"Gut gebildete Flüchtlinge werden in Hilfsjobs gedrängt"

Interview18. September 2015, 17:58
635 Postings

Dass Hochqualifizierte in schlechten Jobs landen, erhöhe die Konkurrenz auf dem Niedriglohnsektor, sagt Soziologe August Gächter

STANDARD: Warum wollen so wenige Asylsuchende in Österreich bleiben?

Gächter: Österreich ist zu wenig bekannt. Es würden viel mehr Leute hierherkommen, wenn sie von der Existenz Österreichs wüssten. Viele Menschen kennen Wien, wissen aber nicht, in welchem Land es liegt.

STANDARD: Wenn es darum geht, wo ein gut ausgebildeter Flüchtling bessere Jobchancen hat: Soll er nach Österreich kommen?

Gächter: Für jemanden mit höherer Bildung ist es nicht besonders vernünftig, da sind ist er in anderen europäischen Ländern besser dran: Je höher die Bildung eines Zuwanderers, desto größer ist der Gehaltsunterschied zwischen In- und Ausländer – bei gleicher Qualifikation. Laut OECD-Vergleich ist Österreich beim Verwerten von im Ausland erworbenen Qualifikationen einer von fünf Problemfällen – neben Italien, Griechenland, Spanien, Zypern. Dabei ist die Bildung der Zuziehenden nach Österreich stark angestiegen, mindestens 60 Prozent haben Matura. Jetzt kann man alle möglichen Wenn und Abers einwenden: "Ja, aber die Bildung in den Herkunftsländern …" – aber das sind Dinge, die werden nicht untersucht, die wissen wir nicht – das sind reine Abwehrargumente.

STANDARD: Nehmen wir einen Chemiker aus Syrien. Wie groß ist die Chance, dass er mit guten Deutschkenntnissen seine Karriere hier fortsetzen kann?

Gächter: Nicht hoch. Die Wahrscheinlichkeit dass er als Hilfsarbeiter, etwa als Küchenhilfe, arbeiten wird, liegt bei rund 50 Prozent. Das AMS sagt, das Wichtigste ist, dass die Leute irgendwie beschäftigt sind. Und die Betroffenen lassen sich darauf ein – weil sie hoffen, dass sie, einmal im Arbeitsmarkt drin, schon aufsteigen werden. Aber das gelingt ihnen nicht: einmal in der Schublade drin – fertig.

STANDARD: Woran scheitert es?

Gächter: Das ist sehr stark von Glück abhängig. Ein AMS-Angestellter hat mich gefragt: "Was mach ich mit einer tschetschenischen Uniprofessorin für russische Literatur? Für die hab ich nie einen Job. Gelingt es mir, sie einmal als Putzfrau zu vermitteln, hab ich immer einen Job für sie."

STANDARD: Was hätte das AMS in dem Fall tun können?

Gächter: Ein bisschen aus der Box hinausdenken. Die Frau hat ihr Studium auf Russisch gemacht. Sie könnte bei uns auf Russisch russische Literatur unterrichten.

STANDARD: Und der Chemiker? Ist es ausgeschlossen, dass er an eine Stelle als Chemiker vermittelt wird?

Gächter: Nein. Aber das AMS hat wahrscheinlich keine Stellen für Chemiker. Und selbst dann ist die Chance gering, wenn sein Abschluss hier nicht anerkannt ist.

STANDARD: Die Bundesregierung verspricht seit längerem eine Reform der Anerkennung Wann kommt sie?

Gächter: Ich bin nicht optimistisch dass viel herauskommt. Derzeit ist es das reinste Dickicht. Man geht zu A, der sagt, er sei nicht zuständig, und schickt einen zu B, dort heißt es, beim A warst du eh richtig. De facto sind bei uns für die Anerkennung die Betriebe zuständig, und die machen das nicht, ganz simpel. Flüchtlinge haben ja keine Zeugnisse dabei, und wenn, dann sind sie vielleicht auf Arabisch – und würden den Personalchefs gar nichts sagen. Das muss man den Betrieben abnehmen.

STANDARD: Sie fordern eine Öffnung des Arbeitsmarktes für Asylwerber. Manche fürchten aber, dass das zu starker Konkurrenz um Niedriglohnjobs und zu Dumpinglöhnen führt. Ist das so abwegig?

Gächter: Nein. Aber die Frage ist: Ist es die sinnvollste Lösung, die Leute aus dem Arbeitsmarkt auszusperren? Oder sollte man nicht eher überwachen, dass die Vorschriften eingehalten werden? Und Konkurrenz im Niedriglohnbereich entsteht ja auch dadurch, dass höherqualifizierte Flüchtlinge in niedrige Jobs gedrängt werden. Menschen nur in den Arbeitsmarkt zu drängen ist nicht die Lösung, da braucht es flankierende Maßnahmen.

