Abgas-Skandal: VW verliert zwölf Milliarden an Börsenwert

21. September 2015, 09:35
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Scharenweise haben sich die Anleger von ihren Volkswagen-Aktien getrennt – Autoexperte Dudenhöfer legt VW-Chef Winterkorn einen Rücktritt nahe

Wolfsburg/Washington – Kurssturz bei VW: Scharenweise haben sich die Anleger von ihren Volkswagen-Aktien nach Bekanntwerden der Affäre um Abgas-Manipulationen und einer drohenden Milliardenstrafe getrennt. Das Papier brach am Montagmorgen in der Spitze um 18,6 Prozent auf 132,20 Euro ein. Mit dem größte Kurssturz seit sechs Jahren verlor der Wolfsburger Autokonzern mehr als zwölf Milliarden Euro an Börsenwert.

Im Zusammenhang mit den Abgas-Manipulationen hat Volkswagen auch den Verkauf einiger Diesel-Fahrzeuge in den USA gestoppt. US-Autohändler seien angewiesen worden, bestimmte Wagen des Modelljahres 2015 zurückzuhalten, sagte ein VW-Vertreter am Sonntag. Die Zahl der betroffenen Fahrzeuge nannte er nicht.

VW hatte zuvor Abgas-Manipulationen in den USA zugegeben, die eine Milliarden-Strafe nach sich ziehen könnten. Konzern-Chef Martin Winterkorn kündigte eine externe Untersuchung der Vorgänge an. Die US-Umweltschutzbehörde EPA wirft VW vor, bei knapp 500.000 Diesel-Fahrzeugen die Abgasvorschriften mit Hilfe einer Software vorsätzlich umgangen zu haben.

In der Affäre um manipulierte Abgaswerte legt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer dem Konzernchef Martin Winterkorn einen Rücktritt nahe. Als direkter Verantwortlicher für Forschung und Entwicklung habe der Vorstandsvorsitzende entweder von den Manipulationen gewusst oder sei ahnungslos und habe seinen Geschäftsbereich nicht im Griff, sagte Dudenhöffer der "Frankfurter Rundschau".

"In beiden Fällen würde ich sagen, dass Winterkorn an der Konzernspitze nicht mehr tragbar ist", so der Autoexperte zur "FR". Der "Westdeutschen Allgemeinen" (WAZ) sagte er: "Jeder Politiker könnte bei einer solchen Angelegenheit nicht in seinem Amt bleiben."

Softwaremogelei

Die Vorsitzende des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag, die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn, erklärte, eine "so umfassende Softwaremogelei" müsse mit dem Wissen der Führung in Wolfsburg passiert sein. "Alles andere würde mich wundern." Ihrer Auffassung nach könnten auch noch andere Automarken im Ringen um die Einhaltung von Abgasvorschriften in Europa und den USA bei Manipulationen erwischt werden. Sie würde sich darüber "nicht wundern".

Die US-Umweltbehörde EPA hatte am Freitag mitgeteilt, dass der deutsche Konzern eine Software entwickelt habe, die Vorgaben zur Luftverschmutzung zwar bei Tests, nicht aber beim normalen Betrieb der Autos erfülle. Die betreffenden Vorschriften seien bewusst umgangen worden. Der Behörde zufolge stoßen die betroffenen Autos im Ergebnis größere Mengen an Schadstoffen aus als erlaubt. Insgesamt geht es demnach um 482.000 Dieselfahrzeuge in den USA, die nun nachgebessert werden sollen.

Dringende Prüfung

Der Autoexperte Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen schloss in der "FR" nicht aus, dass auch hiesige Modelle mit der Software ausgestattet sein könnten. "Wenn ein Weltkonzern auf einem so wichtigen Markt wie dem nordamerikanischen die Werte manipuliert, dann sollte dringend überprüft werden, ob das nicht auch bei uns geschehen ist", sagte Dudenhöffer der Zeitung. Vorsätzlich falsche Herstellerangaben in umwelt- und gesundheitspolitisch sensiblen Bereichen müssten in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden, forderte er. "Der Justiz- und der Umweltminister müssen gemeinsam dafür sorgen, dass solche Praktiken unter das Strafrecht fallen." Bisher seien nur zivilrechtliche Klagen möglich.

Der Skandal ist für VW laut Dudenhöffer eine "Imagekatastrophe par exellence". Der Konzern hat nach eigenen Angaben inzwischen eine externe Untersuchung in Auftrag gegeben. Winterkorn äußerte am Sonntag zudem sein Bedauern, "dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben".

Das mächtige Präsidium des VW-Aufsichtsrats kommt nun nach dpa-Informationen am Mittwoch zu einer Krisensitzung zusammen. Demnach wird der Führungszirkel über die Folgen der Chose in den USA beraten.

Zu dem Gremium gehören unter anderem der amtierende VW-Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche. Der VW-Aufsichtsrat kommt am Freitag anschließend zu einer regulären Sitzung zusammen. (APA, 21.9.2015)

  • Ob pollieren da noch reicht? VW steht vor einer Milliardenstrafe in den USA.
    foto: epa/ole spata

    Ob pollieren da noch reicht? VW steht vor einer Milliardenstrafe in den USA.

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