Mehr Polizisten als Teilnehmer bei Belgrader Gay Pride

20. September 2015, 17:31
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Regenbogenparade reibungslos verlaufen – Festnahmen im Vorfeld

Rund 1.000 Menschen nahmen am Sonntag an der Gay Pride in Belgrad teil. Doppel so viele Polizisten riegelten die Innenstadt ab, Sondereinheiten mit Kampfaufrüstung, antiterroristische Einheiten, gepanzerte Kampfwagen und Hubschrauber waren im Einsatz. Es durfte zu keinen Krawallen kommen, und tatsächlich verlief alles friedlich. Mehrere Dutzend Mitglieder rechtsextremistischer Bewegungen wurden vorbeugend festgenommen.

Lesben, Schwule und, zum ersten Mal, Transsexuelle zogen durch die leeren Straßen und warben für ihre Rechte. Die Organisatoren der Gay-Parade sprachen von einem "Fortschritt", von der zweiten Pride in Folge, die ohne Gewalttätigkeiten abgehalten wurde, Vertreter der serbischen Regierung vom "demokratischen und europäischen Antlitz Serbiens". Alle schienen zufrieden zu sein.

Zurückhaltende Teilnehmer

Doch eine "Parade der Freude", wie etwa in Wien oder Berlin, war es nicht. Ausgenommen Politiker, zahlreiche ausländische Diplomaten und Aktivisten der Lesben- und Schwulenbewegungen, wollten die meisten Teilnehmer der Belgrader Pride nicht vor Fernsehkameras treten oder ihren Namen preisgeben. Immer noch ist die Angst zu groß, offen als Homosexueller in der konservativen serbischen Gesellschaft zu leben, in der man von der einflussreichen serbischen orthodoxen Kirche als "Kranker" angeprangert und von meisten Politikern nur deshalb geduldet wird, weil Serbien Mitglied der Europäischen Union werden möchte und Brüssel eben auf der Achtung von Menschenrechten aller Minderheiten beharrt.

"Einmal im Jahr durch die Hauptstadt als das, was wir sind, eine Stunde lang spazieren zu dürfen, während die Polizei darauf achtet, dass uns Verrückte nicht die Schädel einschlagen, hat recht wenig mit Gleichberechtigung zu tun. Wir werden systematisch diskriminiert", sagte einer der Teilnehmer.

Regierung und Diplomatenchor

Verglichen mit den vergangenen Jahren, in denen es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und rechtsnationalen Extremisten kam oder die Gay-Parade aus "Sicherheitsgründen" verboten wurde, waren diesmal vor der Belgrader Pride kaum Spannungen zu spüren. An die Spitze der Kolonne stellten sich der Bürgermeister Belgrads, die Ministerin für europäische Integrationen und Kulturminister Ivan Tasovac, der sagte: "In nur einem Jahr hat sich dank der serbischen Regierung die Stimmung rund um die Belgrader Pride grundsätzlich geändert." Einstimmiges Lob dafür kam vom Diplomatenchor.

Goran Miletic, Mitglied des Organisationsausschusses der Pride, sprach auch vom "großen Fortschritt", fügte jedoch hinzu, dass noch viel Arbeit bevorstehe, solange die Pride unter einem so gewaltigen Aufgebot der Sicherheitskräfte abgehalten werden muss. "Die Pride, abgesichert von Polizeikordonen, ist das Spiegelbild Serbiens", sagte Miletic.

Während die Gay-Parade durch das Zentrum Belgrads zog, versammelten sich vor der Kirche des heiligen Marco einige Dutzend Menschen, die gegen den "öffentlichen Exhibitionismus" und die "Sodomie-Demokratie" protestierten. Als die Parade beendet war, gingen sie die gleiche Strecke wie zuvor die Lesben, Schwulen und Transsexuellen, angeführt von orthodoxen Popen, die mit Weihwasser den "teuflischen Geist" aus der Stadt verjagen wollten. (Andrej Ivanji aus Belgrad, 20.9.2015)

  • Gay Pride in Belgrad
    foto: epa/koca sulejmanovic

    Gay Pride in Belgrad

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