Osteuropa: Gegen die hässliche Fratze

19. September 2015, 12:00
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Intellektuelle fordern mehr Solidarität ihrer Regierungen mit Flüchtlingen, 40 polnische Medien starten Informationskampagne "gegen die Angst"

Angstverzerrte Fratzen, Hassparolen und Stacheldrahtzäune, um verzweifelte Flüchtlinge aus Kriegsgebieten von den eigenen Grenzen fernzuhalten: Nicht alle Menschen in den mittelosteuropäischen Staaten der EU (MOE) sind mit diesem Bild ihrer Heimatländer einverstanden. "Wir stehen vor einer humanitären Katastrophe von außergewöhnlich großem Ausmaß", mahnen knapp 100 Intellektuelle und ehemalige Spitzenpolitiker aus Polen, Ungarn, Tschechien, der Slowakei und den baltischen Republiken in einem offenen Brief an die eigenen Regierungen. "Hunderttausende Flüchtlinge (…) hoffen darauf, in unserem gemeinsamen Europa Zuflucht, Sicherheit und normale Lebensbedingungen finden zu können. Vor nicht langer Zeit sind wir es gewesen, die an die Tore Europas klopften."

Die Intellektuellen und Politiker, darunter die beiden Ex-Präsidenten Polens Bronislaw Komorowski und Aleksander Kwasniewski sowie namhafte Regisseure, Schriftsteller und ehemalige Dissidenten, erinnern an die Solidarität als den fundamentalen Wert der Europäischen Union: "Wir dürfen heute die Mitverantwortung für die Europäische Union nicht zurückweisen, indem wir die Augen für das menschliche Unglück verschließen."

"Im Namen der Menschlichkeit"

Im wiedervereinigten Europa sei es in den letzten Wochen zu einer erneuten Spaltung gekommen. Sie habe eine moralische Dimension. Statt die Grenzen und Herzen vor den Flüchtlingen zu verschließen, fordern die Unterzeichner des Appells die Regierungen und Bürger "unserer Länder im Namen unserer Menschlichkeit, im Namen unserer Prinzipien und Werte" dazu auf, praktische Solidarität mit den Flüchtlingen zu zeigen: "Auch unter uns sollen sie einen ruhigen Hafen finden, um als vollkommen freie Menschen über ihre Zukunft entscheiden zu können."

Ob der Appell ein Nachdenken oder gar eine Kehrtwendung der restriktiven Flüchtlingspolitik in den MOE-Staaten bewirkt, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Immerhin erkannten aber bereits Polens Medien, dass die bisherige Berichterstattung mehr Desinformation, Angst und dumpfe Xenophobie vermittelte als solides Wissen.

Info-Desaster

Schuld an dem Info-Desaster sind auch rechtsnationale Politiker, die vor einer angeblichen "Islamisierung Polens" durch die Aufnahme von ein paar Hundert muslimischen Flüchtlingen warnen; vor der angeblichen Einführung der Scharia und den angeblich künftig von Muslimen vollgepinkelten katholischen Kirchen.

Die Brüsseler EU-Kommission wiederum, die den Polen "Quoten" aufdrücken wolle, bedrohe die Souveränität Polens, so wie es in Zeiten des Kommunismus Moskau getan habe.

"Mehr Wissen, weniger Angst"

Rund 40 polnische Medien starteten nun eine gemeinsame Informationskampagne unter dem Titel "Mehr Wissen, weniger Angst: Flüchtlinge in Polen". Schirmherr und zugleich erste Informationsquelle ist das Ausländeramt Polens.

Schon die Tabelle "Immigranten in der EU" räumt mit der Legende von der angeblichen "Überfremdung" Polens auf: Gerade einmal 0,3 Prozent Ausländer leben in dem 38-Millionen-Einwohner-Staat, so wenig wie in keinem anderen EU-Land. Auch die Zahl der Asylbewerber und Flüchtlinge, die Polen jedes Jahr anerkennt, hält sich in bescheidenen Grenzen: Lediglich im Jahr 2004 waren es über 300.

In diesem Jahr sind es bisher 249. Ukrainer sind keine dabei. Die können ja auch ganz normal einreisen – mit einem Touristen-, Studenten- oder Arbeitsvisum. (Gabriele Lesser, 19.9.2015)

  • Polnische Nationalisten bei einer Demo gegen Flüchtlinge und Einwanderung Mitte September in Warschau.
    foto: ap photo/czarek sokolowski

    Polnische Nationalisten bei einer Demo gegen Flüchtlinge und Einwanderung Mitte September in Warschau.

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