Aus globaler Sicht hat Migration nicht zugenommen

Infografik21. September 2015, 09:00
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Der gesamte Anteil der nicht in ihrem Geburtsland lebenden Menschen weltweit beträgt laut Uno etwa drei Prozent

Der Zerfall der Sowjetunion, das Ende des sowjetisch-afghanischen Kriegs und der Bürgerkrieg in Ruanda waren die Auslöser großer Migrationsströme zu Beginn der 1990er-Jahre. Später wurden sie von den Konflikten im Südsudan, der Masseneinwanderung von Menschen aus Simbabwe in Südafrika oder dem Zustrom von Arbeitern aus Indien, Nepal oder Bangladesch auf die Baustellen arabischer Staaten abgelöst.

Derartige Phänomene waren von 1990 bis 2010 Treiber der globalen Migration, nicht, wie man annehmen könnte, eine zunehmende Globalisierung. "Die globalen Migrationsbewegungen haben zwischen 1990 und 2010 keineswegs konstant zugenommen", erklärt Nikola Sander vom Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital in Wien. Mit ihrem Kollegen Guy Abel veröffentlichte sie im Fachjournal Science eine Studie, die, aufgeteilt in Fünfjahresintervalle, einem "Global Flow of People" nachgeht.

Klassischer Gastarbeiter war einmal

Zwischen 1990 und 1995 emigrierten demnach 41,5 Millionen Menschen. Im darauffolgenden Intervall waren es gut sieben Millionen weniger, bevor der Wert wieder anstieg und von 2005 bis 2010 erneut die 41,5 erreichte. Gemessen an der Gesamtbevölkerung der Erde sank der Anteil der Migranten pro Fünfjahresintervall damit von 0,75 auf 0,61 Prozent. Der gesamte Anteil der nicht im Geburtsland lebenden Menschen beträgt dagegen laut Uno etwa drei Prozent. Ein Fazit Sanders: "Mit der Globalisierung werden Migrationsbewegungen komplexer. Man verharrt nicht mehr so lange in einem Zielland." Der klassische Gastarbeiter, der nur einmal umzieht, ist selten geworden.

Die Zahlen, die erstmals globale Wanderungen quantifizieren, beruhen auf statistischen Modellen, die auf Daten der Uno aufbauen. In Sanders Studie sind auch Zahlen des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) integriert, ein tatsächlicher Anteil von Flüchtlingen an der globalen Migration lasse sich aber schwer quantifizieren. Unter Berücksichtigung der UNHCR-Schätzung, wonach 2014 insgesamt 2,9 Millionen Menschen in ein anderes Land geflohen sind, geht Sander davon aus, dass der globale Flüchtlingsanteil unter 15 Prozent aller Migrationsbewegungen liege. Die Flüchtlingsbewegungen, die der Krieg in Syrien auslöst – die Hälfte der Landesbevölkerung von 22 Millionen ist auf der Flucht, davon der größte Anteil im Inland, vier Millionen in Camps in Nachbarländern –, seien dabei durchaus mit dem Bürgerkrieg in Ruanda Anfang der 1990er-Jahre vergleichbar.

Communitys ziehen andere an

"Es ist aber keineswegs so, dass sich mit diesem Krisenherd die Werte der globalen Migrationsbewegungen auf den Kopf stellen", sagt Sander. Nach Europa seien anfangs überwiegend eher gebildete Syrer gekommen, weil diese über die nötigen Ressourcen verfügten. Mittlerweile weite sich das angesichts der fehlenden Hoffnung auf ein Kriegsende auf weitere Bevölkerungsschichten aus. Ziel seien vor allem Länder mit bestehenden Communitys.

Die traditionell großen Migrationsziele Nordamerika, Europa und Australien qualifizieren sich neben ihrer relativ stabilen politischen Situation und bereits vorhandener Diaspora natürlich auch mit wirtschaftlichen Faktoren. Auffällig sei, so Sander, dass keineswegs Menschen aus den ärmsten direkt in die reichsten Länder emigrieren. "Der globale Trend zeigt, dass Auswanderer die Einkommensleiter Stufe für Stufe hochsteigen." Menschen aus dem armen Indonesien gehen etwa nach Malaysia, einem typischen Transitionsland, wo sie mehr Wohlstand finden. Die Malaysier gehen dagegen ins reichere Singapur.

Freizügigkeit, Jobwechsel, Flucht

Laut Erhebungen, die sich auf Visa-Ausstellungen gründen, gibt es im OSZE-Raum drei große Gruppen von Migranten, erklärt Sander: Die eine resultiert aus der Freizügigkeit innerhalb der EU und kann keinem bestimmten Motiv zugeordnet werden. Ein zweiter großer Anteil besteht in Familienzusammenführungen. Ein deutlich geringerer Anteil basiert auf wirtschaftlichen Gründen, Jobwechsel oder Ausbildung. Flüchtlinge seien im Vergleich dazu eine kleine Gruppe.

"Auffällig ist aber, dass die Migration nach Europa relativ vielschichtig ist", erklärt Sander. Im Vergleich zu Australien oder Nordamerika, die eine stärkere Selektion betreiben, gibt es mehr Motive und mehr Herkunftsländer. Europas Einwanderungspolitik sei dagegen passiv. Auch in der Syrien-Krise werde nur reagiert und nicht mitgestaltet. Es gebe etwa keinen legalen Weg für gebildete Syrer, nach Europa einzureisen. "Auch die wenigen Rot-Weiß-Rot-Cards, die Österreich vergibt, gehen hauptsächlich an Sportler." Was fehlt? "Eine transparente Einwanderungspolitik." (Alois Pumhösel, 21.9.2015)

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