Kanter gegen Kanada: Irland setzt erstes Zeichen

19. September 2015, 19:37
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Der Mitfavorit um den Titel zeigte sich bei seinem ersten Auftritt bei der Rugby-WM bestens bei Laune und nahm tapfere Ahornblätter mit 50:7 auseinander – Japan liefert Topsensation gegen Südafrika

Die Kanadier ließen sich am Samstagnachmittag im Cardiffer Millennium Stadium ihren Außenseiterstatus zu Beginn in keiner Weise anmerken. Mutig suchten sie im Spiel der Gruppe D ihre Chance und es gelangen auch einige Läufe, die immerhin ein bisschen Raumgewinn abwarfen. Gordon McRorie hätte den 17. der Weltrangliste gar in Führung bringen können, doch sein Penaltykick aus riesiger Entfernung fand sein Ziel nicht.

Zehn Minuten vergingen, ehe die Iren die Ahornblätter erstmals gefährlich weit zurückdrängten. Mit ihrem Markenzeichen, geduldigem Phasenspiel, schnürten sie dem Gegner Schritt für Schritt die Luft etwas mehr ab. Kanada wurde ein Penalty abgenötigt – ein erster Keil war in die Verteidigungslinien geschlagen. Jonny Sexton (14.) hatte es deutlich leichter als McRorie davor und verwertete aus zehn Metern zum 3:0.

Das Leben für die Kanadier wurde nun von Minute zu Minute ungemütlicher, als die Iren damit begannen, mit kaltblütiger Präzision ihren Matchplan herunter zu schnurren. Es war eben jene Manier, eingebläut vom neuseeländischen Coach Joe Schmidt, die dem Team im Frühjahr den Triumph bei den Six Nations eingebracht hatte. Von links nach rechts und rechts nach links brandeten die Angriffswellen heran, das Spielfeld wurde für die hinterherhechelnden Verteidiger breiter und breiter.

Glänzender Sexton

Die als seriöse Titelkandidaten gehandelten Iren hatten das Heft des Handelns fest in der Hand, offene Bälle wurden im Breakdown mit ungeheurer Agressivität attackiert. Wie üblich tat sich ihr grimmiger Skipper Paul O’Connell dabei besonders hervor. Zusätzlich gelangen Sexton, dem Taktgeber der Mannschaft, einige wunderbar tempierte Kicks. Die Iren beeindruckten mit ihrer Fähigkeit, freie Räume auszumachen und genau dort hinein ihre Attacken zu lancieren. Den Kanadiern, die plötzlich auch physisch überfordert wirkten, blieb keine Atempause mehr. Dass Kapitän Jamie Cudmore wegen eines Abseits-Vergehens für zehn Minuten des Feldes verwiesen wurde, half auch nicht weiter.

Schlag auf Schlag prasselten nun die Tries herab: Sean O‘Brien (18.), Ian Anderson (25.), Sexton (28.) und – besonders sehenswert herausgespielt – Dave Kearny (35.) hielten das Scoreboard am Ticken. Nicht dass jemand damit gerechnet hätte, doch bei einem Zwischenstand von 40:0 stand endgültig fest, dass Kanada auch an diesem Tag ein erstes Erfolgserlebnis gegen die Herren in Grün, die Nummer 6 der Welt, versagt bleiben würde.

Eine heroische Unternehmung der Kanadier in der letzten Minute der ersten Halbzeit war nicht von Erfolg gekrönt, wegen eines Vorwärtspasses von Flyhalf Nathan Hirayama zählte der Try durch den linken Flügel DTH Van Der Merwe nicht. Das mitfühlende Publikum buhte ein bisschen, 68.523 waren gekommen, natürlich dominierten Irlands Farben.

Untergang mit fliegenden Fahnen

In der zweiten Halbzeit setzte das kanadische Team zunächst ein klares Zeichen, dass man nicht gewillt war, sich ohne Gegenwehr abschlachten zu lassen. Die Anstrengungen trugen schließlich verdiente Früchte, als Van Der Merwen einen irischen Kick abfing und danach 40 Meter freies Feld bis zur Trylinie vor sich hatte. Hirayama gelang eine recht schwierige Conversion – sieben kanadische Punkte waren zu notieren.

