"Reproduktionserfolg" mit mathematischem Modell getestet

18. September 2015, 17:19
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Biologen Elisabeth Oberzaucher und Karl Grammer untersuchten, ob marokkanischer Herrscher Moulay Ismael tatsächlich fast 1.200 Kinder zeugen konnte

Cambridge /Wien – Der marokkanische Herrscher Moulay Ismael (1634-1727), genannt der "Blutrünstige", soll 888 Kinder gezeugt haben. Mit dieser angeblichen Leistung steht er sogar im Guinness Buch der Rekorde. Die Biologen Elisabeth Oberzaucher und Karl Grammer (Uni Wien) haben mit Hilfe eines mathematischen Modells analysiert, ob und unter welchen Voraussetzungen das tatsächlich möglich war – und wurden dafür mit dem "Ig-Nobelpreis" in Mathematik ausgezeichnet.

Die in der Nacht auf Freitag an der Harvard University zum 25. Mal vergebenen Auszeichnungen sollen "das Ungewöhnliche feiern und das Fantasievolle ehren" und belohnen Forschung, die "erst zum Lachen und dann zum Denken anregt". Der Preis-Name ist ein Wortspiel (ignoble heißt auf Deutsch unwürdig). Bereits 2011 erhielten die Forscher Natalie Sebanz, Isabella Mandl und Ludwig Huber von der Uni Wien den Ig-Nobelpreis für ihre Studie, dass Gähnen bei Rotfußschildkröten nicht ansteckend wirkt.

Diplomatenbericht als Quelle

Oberzaucher und Grammer legten ihren Untersuchungen den Bericht eines französischen Diplomaten aus dem Jahr 1704 zugrunde, der damals notierte, dass Moulay 600 Söhne von vier Ehefrauen und 500 Konkubinen hatte. Berücksichtigt man, dass damals lediglich die Töchter der Gattinnen leben durften, während jene der Konkubinen nach der Geburt getötet wurden, kamen die Forscher auf eine Kinderzahl von rund 1.171 in einer Zeitspanne vom Antritt seiner Regentschaft 1672 bis 1704, also 32 Jahre.

Da der Diplomaten-Bericht die einzige verlässliche Quelle aus dieser Zeit ist, konzentrierten sich Oberzaucher und Grammer auf die ersten 32 Jahre der Regentschaft des "Blutrünstigen" – obwohl sein "Reproduktionserfolg" bis zu seinem Tod 1727 wahrscheinlich substanziell höher war. Seinen Beinamen verdankte der Mann übrigens auch seinen brutalen Methoden zur Sicherstellung seiner Vaterschaft.

Für ihre Publikation erstellten die beiden Forscher ein Computermodell von Moulay Ismaels Reproduktionsbemühungen. Dabei galt es die unterschiedlichsten Faktoren zu beachten: Das reicht von unterschiedlichen Modellen, mit denen die Wahrscheinlichkeit der Zeugung eines Kindes während des weiblichen Zyklus bewertet werden, über religiöse Tabus (kein Geschlechtsverkehr während der Menstruation) bis zum Einbeziehen von Fehlgeburten.

Außerdem kalkulierten die beiden Biologen die Möglichkeiten ein, dass sich der "Blutrünstige" seine Partnerinnen auf Zufallsbasis auserkoren haben könnte, aber auch, dass bei der Wahl seiner Sexpartnerinnen durchaus auch Liebe und Favoritinnen eine Rolle gespielt haben. Vor Probleme gestellt haben dürfte ihn auch die Tatsache, dass in einem Harem sich der Ovulationsrhythmus der Frauen angleicht.

Weniger Sex als gedacht

Trotz all dieser Unwägbarkeiten kamen die Forscher zum Schluss, dass Moulay Ismael seine kolportierte Kinderanzahl tatsächlich aus eigener Kraft geschafft haben könnte. Außerdem zeigten sie, dass er dazu sogar weniger Sex haben musste als in bisherigen Forschungsarbeiten angenommen – und dass sein Harem eigentlich zu groß war: 65 bis 110 Frauen würden zum maximalen Reproduktionserfolg ausreichen.

Den Ig-Nobelpreis findet Grammer "zunächst einmal lustig", wie er betonte. Verbunden damit sei aber auch die Hoffnung, "dass nun der Artikel häufiger zitiert wird". Auf das Thema sei er während eines Vortrags vor 1.000 Reproduktionsmedizinern gekommen, "als ich mich fragte, wie hoch der Aufwand für die menschliche Produktion sei", sagte Grammer. Weil die Mediziner keine Antwort gewusst hätten, habe er mit Oberzaucher nachgerechnet, wobei er die Arbeit als "Fingerübung im Programmieren" bezeichnete.

Oberzaucher, die die Auszeichnung bei der skurrilen Verleihungs-Zeremonie selbst abholte, wurde 1974 in Förolach (Kärnten) geboren. Sie studierte an der Uni Wien Biologie und schrieb ihre Diplomarbeit (2000) zum Thema "Phytophilie, die positiven Auswirkungen von Grünpflanzen auf die kognitive Leistungsfähigkeit". Ihr Doktoratsstudium am Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie schloss sie 2003 ab. Sie lehrt am Department für Anthropologie der Uni Wien und ist Herausgeberin des Fachjournals "Human Ethology Bulletin".

Der gebürtige Deutsch Grammer (Jahrgang 1950) studierte Zoologie an der Uni München, forschte an der damals von Irenäus Eibl-Eibesfeldt geleiteten Forschungsstelle Humanethologie der Max-Planck-Gesellschaft in Seewiesen, wo er auch seine Doktorarbeit schrieb. 1990 habilitierte er sich an der Uni Wien, wo er von 1991 bis 2008 das Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie leitete und als Professor am Department für Anthropologie tätig ist. (APA/red, 18.9.2015)

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