STANDARD: Unterstützung beim Deutschlernen?

Gächter: Ja, wobei diese Fixierung aufs Deutsche bei uns schon außergewöhnlich ist. Das sind nur Österreich, Frankreich und Dänemark, die da komplett verrücktspielen.

STANDARD: Inwiefern?

Gächter: Man fragt erst einmal: Wie spricht diese Person? Unabhängig davon, ob das für den Job wichtig ist. Sprechen sie mit der Person, wissen sie danach ganz genau, welche Fehler sie gemacht hat – aber nicht, was sie gesagt hat. Und es gibt vielfache Hinweise, dass ein Akzent ein echtes Hindernis ist am Arbeitsmarkt. Da wird gar nichts unternommen. Unser Recht greift nur, wenn es gelingt, Diskriminierung nachzuweisen, aber es gibt keine präventive Aktivität. Vorgesetzte müssten verstehen lernen, was Diskriminierung alles ist – und dass ich diskriminierendes Verhalten mit Wollen allein nicht wegkriege. Sondern dass man Prozeduren braucht, die es einem unmöglich machen zu diskriminieren – etwa anonyme Bewerbungen.

STANDARD: Warum haben sogar die Kinder von Zugewanderten schlechtere Karrierechancen – selbst bei gleichem Bildungsabschluss wie Österreicher?

Gächter: Ganz genau wissen wir es nicht. Diskriminierung ist ein Faktor. Eine Studie aus Linz zeigt: Mit identer Bewerbung und selbem Foto bekommt ein Michael mehr Rückmeldungen als ein Bewerber mit türkischem oder serbischem Namen.

STANDARD: Inwiefern prägen solche Diskriminierungserfahrungen? Trauen sich Betroffene irgendwann selbst weniger zu?

Gächter: Sie prägen unbewusst. Wir sehen, dass Betroffene meist nicht wissen wollen, dass sie diskriminiert werden. Die Leute merken vielleicht, dass mit ihnen nicht gerecht umgegangen wird, wollen es aber nicht als Diskriminierung sehen. Sonst heißt das ja, dass sie am kürzeren Hebel sitzen. Wir wissen aber, dass Stereotype prägen. Gerade Menschen, die besonders talentiert sind, schneiden bei Tests deutlich schlechter ab, wenn sie kurz davor daran erinnert werden, dass sie einer Minderheit angehören, der unterstellt wird, dass sie das nicht kann. Das kann ganz kurz sein – ein Blick auf ein Bild an der Wand.

STANDARD: Etwa wenn ein zugewanderter Schüler auf dem Weg zur Deutsch-Schularbeit an einem rassistischen Plakat vorbeigeht?

Gächter: Ja, zum Beispiel. Oder eine Lehrerin, die zu einem anderen zugewanderten Schüler mit demselben Migrationshintergrund einmal gesagt hat, dass Menschen aus seinem Land schlecht Deutsch können. Da würde allein die Anwesenheit der Lehrerin diese Situation herstellen.

STANDARD: Sie haben kritisiert, dass die Politik die Fluchtkrise verschlafe – aber wie hätte sie sich vorbereiten können?

Gächter: Man hätte sich eingestehen müssen, dass die Asylinfrastruktur auf etwa 10.000 Personen pro Jahr ausgerichtet ist. Sind es mehr, dann ist das Innenministerium nicht mehr der richtige Ort, um das hinzukriegen, dann müssen die Bürger voll mitziehen – was ja jetzt auch passiert. Die Bürger müssen aber den Spielraum haben, etwas zu tun. Dieser Spielraum war Mitte der Neunzigerjahre vorhanden: Wenn man für einen Bosnienflüchtling einen Job hatte, durfte der sofort dort anfangen. Heute müsste man sich in die Illegalität begeben – wobei ich dafür plädiere, es trotzdem zu tun und darauf zu hoffen, dass das im Nachhinein saniert wird.

STANDARD: Die Politik könnte die aktuelle Hilfsbereitschaft anzapfen, um nachhaltig etwas zu tun?

Gächter: Ja, genau. Derzeit hat die Politik ja ein Monopol darauf, nachhaltige Lösungen zu suchen. Für die Bürger bleiben nur Hilfsdienste, aber damit werden sich die Bürger nicht zufriedengeben. Das wird in Frustration umschlagen – und dann ist ein Backlash zu fürchten.

STANDARD: Welche Art von Backlash?