Schmidt hatte zu diesem Zeitpunkt Sexton, zum Man of the Match erkoren, bereits vom Feld geholt. Er wird im Lauf des langen Turniers noch gebraucht. Seine Kollegen scorten nichtsdestotrotz noch drei Mal durch Sean Cronin (66.), Rob Kearney (73.), nach einem von Keith Earls eingeleiteten Konter, sowie Jared Payne (77.), der einen weiteren blitzschnell ausgeführten Durchbruch vollendete. 50:7 hieß es am Ende eines Matches, das keinen Zweifel darüber ließ: Irland ist zu allem fähig.

Kanada sollte sich indessen von der Höhe der Niederlage nicht irre machen lassen, gegen Rumänien und auch Italien sollte für dieses solide Team in den nächsten Matches durchaus etwas zu holen sein.

Schock für Südafrika

Welches Potenzial das Team Japans hat, musste Südafrika leidvoll erfahren. Der krasse Außenseiter feierte nämlich nach dramatischem Spielverlauf einen sensationellen 34:32-Erfolg gegen den zweimaligen Weltmeister in Brighton und sorgte damit nicht nur für die erste große Überraschung bei der noch jungen Rugby-WM sondern für eine der größten Sensationen in der 28-jährigen Turnierhistorie überhaupt.

Karne Hesketh schaffte für die aufopferungsvoll kämpfenden Japaner vor 29.000 Zuschauern in der letzten Minute den entscheidenden Versuch gegen die Springboks. Für die Asiaten war es erst der zweite Sieg bei einer Weltmeisterschaft. (Michael Robausch – 19.9. 2015)

Rugby-WM, Gruppe D:
Irland – Kanada 50:7 (29:0)

Irland – Tries: O'Brien, Henderson, Sexton, D. Kearney, Cronin, R. Kearney, Payne
Conversions: Sexton 3, Madigan 3
Penaly: Sexton

Kanada – Try: Van Der Merwe
Conversion: Hirayama

Irland: Rob Kearney (Leinster); Dave Kearney (Leinster), Jared Payne (Ulster), Luke Fitzgerald (Leinster), Keith Earls (Munster); Jonathan Sexton (Leinster), Conor Murray (Munster); Jack McGrath (Leinster), Rory Best (Ulster), Mike Ross (Leinster); Iain Henderson (Ulster), Paul O'Connell; Peter O'Mahony (Munster), Sean O'Brien (Leinster), Jamie Heaslip (Leinster)

Ersatz: Sean Cronin (Leinster), Cian Healy (Leinster), Nathan White (Connacht), Donnacha Ryan (Munster), Chris Henry (Ulster), Eoin Reddan (Leinster), Ian Madigan (Leinster), Simon Zebo (Munster)

Kanada: Matt Evans; Jeff Hassler, Ciaran Hearn, Nick Blevins, DTH Van Der Merwe; Nathan Hirayama, Gordon McRorie; Aaron Carpenter, John Moonlight, Kyle Gilmour; Jamie Cudmore, Brett Beukeboom, Doug Wooldridge, Ray Barkwill, Hubert Buydens.

Ersatz: Benoit Piffero, Djustice Sears-Duru, Andrew Tiedemann, Jebb Sinclair, Richard Thorpe, Phil Mack, Liam Underwood, Conor Traino

Gruppe B:
Südafrika – Japan 32:34 (12:10)

Gruppe C:
Tonga – Georgien 10:17 (3:10)

  • Irland war hungrig, trotzdem meinte Kapitän und Legende Paul O'Connel nach der Partie: das ein oder andere muss noch verbessert werden.
    foto: reuters/naden

    Irland war hungrig, trotzdem meinte Kapitän und Legende Paul O'Connel nach der Partie: das ein oder andere muss noch verbessert werden.

  • Das Millennium Stadium wurde aufgrund des geschlossenen Daches zur gigantischen Halle, das herrliche Spätsommerwetter musste draußen bleiben.
    foto: michael robausch

    Das Millennium Stadium wurde aufgrund des geschlossenen Daches zur gigantischen Halle, das herrliche Spätsommerwetter musste draußen bleiben.

  • Böse.
    foto: michael robausch

    Böse.

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