Nordeuropa plagt sich mit neuen Dimensionen

18. September 2015, 18:24
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Finnland wird immer mehr zum Zielland, Schweden hat den höchsten Ausländeranteil. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren beide typische Auswanderungsländer

Seit dem Beginn der Bewegung von Flüchtlingen aus Syrien sowie dem übrigen Nahen und Mittleren Osten haben Tausende Nordeuropa erreicht. Vor allem Finnland erwies sich dabei überraschend als das vermutlich beliebteste Zielland. Auch in Norwegen war der Andrang stärker als erwartet. Schweden hingegen, das bis dahin als eines der Hauptziele der Flüchtlinge gegolten hatte, verzeichnete auf hohem Niveau bisher einen vergleichsweise geringen Anstieg von Asylanträgen.

Im Innenministerium in Helsinki ging man für heuer bis vor kurzem von insgesamt 15.000 Asylanträgen aus – ähnlich wie in den vergangenen Jahren. Angesichts der unerwartet vielen Flüchtlinge, die nach ihrer Ankunft via Ungarn, Deutschland und Dänemark schnurgerade durch Schweden an der grünen Grenze im Bereich der grenzüberlappenden Doppelstadt Haparanda/Tornio Finnland erreichten, korrigierte das Ministerium seine Prognose für 2015 Mitte September auf bis zu 30.000 Anträge. Auch diese Zahl könnte noch steigen.

Der vermutete Grund für das unerwartet hohe Flüchtlingsaufkommen in Finnland ist die Tatsache, dass es für Menschen aus bestimmten Ländern – allen voran dem Irak und Somalia – im Nordeuropavergleich leichter ist, Asylstatus zu bekommen.

Inzwischen errichteten die Behörden in Nordfinnland ein Auffanglager für Erstankömmlinge. Weitere provisorische Unterkünfte folgten an den Hauptverkehrsverbindungen in die Ballungszentren. Dort waren Mitte September alle existierenden Flüchtlingszentren weit über 100 Prozent ausgelastet, sodass die Anzahl der Zentren annährend verdoppelt wurde. Während das zur Hauptstadtregion zählende Vantaa rasch in die Maßnahmen einwilligte, weigerte sich die westliche Satellitenstadt Espoo vehement, neue Flüchtlinge aufzunehmen.

Hingegen bot etwa ein Campingdorfbesitzer in Lappland seine gesamte Sommerhäuschensiedlung zur Unterbringung von Migranten an. Ähnliche Ansätze mit Sommerhäusern gibt es in Schweden seit mehreren Jahren. Das provokative Gedankenspiel eines Kommunalpolitikers, notfalls die Sommerhäuser von Familien vorübergehend vom Staat zu requirieren, brachte die rechtsextreme Szene, auch die offiziell als handzahm-patriotisch auftretenden Schwedendemokraten, zur Weißglut. Letztere dürften laut jüngsten Meinungsumfragen übrigens mittlerweile die stärkste politische Gruppierung in Schweden sein.

Die neue Situation in Finnland forderte nicht nur die Mitte-rechts-Regierung von Ministerpräsident Juha Sipilä, der zu Beginn der europäischen Flüchtlingskrise sein ehemaliges Familienheim in Oulu als Flüchtlingsunterkunft angeboten hatte. Sie stellte auch die teils gemäßigt-populistische, teils ultrarechte Partei der Finnen auf eine Zerreißprobe und strapazierte sogar das Verhältnis der sonst eng kooperierenden nordischen Länder untereinander.

Schwedens Außenministerin Margot Wallström erinnerte Finnland in ungewohnter Schärfe an seine historische Verantwortung und führte ins Treffen, dass das neutrale Schweden im Zweiten Weltkrieg ohne mit der Wimper zu zucken 70.000 finnische Flüchtlingskinder versorgt hatte. In Finnland kam die Wortspende Wallströms nicht sonderlich gut an.

Schweden schimpfte indes auf Dänemark, weil sich die dortige Regierung, offensichtlich hin- und hergerissen zwischen EU-Verantwortung und Druck der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei, völlig unberechenbar verhielt und letztlich dann ohne viel Federlesens so gut wie alle aus Deutschland ankommenden Flüchtlinge nach Schweden weiterschleuste.

Norwegen, wo man für 2015 von 20.000 Asylanträgen ausgeht, kritisierte umgekehrt Schweden für die Weigerung, die Flüchtlinge vor der Weiterreise zu registrieren. Oslo und auch Helsinki erwägen deshalb die Einführung vorübergehender Kontrollen an der Grenze zu Schweden.

Schweden freilich kann für sich beanspruchen, im Norden bisher die größte Flüchtlingsverantwortung zu haben. 2014 verzeichnete Schweden einen Rekord von über 81.000 Anträgen – mehr als die anderen vier Mitglieder des Nordischen Rates zusammengerechnet. Die Quote von im Land lebenden Menschen mit Migrationshintergrund beträgt mittlerweile fast 22 Prozent. Zum Vergleich: In Norwegen beläuft sich die Zahl auf 15,6 Prozent, in Dänemark 11,6 Prozent. Finnland ist mit 5,5 Prozent Schlusslicht.

Gelungene Integration

Was in Finnland relativ gut gelungen ist, ist die Integration von Flüchtlingen. Die sogenannten Ausländergettos, in denen es vor allem in Kopenhagen, Stockholm und Malmö in den vergangenen Jahren aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder teils schwere Krawalle gegeben hat, fehlen in Helsinki fast zur Gänze.

In den kommenden Monaten und Jahren wird sich weisen, wie Skandinavien und Finnland mit der hohen Anzahl von Flüchtlingen aus weit entfernt liegenden Ländern und Kulturen wie Syrien, dem restlichen Nahen Osten, Asien und Afrika zurechtkommt.

In der Historie mussten diese Länder meist nur Flüchtlingsbewegungen unter Nachbarn bewältigen. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist neben den finnischen Kriegskindern, von denen viele in Schweden blieben, die Umsiedlung von 400.000 Finnen aus Ostkarelien, das heute zu Russland gehört.

Schweden war nach dem Zweiten Weltkrieg auch mit einer Flüchtlingswelle aus dem 1945 von der Sowjetunion annektierten – oder, je nach historischer Lesart, okkupierten – Baltikum, aber auch aus Deutschland und anderen europäischen Ländern konfrontiert. Die meisten integrierten sich rasch und vollständig. Bis zum Zweiten Weltkrieg war die Situation im Übrigen noch umgekehrt: Da wanderten vor allem Schweden und Finnen jährlich noch zu Tausenden nach Nordamerika aus. Übrigens zum größten Teil als das, was man heute verächtlich "Wirtschaftsflüchtlinge" nennt. (Andreas Stangl, 19.9.2015)


  • Finnlands Premier Juha Sipila bot an, in seinem Zweithaus Flüchtlinge unterzubringen.
    foto: timo heikkala/lehtikuva via ap

    Finnlands Premier Juha Sipila bot an, in seinem Zweithaus Flüchtlinge unterzubringen.

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