"Krautreporter": Demütig und geschrumpft ins zweite Jahr

23. September 2015, 06:13
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Deutsches Portal schafft die Finanzierung, muss aber mit nur einem Drittel der Abonnenten und der Belegschaft kleinere Brötchen backen

Wien – Das mit vielen Vorschusslorbeeren an den Start gegangene deutsche Onlinemedium "Krautreporter" wird künftig kleinere Brötchen backen. Die Mitgliederzahl schrumpft nach dem ersten Jahr um gut zwei Drittel auf etwa 5.000, sagt Herausgeber Sebastian Esser zum STANDARD, ohne auf die wichtigste Botschaft zu vergessen: "Es gibt ein zweites Jahr. Die Finanzierung klappt." Nach 900.000 Euro vor einem Jahr, sind es nun rund 300.000.

Kaum ein anderes journalistisches Projekt in Deutschland wurde in den letzten eineinhalb Jahren so beäugt wie die "Krautreporter". Auf der einen Seite gab es den Blankoscheck von 18.000 Mitgliedern, die dem Crowdfundingprojekt mit einem Jahresabo von 60 Euro zum Start verhalfen, ohne zu wissen, was genau geboten wird, auf der anderen Seite musste die Plattform viel Häme einstecken. Von einem gescheiterten Projekt war in einigen Medien bereits die Rede, in anderen von Erwartungen, die nicht erfüllt wurden.

"Boulevardmechanismen"

"Diese Übertreibungen ärgern mich. Das sind Boulevardmechanismen", sagt Esser zur Kritik, räumt aber gleichzeitig ein: "Wir brauchen bessere Argumente, um Mitglieder zu überzeugen."

Mit dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier kommt dem Portal in seinem zweiten Jahr einer der prominentesten Autoren abhanden. Bei seinem Austritt aus dem Kollektiv kritisierte er die "fehlende redaktionelle Linie". Neben dem Abgang Niggemeiers wird das journalistische Kernteam stark reduziert. Von knapp 30 in den ersten Monaten bleiben gerade einmal neun übrig.

Portal bleibt werbefrei

Reduziert werden wohl auch die vollmundigen Töne, mit denen die Initiatoren vor dem Start trommelten. Der Onlinejournalismus sei kaputt, wir möchten ihn reparieren, hieß es etwa, oder Klicks seien bei vielen Medien wichtiger als Geschichten. Was sich aber nicht ändern wird, ist der Verzicht auf Werbung, verspricht Esser. Und er wird demütiger: "Die hohen Erwartungen haben Stress ausgelöst. Ein Grund, warum es holprig war."

Das zweite Jahr stehe im Zeichen einer strategischen Neuausrichtung, erzählt der "Krautreporter"-Gründer. Eingezogen wird eine Paywall, um "bessere Argumente" für das Generieren neuer Abonnenten zu haben. Bis jetzt sind die Artikel für alle Leser kostenlos verfügbar. Assets für Mitglieder waren beispielsweise die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren oder weiterführende Informationen zu Beiträgen zu erhalten. Nach Implementierung der Bezahlschranke können Nicht-Mitglieder Artikel nur mehr lesen, wenn sie von Abonnenten über Social Media geteilt werden.

Ein Drittel der Genossenschafter

Weitere Neuerung ist die Gründung einer Genossenschaft. Nach dem Vorbild der Berliner "taz" sollen bis Ende des Jahres 100.000 Euro lukriert werden. Ein Drittel habe man bereits in der Tasche, sagt Esser. Um Genossenschafter zu werden, müssen Mitglieder Minimum 250 Euro berappen. Sie haften für ihre Einlagen und können von ihren Anteilen erst nach einer zweijährigen Kündigungsfrist zurücktreten. Dass die Summe zu hoch ist und das Rücktrittsrecht ungewöhnlich lange ist, verneint er: "Es geht nicht primär um Profit. Wir brauchen einfach Planungssicherheit."

Vorbild für die "Krautreporter" war das niederländische Startup "De Correspondent". Im dritten Jahr ihres Bestehens hält die Plattform bei 33.000 Mitgliedern.

Am Mittwoch ist Esser in Wien, um bei den Medientagen über digitale Bezahlmodelle zu diskutieren – und nicht, um einen Marktantritt in Österreich zu ventilieren. Eine Expansion, mit der er vor gut einem Jahr in einem STANDARD-Interview spekulierte, sei derzeit in weite Ferne gerückt. (Oliver Mark, 23.9.2015)

  • Sebastian Esser geht mit "Krautreporter" in die zweite Runde.
    foto: krautreporter

    Sebastian Esser geht mit "Krautreporter" in die zweite Runde.

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