Südfrankreich: Die provenzalischen Schwaben

22. September 2015, 08:04
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Eine Gruppe donauschwäbischer Flüchtlinge hat 1950 tatkräftig damit begonnen, ein kleines Dorf in Südfrankreich zu reanimieren, über das selbst der damalige Bürgermeister schon das Kreuz geschlagen hatte. Eine kleine, europäische Geschichte von Wirtschaftsmigration, Vertreibung, Flucht und Neuanfang

Im Jahr 1950 war das kleine Dorf La Roque-sur-Pernes, wenn schon nicht tot, so doch todgeweiht. Gerade noch 17 Alte lebten in dem Dorf mit der mächtigen romanischen Kirche. Von den mehr als 1000 Hektar, die einst unter der sanften provencalischen Sonne bewirtschaftet worden waren, waren noch 50 im Kulturbetrieb. Der Bürgermeister – Édouard Delebecque hieß er – schrieb gerade an einem Buch, das 1951 unter dem Titel Un village qui s'éteint erschien. Ein Dorf, das verlischt.

Um zu erzählen, warum es dann doch nicht so weit gekommen ist, muss man weit ausholen. Bis tief ins 18. Jahrhundert, als nach der Zweiten Türkenbelagerung 1683 ganz Ungarn und der Nordbalkan unter habsburgisches Zepter kam. 1718 wurden im Frieden von Passarowitz die habsburgisch-osmanischen Interessengebiete für die nächsten 200 Jahre abgesteckt.

Habsburg regierte damit über ein weites, aber weitgehend auch unkultiviertes, sumpfiges Land. In drei großen Migrationsbewegungen holte man deshalb zwischen 1722 und 1787 Zigtausende; Menschen, die sich später dann einmal als Donauschwaben eine Art Stammesnamen gegeben haben. Irrtümlicherweise wurde dieser Name aber stets eher auf "Schwaben" betont als auf "Donau".

Denn keineswegs zogen nur Schwaben nach Ungarn, in den Banat, in die Batschka. Aus aller Herren Länder taten sie das, aber alle eben über die Donau. Die meisten vom Donauhafen Ulm weg in den berühmten Ulmer Schachteln.

Viele dieser "Schwaben" stammten – nicht zufällig – aus Lothringen. Sie folgten dem Ruf ihres angestammten Herzogs (zu erzählen, warum dieser Franz Stephan das nicht geblieben ist, würde zu weit führen, nämlich mitten hinein in den polnischen Erbfolgekrieg), der als Gatte von Maria Theresia das Ansiedlungsprojekt in die Hand genommen hat. Die erwies sich dabei als ein so goldenes, dass die habsburgisch-lothringische Privatschatulle reichlich gefüllt wurde. Unterstützt wurde Franz Stephan dabei vom Pressburger Wolfgang von Kempelen, dessen berühmter mechanischer "Schachtürke" nicht nur Maria Theresia entzückte. Von Kempelens Ingenieurskunst ermöglichte erst die Trockenlegung des Banater Tieflandes.

Die Donauschwaben – ob sie nun Elsässer waren oder Lothringer, Pfälzer, Breisgauer, Italiener oder Franzosen – sind Auswanderer gewesen. Sie waren keineswegs die Einzigen, die sich damals aus dem kriegerischen Westeuropa auf Wanderschaft begaben. Viele zog es über den Atlantik, nicht wenige nach Russland. Diese Wanderer wurden gerufen. Manche gar bestochen: Habsburg bot Grund- und jahrelange Steuerfreiheit. Die Befreiung aus der Leibeigenschaft lockte auch viel Know-how an die Donau und die Theiß. In der donauschwäbischen Exodusgeschichte dominiert freilich die Entbehrung. "Den Ersten der Tod", erzählten und erzählen sie einander und jedem, der es hören wollte und weiterhin will, "den zweiten die Not, erst den dritten das Brot." Eine nicht speziell schwäbische migrantische Generationenperspektive.

