender am schlechtesten ab, weil in einem üblicherweise kurzen Radiobeitrag weniger Informationen passen. Die große Ausnahme stellt hier Ö1 dar, das stets deutlich besser eingeordnet wurde. Nur knapp vor den meisten Radiosendern liegen hier "Heute", "Österreich", "oe24.at", die "Kronen Zeitung" und die "Vorarlberger Nachrichten".

Besonders intransparent, was die Urheber seiner Texte angeht, ist die Online-Plattform des ORF – nur sehr selten ist auf orf.at Autor oder Agentur angegeben. Bei Quellentransparenz und Meinungsvielfalt liegt das Portal dagegen weit vorne.

foto: rtr/öaw

Anteil der weiblichen Akteure sinkt mit "Härte" der Nachrichten

Insgesamt werden "Hard News" (also Beiträge aus Politik, Wirtschaft und Kultur) in österreichischen Medien gerne prominent platziert. Allerdings zeigt sich, dass Frauen in keinem der untersuchten Medien ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprechend zu Wort kommen.

Auf Basis aller untersuchten Beiträge schneiden Gratis- und Boulevardmedien sowie Privatsender hier am besten ab, was mit dem vergleichsweise geringen "Hard News"-Anteil erklärt wird. Aber auch bei Politik-, Wirtschafts- und Kulturnachrichten ist die Zahl der weiblichen Stimmen bei diesen Medien höher. Einen vergleichbar hohen Anteil an weiblichen Akteuren bieten nur Ö1, ORF 1 und 3 sowie derStandard.at.

Gute Noten für den ORF

Positiv fiel die Studie punkto Objektivität der Medien aus. "Das journalistische Selbstverständnis definiert sich in Österreich zu einem Großteil über die Objektivitätsnorm", sagt Seethaler. "Die Programme des ORF stehen hier ganz oben. Generell ist das ein Zeugnis, das die Erfüllung des Programmauftrags des ORF verdeutlicht." Auf der Ebene der Sendungen steht die 'ZiB 2' an der Spitze." Am anderen Ende der Skala rangieren Boulevardmedien.

Beim Diskurspotenzial, wo es um Einordnung und Interpretation geht, schnitten derStandard.at, "Salzburger Nachrichten", ATV, "Der Standard" und Ö1 am besten ab. Deutliche Unterschiede stellten die Medienforscher zwischen Print- und Online-Medien der Zeitungshäuser fest. Online-Medien sind demnach diskursiver als ihre Printausgaben. (sefe, 21.9.2015)

  • Die von der Medienbehörde RTR in Auftrag gegebene Studie untersuchte die "Qualität des tagesaktuellen Informationsangebotes in den österreichischen Medien".

    Die von der Medienbehörde RTR in Auftrag gegebene Studie untersuchte die "Qualität des tagesaktuellen Informationsangebotes in den österreichischen Medien".

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