Auf der Flutwelle dahergeschwommen

19. September 2015, 15:00
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Wer von Naturkatastrophen spricht und damit Fluchtbewegungen von Menschen meint, befeuert Ängste und Abwehrhaltung

Chaos, Wellen, Tsunamis und überhaupt eine drohende Heuschreckenplage könnte man vermuten, wenn man einigen Schlagzeilen zum derzeitigen Geschehen in Europa und an Europas Grenzen folgt. Wobei die Erwähnung der Heuschreckenplage noch zu wenig weit ausholt. Die Wasser der Donau könnten sich wie Blut verfärben, und es könnte Kröten regnen. Biblisch alles, irgendwie. Und mittendrin die blauen Umrührer und H.-C. Strache, ihr Prophet. Wer von Naturkatastrophen spricht und damit Fluchtbewegungen von Menschen meint, bewirkt, dass diese Menschen durch solche Wortwahl in Feinde und in Bedrohung verwandelt werden: Das befeuert Ängste und Abwehrhaltung einiger Bürger. Je größer die Zahl der Flüchtlinge, umso verstörender ist diese Wanderbewegung. Umso fremder die Flüchtlinge wirken, desto mehr Ängste lösen sie aus, je weiter man sich von ihnen entfernt, desto fremder wirken sie. Ein Teufelskreislauf, der nur durch Kontakt durchbrochen werden kann: Jede Gemeinde, jeder Bürgermeister und jede Bürgermeisterin, die sich dafür einsetzen, rücken die Welt wieder ein bisschen gerade. Aber es ist schwerer umzusetzen. Eine tägliche Arbeit, die langsam und langfristig wirkt und bei der ganz Europa gefragt ist. Kein Land kann diese Herausforderung im Alleingang stemmen.

Einmal das Maul aufreißen und Menschen verängstigen geht natürlich schneller und leichter. Leider setzten sich Tsunami-Oratoren und Chaos-Kassandren so gut wie nie dafür ein, vor Ort Hilfsmöglichkeiten und Entwicklungshilfe in ähnlich scharfgezeichneten Untergangsszenarios zu fordern: Denn die Menschen fliehen nicht, um reich zu werden, sondern um zu überleben. Wenn ihnen dieses Überleben in umliegenden Ländern leichter fiele, würden sich auch weniger auf den lebensgefährlichen Weg machen. Die heraufbeschworenen Bilder der Fluten haben übrigens etwas doppelt Widerliches: Denn nicht wir sind es, die ertrinken. Nicht wir, deren Leichen an Urlaubsstrände gespült werden. Die da angespült werden, sind jene anderen, denen die Überflutung vorgeworfen wird. (Julya Rabinowich, 18.9.2015)

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