"Energiekosten sind kein Turbo für Abwanderung"

Interview19. September 2015, 09:00
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Umweltminister Andrä Rupprechter sieht Österreich auf gutem Weg zum Klimagipfel. Kohlendioxid braucht weltweit einen Preis, sagt Klimaforscher Stefan Rahmstorf

STANDARD: Herr Minister, Sie waren mit anderen Umweltministern bei einer Audienz des Papstes, wohin trägt Sie Franziskus' Rückenwind?

Rupprechter: Jetzt einmal nach Brüssel zum Umweltministerrat in Vorbereitung der COP21, die ein rechtsverbindliches Weltklimaabkommen zuwege bringen wird. Ich bin zuversichtlich, dass es in Paris einen Erfolg geben wird. Jetzt geht es um eine verbindliche Verpflichtung bis 2030, die uns auf den Weg zur Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels führt, zu dem sich die EU und die G7-Staaten bekannt haben.

foto: matthias cremer
Das hohe Verkehrsaufkommen gefährdet Österreichs Klimakurs, sagt Umweltminister Andrä Rupprechter.

STANDARD: Was ist so ein Erwärmungslimit von zwei Grad bis zum Jahr 2100 wert, wenn die globalen Ziele bis jetzt nicht ansatzweise eingehalten wurden?

Rahmstorf: Die Kioto-Ziele wurden von den Staaten, die sich dazu verpflichtet haben, übererfüllt. Es wurden von den Kioto-Unterzeichnerstaaten fünf Prozent Emissionsreduktion versprochen und 20 Prozent geliefert. Insofern ist das eine Erfolgsgeschichte, wenn auch mit dem Wermutstropfen, dass die Schwellenländer nicht im Boot waren. Durch das rapide Emissionswachstum von Ländern wie China sind die weltweiten Emissionen dann trotzdem gestiegen. Das ist eines der Dinge, die ein neues Klimaabkommen jetzt anders machen muss. Die Welt hat sich seit damals gravierend verändert. Was ist so ein Ziel wert? Ein klares Ziel ist deshalb immens wichtig, um daran die Verpflichtungen, die die einzelnen Staaten eingehen, messen zu können.

STANDARD: Ist das Zwei-Grad-Ziel realistisch? Gleichzeitig mehren sich die Zweifel, ob dies ausreicht ...

Rahmstorf: Es ist schon einmal wichtig, dass es Einigkeit gibt unter so gut wie allen Staaten der Erde, dass zwei Grad eine maximal tolerierbare Obergrenze der Erderwärmung darstellen. Aus der Sicht des Klimaforschers würde ich sagen, zwei Grad Erwärmung sind keineswegs sicher in puncto Auswirkung und Folgen für die Welt. Wir haben bisher knapp ein Grad Erwärmung, aber wir sehen ja bereits negative Folgen: Die arktische Meereisdecke hat sich um etwa die Hälfte reduziert, und das Kontinentaleis schmilzt beschleunigt ab – das gilt für die Gebirgsgletscher ebenso wie für die großen Eispanzer auf Grönland und der Antarktis. Dadurch stieg der Meeresspiegel um etwa 20 Zentimeter seit Ende des 19. Jahrhunderts. Außerdem steigt die Zahl der Extremwetterereignisse. Wir haben inzwischen fünfmal so viele monatliche Hitzewellen, als man in einem stabilen Klima erwarten würde. Und nicht zuletzt führt es zu verstärkten Extremniederschlägen und zu Dürre. Aktuell sehen wir in Kalifornien eine schwere Dürre.

foto: matthias cremer
Sind im Klimaregime die Schlupflöcher für Dreckschleudern geschlossen, lohnt sich Abwanderung nicht mehr für die Industrie, sagt Klimafolgenforscher Stefan Rahmstorf.

STANDARD: Es gab in der Geschichte immer wieder Dürreplagen ...

Rahmstorf: Was sehr wenig diskutiert wird: Vor der Revolte 2011 hat Syrien von 2007 bis 2010 die schlimmste Dürre in der Geschichte erlebt. Das hat zu 1,5 Millionen Binnenflüchtlingen geführt und damit zu großer Unzufriedenheit. Es gab massive Ernteausfälle, die Bauern haben ihr Vieh verloren, weil es kein Futter gab, und den Menschen in den ländlichen Gebieten fehlte die Lebensgrundlage. Diese Dürre war sicher ein Aspekt, der zum Bürgerkrieg beigetragen hat.

STANDARD: Das könnten quasi auch gehäufte Zufälle sein, oder?

Rahmstorf: Eine Studie der University of California und der Columbia University zeigt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten der syrischen Dürre verdoppelt bis verdreifacht hat aufgrund der Erdwärmung. Syrien hat in den vergangenen 25 Jahren drei der vier schwersten Dürren in seiner Geschichte erlebt. Das gilt übrigens nicht nur für Syrien. Die Niederschlagsmengen zeigen, dass der ganze Mittelmeerraum austrocknet. In Griechenland, Portugal und auch in Italien haben wir deshalb bereits verheerende Brände gesehen. Klimaforscher haben das bereits vorhergesagt, dass der Mittelmeerraum durch die Zunahme der Treibhausgase immer trockener wird.

