Papst auf Kuba: Menschen, nicht Ideologien dienen

20. September 2015, 19:39
168 Postings

Franziskus fordert Abkehr von Ideologiehörigkeit und warnt vor einem "Weltkrieg in Etappen"

Havanna/Puebla – Vor zehntausenden Gläubigen hat Papst Franziskus in Havanna am Sonntag den Dienst am Nächsten in den Mittelpunkt seiner Messe gestellt. "Wer nicht lebt, um den Nächsten zu dienen, vergeudet sein Leben", sagte er in einer kurzen, aber einprägsamen Predigt, die er mit dem Rangstreit der Jünger im Matthäusevangelium begonnen hatte.

In einer Anspielung auf die kämpferische Verteidigung des Sozialismus, die Kubas Staatschef Raúl Castro am Vortag bei Franziskus’ Ankunft unternommen hatte, warnte der Papst vor der Verherrlichung von Ideologien und Machtgelüsten. "Man dient Menschen, nicht Ideologien", schrieb er den seit 56 Jahren auf Kuba regierenden Castro-Brüdern ins Stammbuch. Wie auch schon bei seiner Ankunft am Vortag wirkte der 79-Jährige dabei etwas matt und ermüdet.

Der Papst kritisierte auch die Korruption – ein in Lateinamerika weitverbreitetes Übel. Es gebe viele, die mehr sich selbst dienten als den Nächsten, warnte er.

3500 Würdenträger

In vorderer Reihe saßen Raúl Castro sowie rund 3500 Würdenträger, darunter der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto und die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, eine enge Verbündete der Castros.

Nicht zur Messe kam die Tochter des argentinisch-kubanischen Befreiungskämpfers Ernesto "Che" Guevara – trotz eines entsprechenden Aufrufs der kommunistischen Partei. Das sei heuchlerisch, sagte die Ärztin der Nachrichtenagentur AFP.

Seit den frühen Morgenstunden hatten sich Zehntausende auf dem Platz eingefunden, darunter auch Dissidenten wie die Bloggerin Yoani Sánchez, die live twitterte. Nach Berichten der US-Nachrichtensender NBC und Univision nahm der kubanische Sicherheitsdienst aber auch drei Demonstranten fest, die in weißen T-Shirts auf dem Platz vor der Messe Flugblätter verteilten. Im Gegensatz zum Besuch von Johannes Paul II., der als erster Papst 1998 Kuba besucht hatte, hielt sich die Begeisterung der Anwesenden jedoch in Grenzen; kein spontaner Beifall, keine Sprechchöre brandeten auf.

Auch Gedankenaustausch mit Jugendlichen

Auf der Fahrt zum Gottesdienst säumten Tausende mit den Flaggen Kubas und des Vatikans den Weg des offenen Papamobils, aus dem Franziskus den Gläubigen zuwinkte.

Am Nachmittag traf er sich mit Staatschef Raúl Castro zu einem privaten Gedankenaustausch treffen; auch dessen bettlägerigem Bruder Fidel besuchte er für ein Gespräch. Anschließend war ein Gedankenaustausch mit kubanischen Jugendlichen geplant, bevor der Papst dann am Montag nach Holguín weiterreisen wollte.

Verhältnis Kubas zu den USA

Bei seiner Ankunft am Samstag hatte der Papst einen eindringlichen Friedensappell formuliert und vor einem "Dritten Weltkrieg in Etappen" gewarnt. Außerdem hatte er Kuba und die USA zu einer Fortsetzung ihrer Annäherung aufgefordert, bei der der Vatikan als Vermittler eine Schlüsselrolle gespielt hatte.

Von Kuba aus wird der Papst in die USA weiterfliegen, wo er unter anderem vor dem US-Kongress und der UN-Vollversammlung sprechen wird. (Sandra Weiss, 20.9.2015)

  • Der Papst macht dem Máximo Líder seine Aufwartung.
    foto: ap/castro

    Der Papst macht dem Máximo Líder seine Aufwartung.

  • Das Bildnis von Ernesto "Che" Guevara auf dem Platz der Revolution in Havanna gab die Kulisse für die Messe des Papstes (links) ab.
    foto: ap / alessandra tarantino

    Das Bildnis von Ernesto "Che" Guevara auf dem Platz der Revolution in Havanna gab die Kulisse für die Messe des Papstes (links) ab.

Share if you care.