Der Todesspringer aus Ottakring

22. September 2015, 10:25
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Ken Grove sprang für Australien und Österreich bei Olympischen Spielen vom Turm. Höher hinauf und tiefer hinunter ging es für ihn als High Diver und als Stuntman beim Film. Losgelassen hat ihn der Adrenalin-Kick nie

Wien – Knappe drei Sekunden. Einundzwanzigzweiundzwanzigdrei … vorbei. Ein langer Atemzug, ein flüchtig gelesener Satz. Ein Mensch fällt aus 26 Metern Höhe, trifft mit 85 Kilometern pro Stunde auf die Wasseroberfläche. Ohne Schutz, nur mit Badehose. "Den Ablauf ", sagt Ken Grove, "musst du visualisieren können. Absprung, Drehung, Salti, Abschluss, Eintauchphase. Ansonsten säße ich jetzt nicht hier."

Ken Groves Augen sind verschlafen. Er trägt einen Cowboyhut, will zu Beginn des Gesprächs seine schwarze Sonnenbrille gar nicht abnehmen. Licht durchflutet die breite Fensterfront des Kaffeehauses. Als Wasserspringer auf dem Turm war er hellwach. Angst? "Hatte ich nie."

Ein Datum, das der 62-Jährige schnell parat hat, ist der 6. August 1972. Bei den Olympischen Spielen in München lernt er seine spätere Frau Brigitte kennen, eine Steirerin die im olympischen Dorf als Hostess arbeitet. Ein Glücksfall für den gebürtigen Australier, ein Glücksfall für Österreich. In München startete Grove noch für sein Heimatland, verpasst das Finale klar. Er berührt das Brett mit den Füßen, produzierte einen Bauchfleck. "Was passiert, wenn du einmal einen Unfall hast und gelähmt bist? Das hat mich meine Frau oft gefragt."

Mit 19 Jahren olympiareif

Als Todesspringer stürzt er sich später im Safaripark in Gänserndorf in ein Becken, das aus der Höhe nur noch so groß ist wie eine Kaffeeuntertasse. Statt fünf Meter wie etwa im Wiener Stadionbad, beträgt die Beckentiefe nur 2,60 Meter. Der Mann am Regiepult schiebt die Audiokassette "Also sprach Zarathustra" in den Recorder, Bühne frei. Grove kippt einmal beim Eintauchen mit dem Knöchel um, "ich hätte aber auch außerhalb des Pools landen können." Zig Sprünge, sechs Tage die Woche, den ganzen Sommer. Und ein Auerbach-Dreifachsalto mit dreifacher Schraube – das hat ihm bis heute niemand nachgemacht.

Geboren wurde Kenneth Buttress-Grove als viertes von sechs Kindern im australischen Townsville. Die Famile zog alsbald nach Sydney, wo Grove am Manly Beach schwimmen lernte. Der Sport wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Der Vater war Handlungsreisender, die Mutter die erste Signalwärterin in der Geschichte der australischen Bahn. "Eine sehr starke Persönlichkeit" in einer bis dahin reinen Männerdomäne. Als 13-Jähriger beginnt Grove mit dem Wasserspringen. Von einem Turm auf dem Pier, der eingezäunt war, damit keine Haifische kommen. Nur sechs Jahre später ist er Olympiastarter und der Turm und der Pier durch einen Sturm verwüstet. "Es gab immer wieder Verletzte. Viele Leute glaubten, sie haben das locker drauf."

Vom australischen Schwimmverband gibt es wenig bis gar keine Unterstützung, in Österreich bemüht man sich hingegen um Ken Grove. 1977 wird er österreichischer Staatsbürger, arbeitet kurzzeitig für die Internationale Atomenergiebehörde in Wien. Zwei Jahre später rückt er zum Bundesheer ein, nimmt locker die Aufnahmehürde zur HSNS. Ein Test, den etwa Herbert Prohaska nur mit Mühe schafft. "Anfangs sprachen die Vorgesetzten Englisch mit mir. Das verstand ich noch weniger, schließlich wurde es mir lieber auf Deutsch." Siebenmal gewinnt er Staatsmeistertitel, bei der WM in Berlin 1978 wird er Zehnter. 1980 vertritt er Österreich bei den Olympischen Spielen in Moskau. Grove, der lange im Schatten von Springerkollege Niki Stajkovic gestanden war, erreicht nur Platz 12. "Ich war im mentalen Bereich zu schwach. Wir haben das damals nicht trainiert, wussten nicht, wie wichtig das ist."

Showtime

Als Ken Grove Anfang der 1980er-Jahre schließlich zum High Diving kommt, ist Showtime. Weil "ich das im Blut hatte". Grove tourt durch die Welt, sprang in den USA, Kanada, Europa. Seine Frau sieht er zwei Jahre lang so gut wie gar nicht, "sie hat aber immer zu mir gehalten, mich in den Ferien besucht". Sogar die originären Todesspringer aus Acapulco fragen um einen Auftritt Groves in Mexiko an. Das Abenteuer scheitert an nicht übernommenen Reisespesen. Die größter Show aller Zeiten steigt in New Orleans im Zuge der Weltausstellung 1984: In einem Wassermusical wird fast ein Jahrhundert Bademode präsentiert, Grove springt in Ganzkörperanzügen aus den 30er-Jahren, sechsmal am Tag jeweils eine Stunde in einem Stadion vor 10.000 Zuschauern. "Das werde ich nie vergessen."