STANDARD: Schwellenländer wie China gehören mittlerweile zu den größten Emittenten. Wie wollen Sie die ins Boot holen?

Rupprechter: Das ist Kioto-Vergangenheit. Heute haben wir Keyplayer wie die USA, China und Russland bereits im Boot, die haben ihre Verpflichtungen bereits auf den Tisch gelegt. Rund 60 Prozent der Treibhausgasemissionen sind insofern schon erfasst, als es die Bereitschaft gibt, Verpflichtungen zur Treibhausgasreduktion einzugehen. Die Verbesserung der Luftqualität und Umweltschutz gehören auch in China zu den prioritären Themen. Insofern gibt es Grund zum Optimismus.

STANDARD: Ihr Optimismus in Ehren. Aber China hat solche Verpflichtungen noch nie eingehalten. Die Dreckschleudern unter den Stahlwerken sind bis heute nicht zugesperrt. Apropos: Österreich kauft sich mit den Einnahmen aus dem Tanktourismus ja auch lieber frei aus der Kioto-Verpflichtung anstatt Maßnahmen gegen die Emissionen im Verkehr zu ergreifen ...

Rupprechter: Es stimmt, dass in der Kioto-I-Periode das Erreichen der Ziele nur durch Zertifikatekäufe möglich war. Aber jetzt, in der zweiten Periode, bin ich zuversichtlich, dass wir bei den Zielen bis 2020, und das bestätigt mir auch das Umweltbundesamt, auf Zielpfad sind und in fast allen Sektoren unsere Ziele erfüllen werden. Das einzige Sorgenkind ist der Verkehr. Da sind wir scharf am Limit, da werden wir deutlich mehr Anstrengungen unternehmen müssen. Da setze ich mit unserer Klimaschutzinitiative Klima-aktiv mobil an, damit wir ohne den Zukauf von Verschmutzungsrechten auskommen.

STANDARD: Stichwort null Emissionen, darauf läuft es für die Industrie ja hinaus. Wie wollen Sie unter diesen Bedingungen die Abwanderung von Industrie und Arbeitsplätzen verhindern?

Rahmstorf: Entscheidend ist, dass CO2-Emissionen weltweit ihren Preis haben und dass niemand mehr davon ausgehen kann, dass man die Atmosphäre gratis als Müllhalde für Kohlenstoff verwenden kann. Diese CO2-Emissionen haben Folgekosten, die die Allgemeinheit tragen muss, und die müssen eingepreist werden. Wenn es einen weltweiten CO2-Preis gibt, macht das auch ökonomisch Sinn, weil es weltweit keine Schlupflöcher mehr gibt. Versuche, Industrien zu verlagern, werden keinen Erfolg mehr haben.

STANDARD: Wie wird dieser Preis ermittelt? Der Handel mit Verschmutzungsrechten ist ein Flop, es wurden Unmengen an Zertifikaten verschenkt, der Preis ist im Keller.

Rahmstorf: Es gibt zwei Möglichkeiten: Emissionshandel oder CO2-Steuern. Beides hat Vor- und Nachteile, beides produziert Gewinner und Verlierer. Die EU hat sich für den Emissionshandel entschlossen.

Rupprechter: Es ist richtig, in der Vergangenheit wurden zu viele Gratiszertifikate ausgegeben, deshalb funktioniert das Handelssystem nicht zufriedenstellend. Aber wir sind dabei, dieses System zu reformieren, die EU-Kommission hat einen Vorschlag auf den Tisch gelegt. Ich halte nichts von nationalen Alleingängen oder davon, das System jetzt abzuschaffen.

STANDARD: Zurück zum Klimagipfel im Dezember. Bei dem, was jetzt an Selbstverpflichtungen vorliegt, steuern wir auf das Ziel drei Grad Erwärmung hin, nicht zwei Grad. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Rahmstorf: Stimmt. Das bedeutet, dass im neuen Klimaregime ein Mechanismus enthalten sein muss, der es erlaubt, die Emissionsminderung nachzujustieren. Das kennen wir schon vom Montreal-Protokoll gegen das Ozonloch, dass der FCKW-Ausstieg zunächst zu langsam beschlossen wurde, dann aber später beschleunigt wurde. (Luise Ungerboeck, 19.9.2015)

Andrä Rupprechter (54) war beim Bauernbund, im Kabinett von Landwirtschaftsminister Franz Fischler, Sektionschef für Landwirtschaft und Ernährung, ab 2007 Direktor im Generalsekretariat des Rates der EU für Agrar. Seit Dezember 2013 ist der Tiroler Agrarminister.

Stefan Rahmstorf (55) Physiker und Ozeanograf, lehrt am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Dort erforscht er vor allem die Rolle der Meere bei Klimaänderungen. 1999 wurde er von der amerikanischen McDonnell-Stiftung mit einem Förderpreis in Höhe von einer Million Dollar ausgezeichnet.

  • Die Schlupflöcher für Dreckschleudern schließen, mahnt Klimafolgenforscher Stefan Rahmstorf.

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