Gächter: Wenn die Leute nicht zu Ende helfen dürfen, werden sie irgendwann anfangen, die Hilfsbedürftigen abzulehnen. Dann richtet sich der Grant nicht gegen das Ministerium, sondern gegen die, denen man eigentlich helfen wollte.

STANDARD: Warum ist unser Asylsystem auf nur 10.000 Menschen pro Jahr ausgerichtet?

Gächter: Nach 2005 hat man gesagt: Jetzt gibt es die Dublin-Vereinbarung, also wird's bei uns nicht mehr viele Flüchtlinge geben können, weil jetzt alle anderen zuständig sind. Dass das reines Wunschdenken ist, konnte man sich nicht eingestehen, denn damit hätte man das Dublin-System infrage gestellt. Das konnte man erst jetzt, als völlig offensichtlich war, dass das so nicht funktionieren kann.

STANDARD: Noch vor ein paar Monaten hieß es von offizieller Seite: An Dublin wird nicht gerüttelt. Jetzt sagen viele: Dublin ist tot.

Gächter: Und ich bin gespannt was man in ein paar Monaten sagen wird. In dem Moment, wo sich das entspannt, wird man an Dublin nichts mehr ändern wollen.

STANDARD: Ist das die Strategie der osteuropäischen Länder? Abwarten und aussitzen?

Gächter: Kann ich nicht sagen. Aber ich verstehe es ganz gut, dass sie sich gegen Quoten wehren. Ich sage: Das sollen die reichen Länder der EU übernehmen, die können das ohne weiteres. Enthüllend finde ich, dass innerhalb Deutschlands die Verteilung auch nicht funktioniert.

STANDARD: Woran scheitert die Flüchtlingsunterbringung in Österreich?

Gächter: Wenn es aus einer Gemeinde heraus eine Initiative gibt, wird die vom Bürgermeister gewöhnlich nicht behindert. Probleme gibt es, wenn der Bürgermeister die Initiative setzen soll. Sinnvoll wäre es, vorher in die Gemeinde zu gehen und zu sagen: Okay, wir brauchen drei Lehrerinnen, zwei Leute fürs Essen, drei fürs Putzen– dann werden sich für alle Dinge Freiwillige melden. Das lässt sich innerhalb einer Woche machen, vermute ich. Und dann kann man die Leute hinbringen; und die, die sich fürchten, sind dann beruhigt, weil sie sehen, es gibt Leute die sich kümmern.

STANDARD: Wer könnte so ein Freiwilligen-Scout sein?

Gächter: Das Ministerium könnte das aber über Hilfsorganisationen abwickeln, die in die Gemeinden gehen oder in Zeitungen inserieren.

STANDARD: Ist dieses Modell mit dem geplanten Durchgriffsrecht vereinbar?

Gächter: Man hätte im Fall (Anm.: des geplanten Asylzentrums in) Eberau die Lektion lernen können. Da hat man gesagt: Das ist der richtige Ort – ohne das mit der Bevölkerung vorab abzuklären. Das Projekt wurde abgeblasen. Eberau war auch viel zu klein. Asylwerber gehören in die Städte und in kleinere Gemeinden im Umland größerer Städte. Mit dem Durchgriffsrecht erhöht sich der Druck aufs Ministerium, dass es vor Ort auch tatsächlich funktioniert. Das Ministerium wird es nicht durchhalten, wenn sie Leute hinbringen, wo sich die Leute samt und sonders wehren.

STANDARD: Was macht Sie sicher? Die Österreicher wehren sich meist an der Urne.

Gächter: Ja, aber es wird in sozialen Medien hörbar werden, die Bürgermeister kriegen's zu spüren, und die geben es wieder innerhalb der Partei weiter. Und die Landeshauptleute sind ja geübt darin, auf Bundesebene dann die Dinge massiv einzufordern. (Maria Sterkl, 18.9.2015)

AUGUST GÄCHTER

ist Soziologe und Experte für Migration und Arbeitsmarkt am Zentrum für Soziale Innovation in Wien.

  • "Sinnvoll wäre es, vorher in die Gemeinde zu gehen und zu sagen: Okay, wir brauchen drei Lehrerinnen, zwei Leute fürs Essen, drei fürs Putzen– dann werden sich für alle Dinge Freiwillige melden." August Gächter über Flüchtlingsunterbringung, wie sie sein sollte.
    foto: standard/urban

    "Sinnvoll wäre es, vorher in die Gemeinde zu gehen und zu sagen: Okay, wir brauchen drei Lehrerinnen, zwei Leute fürs Essen, drei fürs Putzen– dann werden sich für alle Dinge Freiwillige melden." August Gächter über Flüchtlingsunterbringung, wie sie sein sollte.

Share if you care.