Ebenso wenig wie seine schwerste Verletzung, die er im selben Jahr bei der High-Diving-WM in Orlando erleidet. Wieder ein Bauchfleck, diesmal aus 30 Metern Höhe. Grove verliert unmittelbar nach der Landung das Bewusstsein, muss aus dem Wasser gezogen werden. Die Diagnose: innere Blutungen, "aber Gott sei Dank nicht lebensgefährlich. Ich hatte keinen Respekt vor dem Sprung. Ein Fehler."

Es folgen Auftritte im Fernsehen bei Vera Russwurm, bei Thomas Gottschalk ("Na sowas"), den Karl-May-Festspielen. Bei der Wiedereröffnung des renovierten Praterovals springt Grove vom Stadiondach. Als Stuntman stürzt er sich bei einer Katastrophenübung in Klagenfurt aus dem Fenster eines brennenden Wohnhauses.

Ein Stelldichein

Mit der Geburt seiner Tochter im Jahr 1989 folgt ein Schnitt im Leben des Ken Grove. Er ist kein wilder Hund mehr im Wasser. Die Tochter folgt dem Lockruf der Tiefe genauso wenig wie der jüngere Sohn. "Damit kann ich leben. Ich bin sehr stolz auf meine Kinder, auch ohne Leistungssport."

Nach dem Ende seiner Sprungkarriere betreibt Grove 14 Jahre lang ein Fitnessstudio im Hilton Vienna Plaza am Schottenring, und allerhand Menschen schauen vorbei. Er gibt dem amerikanischen Schauspieler Jerry Lewis genauso Trainingstipps wie dem Komiker Bill Cosby, Shirley Bassey oder dem russischen Ex-Tennisprofi Jewgeni Kafelnikow. Privat lebt er seit fast 42 Jahren in Ottakring, seine Frau unterrichtet noch zwei Jahre bis zur Pension Geografie und Deutsch an einem Wiener Gymnasium.

Seine Erfahrung hat Ken Grove weitergegeben, unter anderen an Orlando Duque. Der Kolumbianer ist zehnmaliger Weltmeister und der König der Klippenspringer. Seit zehn Jahren arbeitet Grove für Red Bull, seit zwei Jahren auch für den Weltschwimmverband (FINA) als Sprungrichter, zuletzt bei der Schwimm-WM in Kasan. Das Interesse der Zuschauer ist enorm. Mit High Diving hat es nun erstmals eine Disziplin, die von Red Bull zu Marketingzwecken entwickelt wurde und die perfekt in dessen Werbeästhetik passt, geschafft, ins Programm der WM einer olympischen Kernsportart aufgenommen zu werden. Und der nächste Schritt soll zu den Olympischen Spielen führen. "Nicht in Brasilien, aber ich hoffe, dass es 2020 in Tokio so weit ist."

Erfunden hat Red Bull das High Diving nicht. Ursprünglich sprangen Perlentaucher ins Meer, aber mittlerweile ist die Eleganz, mit der die Springer ins Wasser gleiten, eine Touristenattraktion. Todesfälle sind in der jüngeren Geschichte nicht bekannt, allerdings kommt es des Öfteren zu schweren Verletzung wie etwa geplatzten Trommelfellen oder Knochenbrüchen.

"Ich bereue nichts", sagt Ken Grove und lächelt. Ganz hat er das Springen nie gelassen. Mit 48 Jahren wurde er ohne Training, aber durchwegs fit WM-Sechster. Vor sechs Jahren ist er zuletzt gesprungen. Es soll nicht das letzte Mal gewesen sein. "Wenn du da oben stehst und dich sicher fühlst, dann spring." (Florian Vetter, 20.9.2015)

  • Ein glücklicher Australier und ein glücklicher Österreicher: Der 62-Jährige Ken Grove ist "semiretired, seinen letzten Sprung aus luftiger Höhe will er noch lange nicht gemacht haben.
    foto: matthias cremer

    Ein glücklicher Australier und ein glücklicher Österreicher: Der 62-Jährige Ken Grove ist "semiretired, seinen letzten Sprung aus luftiger Höhe will er noch lange nicht gemacht haben.

  • njdenis974

    Ken Groves Auftritt in den letzten zwei Minuten: Springen im Safaripark Gänserndorf. Schwindelerregend.

  • Ken Grove im Wiener Stadionbad 1976: Nicht immer tauchte er in ein fünf Meter tiefes Becken ein.
    foto: ken grove

    Ken Grove im Wiener Stadionbad 1976: Nicht immer tauchte er in ein fünf Meter tiefes Becken ein.

  • Gefahr im Verzug: Als Stuntman im Einsatz.
    foto: ken grove

    Gefahr im Verzug: Als Stuntman im Einsatz.

  • Was will man mehr? Eine Widmung von der aus Film und Fernsehen bekannten Schauspielerin Désirée Nosbusch.
    foto: ken grove

    Was will man mehr? Eine Widmung von der aus Film und Fernsehen bekannten Schauspielerin Désirée Nosbusch.

  • Als Spungrichter bei der Cliff Diving World Tour von Red Bull: Dort will man nicht in die Tiefe schauen.
    foto: ken grove

    Als Spungrichter bei der Cliff Diving World Tour von Red Bull: Dort will man nicht in die Tiefe schauen.

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