Donauaufwärts retour

200 Jahre später sind aus den Nachkommen der einstigen Wirtschaftsmigranten mit einem Mal Flüchtlinge geworden, Vertriebene. Als Donauschwaben gerieten sie alle in den Strudel der Vergeltung für die nazistischen Gräuel, in die auch Landleute, aber keineswegs alle, involviert gewesen waren. Zu hunderttausenden zogen sie, wie sinnbildlich, wieder donauaufwärts. Ihr erstes Ziel war Österreich. Aber nicht das letzte.

Eine Gruppe Banater – sie kamen aus dem rumänischen Banat, wo die Verfolgung allerdings nicht so umfassend war – entsann sich der Tiefe ihrer Ahnenreihe. Der aus Blumenthal/Masloc/Máslak stammende Jurist Johann Lamesfeld nahm die Sache in die Hand, gründete das "Komitee der aus Frankreich stammenden Banater" und lag als dessen Präsident den französischen Besatzern nachhaltig in den Ohren.

Die waren durchaus offen, das Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv war penibel geführt, und somit konnten die nachrecherchierenden Offiziere nach Paris melden: Es stimmt. Unweit von Blumenthal gibt es sogar ein Mercydorf, benannt nach dem Lothringer Claudius Florimund Graf Mercy, Prinz Eugens Gefährte und erster kaiserlicher Gouverneur von Temesvar.

Die französischen Besatzer halfen zunächst also, die vom Komitee namhaft Gemachten unter eigene Oberhoheit, sozusagen in Schutz vor allfälligem sowjetischem Zugriff zu bringen, in ein Lager ins Tiroler Kematen. Mit einem Brief, eingenäht in die Tracht einer Banater Puppe, gelang es von dort aus, Kontakt mit dem französischen Premier aufzunehmen. Umgehend kam die Antwort von Robert Schuman: "Ich als Lothringer kenne die Geschichte der Banater."

Von November 1948 bis April 1949 kamen also mehr als 10.000 Banater ins Elsass und nach Lothringen. Und wie alle Flüchtlinge standen auch sie, die da in Colmar herzlich willkommen geheißen wurden, vor der Herausforderung, neu anfangen zu müssen. Viele fanden Arbeit auf den elsässischen Weingütern, viele in den lothringischen Industrien.

Was aber sollten die Bauern tun? Eine Colmarer Zeitung brachte eine wöchentliche Beilage von und über die Banater, und in dieser wurde 1950 einmal auch diese Frage behandelt. Dass so mancher Tieflandbauer aus dem Osten auf der Suche nach Grund und Boden sei. Das las einer, den es aus Lothringen in die Provence verschlagen hat. Mit der Zeitung in der Hand klopfte er bei Édouard Delebecque an, der gerade am Manuskript seines Abgesanges werkte. Und so entstand die Idee.

Eine Woche später schon war Lamesfeld bei Delebecque. Wieder wurde Schuman – mittlerweile Außenminister – eingeschaltet. Ein Prominentenkomitee machte Stimmung, sammelte Spenden.

Nach und nach bevölkerte sich das Dorf wieder. Die Schwaben krempeln die Ärmel hoch, setzen die Ruinen im Ortskern instand, roden mehr als 200 Hektar, pflanzen 30.000 Obstbäume, legten Weingärten an. Nicht ganz 500 Menschen leben heute hier, in der Nähe von Avignon. Sind, no na, Franzosen. Sind aber doch auch, no na, Schwaben geblieben.

Peter-Dietmar Leber, Chef der deutschen Landsmannschaft der Banater Schwaben und auch ein Chronist des wieder erblühten La Roque-sur-Pernes, bringt das identitäre Dilemma – so es denn, was füglich bezweifelt werden darf, wirklich eines wäre – wunderbar auf den Punkt. Auf seine diesbezügliche Frage, so schreibt er, erklärte ihm eine alte La Roquerin unmissverständlich: "Wir sind Franzosen und bleiben Franzosen!" Um wenig später in ebendieser Weise zu ihrem Mann zu sagen: "Du weißt doch, wie die Franzosen sind!" (Wolfgang Weisgram, 19.9.2015)

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