Nutzlose Vitaminpillen

20. September 2015, 12:00
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"Multivitamin" ist der Inbegriff für gesunde Ernährung. Doch Vitamine als Nahrungsergänzung machen weder gesünder noch schützen sie vor Krankheiten

Eigentlich wollte Herr K. in der kleinen Apotheke in Wien-Favoriten (Namen sind dem Autor bekannt) nur das Rezept für sein übliches Anti-Allergie-Medikament einlösen. Er leidet jeden Frühling und Sommer an einer heftigen Allergie gegen diverse Gräser- und Blütenpollen, die ihm Jahr für Jahr Niesanfälle und rote, juckende Augen beschert.

Doch die freundliche Apothekerin ließ es sich nicht nehmen, Herrn K. zusätzlich umfangreich zu beraten. "Damit können Sie Allergien auch ohne Medikamente behandeln", versprach sie und reichte ihm einen Zettel über den Ladentisch, der diverse Vitaminpräparate bewarb.

Herr K. jedoch war skeptisch und vertraute lieber auf das Mittel, das ihm seine Ärztin seit Jahren verschrieb. Die Bemerkung, er glaube nicht an so etwas, ließ die Dame im weißen Mantel allerdings nicht gelten. "Ach, dann glauben Sie also auch nicht an Obst und Gemüse?"

Vitamin C bei Erkältung nutzlos

Wissenschaftliche Hinweise, dass Vitaminpräparate bei Heuschnupfen helfen können, gibt es keine. Überhaupt ist es wenig wahrscheinlich, dass sich Krankheiten dadurch vorbeugen oder lindern lassen. Das gilt beispielsweise auch für die angebliche Erkältungs-Medizin Vitamin C. Mittlerweile ist durch ausreichend Studien nachgewiesen, dass Vitamin C grippale Infekte nicht lindern kann. Selbst vorbeugend eingenommen schützt es nicht vor Husten, Schnupfen und Fieber.

Völlig überzogen ist die Behauptung, Vitaminzusätze wie Beta-Carotin (eine Vorstufe von Vitamin A) könnten vor Krebs schützen. Das widerlegen mehrere klinische Studien, in denen weit über 100.000 Menschen über viele Jahre Beta-Carotin in teils hohen Dosen eingenommen haben. Auch Vitamin D-Zusätze helfen nicht, Krebs vorzubeugen.

Eine mögliche Ausnahme gibt es: Bei altersabhängiger Makuladegeneration – einer schweren Augenerkrankung – geben Studien Hoffnung, dass eine Behandlung mit Vitamin C, E, Beta-Carotin und Zink die zunehmend schwindende Sehkraft länger erhalten kann. Die Richtigkeit dieser Ergebnisse ist jedoch nicht gesichert und muss erst in weiteren Studien bestätigt werden. Ein Wundermittel, das die Erblindung aufhalten kann, sind die Vitaminpillen dennoch nicht. Selbst nach sechs Jahren war die Wirkung nur moderat, kürzere Studien über eine Zeitdauer bis zu zwei Jahren zeigten gar keinen Effekt.

Aufgeschwatzter Mangel

Multivitamin-Tabletten sind ein Milliardenmarkt. Sie finden sich im Supermarkt genauso wie in Drogerien und Apotheken. Geschickt suggerieren die Hersteller, ihre Präparate wären unabdingbar für ein gesundes Leben. Untermauert wird das häufig mit der Behauptung, das heutige Obst und Gemüse beinhalte kaum noch Vitamine und könne unseren Nährstoffbedarf nicht decken. Doch das stimmt nicht. Laut Österreichischem Ernährungsbericht sind wir ausreichend mit Vitaminen und Nährstoffen versorgt – trotz zu viel Salz, Fett und Zucker in unserem Essen.

Im Allgemeinen machen Vitamintabletten und Co nur für jene Personen Sinn, bei denen ein Arzt oder eine Ärztin einen Mangel festgestellt hat. Beispielsweise nehmen Veganer häufig zu wenig Vitamin B12 auf, weil das Vitamin nur in tierischen Lebensmitteln vorkommt. In anderen Fällen sind Vitamin-angereicherte Mittel bestenfalls umsonst.

Zu einem gesünderen und längeren Leben können die scheinbaren Wunderpillen nichts beitragen. Das zeigen die zusammengefassten Ergebnisse klinischer Vitamin-Studien mit eindringlicher Deutlichkeit. Egal, ob die Studienteilnehmer regelmäßig Vitamin A, dessen Vorstufe Beta-Carotin, Vitamin C oder Vitamin E schluckten – keiner von ihnen lebte deshalb länger.

Möglicherweise gesundheitsschädlich

Im Gegenteil, die ständigen hohen Vitamindosen könnten der Gesundheit sogar schaden. So gibt es Hinweise, dass große Mengen an Beta-Carotin, über lange Zeiträume eingenommen, das Krebsrisiko sogar leicht erhöhen. Besonders betroffen scheinen gerade die ohnehin schon gefährdeten Raucher zu sein. Nehmen sie Beta-Carotin in dem Glauben ein, ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun, sterben sie möglicherweise noch eher an Krebs als Raucher, die auf die Vitamintabletten verzichten.

Dass Obst und Gemüse viele Vitamine enthalten und gesund sind, lernen wir bereits im Kindergarten. Untersuchungen zeigen, dass eine Ernährungsweise mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und nur wenig Fleisch etwa vor Herzerkrankungen und Schlaganfällen schützen kann. Insofern: Ja, glauben Sie an Obst und Gemüse! Aber glauben Sie nicht, dass Sie die empfohlenen fünf Portionen davon durch Vitamintabletten ersetzen können! (Gerald Gartlehner, 20.9.2015)

Gerald Gartlehner ist Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EbM) und Klinische Epidemiologie der Donau-Uni Krems, Direktor der österreichischen Cochrane-Zweigstelle und Vizedirektor des Research Triangle Institute – University of North Carolina Evidence-based Practice Center, USA. Er leitet die Plattform medizin-transparent.at und nimmt auf derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

  • Multivitamintabletten sind, in unserem Breiten, in den allermeisten Fällen nutzlos, schreibt Gerald Gartlehner.
    foto: dpa-zentralbild/matthias hiekel

    Multivitamintabletten sind, in unserem Breiten, in den allermeisten Fällen nutzlos, schreibt Gerald Gartlehner.

  • Der EbM-Experte nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

    Der EbM-Experte nimmt für derStandard.at regelmäßig aktuelle Studien unter die Lupe.

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