"Viele heimische Basketballhallen sind größere Turnsäle"

Interview24. September 2015, 12:57
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Matthias Zollner, Erfolgscoach der Güssing Knights, spricht über die Liebe zum Detail und den Stellenwert des Basketballs

Wien – Als Matthias Zollner vor etwas mehr als zwei Jahren Headcoach der Güssing Knights wurde, hatte der burgenländische Basketballklub keine bedeutende Trophäe in der Vereinsvitrine stehen, mittlerweile sind es drei. Der Deutsche führte den Kleinstadtklub nicht nur zu den ersten beiden Meistertiteln, sondern auch zum Cup-Triumph über Wels. Im Mai stellte er einen Rekord auf: Als erster Trainer der Basketball-Bundesliga wurde er zum zweiten Mal in Folge zum Coach oft the Year gewählt. Trotz der sonntäglichen 65:77-Niederlage im Supercup gegen BC Vienna zählen seine Knights auch vor der am Donnerstag beginnenden Saison zum Favoritenkreis.

STANDARD: Sie haben die Güssing Knights zu den ersten beiden Meistertiteln der Klubgeschichte und dem ersten Cup-Sieg geführt. Sind Sie in der 3.700-Einwohner-Stadt mittlerweile ein Lokalmatador?

Zollner: Das sollte man vielleicht besser die Menschen in Güssing fragen. (lacht) Ich fühle mich aber nach wie vor so wie vor zwei Jahren, als ich zum ersten Mal einen Fuß in diese Stadt gesetzt habe. Natürlich werde ich auf der Straße manchmal nach Autogrammen gefragt, ich messe dem aber keine besondere Bedeutung zu. Das bringt der Job so mit sich.

STANDARD: Als erster Bundesliga-Trainer sind Sie zweimal in Folge zum Coach oft the Year gewählt worden. Was zeichnet Sie aus?

Zollner: Ich finde, es immer schwierig, sich selbst zu charakterisieren. Eines meiner Markenzeichen ist aber, dass ich sehr selten zufrieden bin. Selbst nach Erfolgen suche ich immer wieder nach Dingen, die man verbessern könnte. Ich finde auch, dass der Weg immer das Ziel bleiben sollte. Es gibt kein Ziel, mit dem ich mich langfristig zufrieden gebe – weder im Basketball noch im privaten Leben.

STANDARD: Wie lässt sich der Basketball beschreiben, den Sie in der nächsten Saison spielen lassen wollen?

Zollner: In erster Linie soll unser Basketball erfolgreich sein. Was das Taktische betrifft: Ich finde, man sollte auf dem Spielfeld stets versuchen zu agieren, statt zu reagieren – sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung. Das unterscheidet uns vielleicht von unseren Liga-Konkurrenten. Wenn man ehrlich ist, schaut man sich Basketballspiele vor allem deshalb an, weil man viele Körbe sehen will. Auch als Trainer ziehe ich ein 90:90 einem 50:50 vor.

STANDARD: Güssing ist erst 2006 in Österreichs höchste Spielklasse aufgestiegen. Wie konnte sich der Verein so schnell zu einer fixen Größe entwickeln?

Zollner: Dafür gibt es viele Gründe. In Güssing gab und gibt es einen Grundstock an jungen Eigenbauspielern, wie Thomas Klepeisz, Manuel Jandrasits sowie Bernhard und Sebastian Koch. Diese Spieler haben enormes Talent und eine große Verbindung zur Stadt, man könnte sie als das Herz der Mannschaft und das Fundament des Erfolges bezeichnen. Es war mir auch wichtig, vieles zu professionalisieren – nicht nur unser Spiel, sondern auch das Umfeld, wie die medizinische Betreuung oder die Reisen zu Auswärtsspielen. Es gibt viele Kleinigkeiten, die den Unterschied ausgemacht haben.

STANDARD: Das Reisen wurde professioneller? Was meinen Sie damit?

Zollner: Wir sind ein Verein, der jedes Detail plant. Es ist wichtig zu wissen, wann man Pausen einlegt und Nahrung zu sich nimmt, damit die Spieler auf ein Spiel optimal vorbereitet werden. Die Verteilung der Basketballklubs konzentriert sich in Österreich auf den Osten des Landes. Weil die Distanzen so kurz sind, reist man immer erst am Spieltag an. Auswärtsteams ist es nicht erlaubt, vor dem Spiel in der Halle zu trainieren. Wenn wir schon am Spieltag anreisen müssen, wollen wir die Reise optimal gestalten.

STANDARD: Sie sind also ein detailverliebter Trainer?

Zollner: Ja, das könnte man durchaus so sagen. (lacht)

STANDARD: Mit Travis Taylor und Christopher Dunn hat sich Güssing von Leistungsträgern getrennt. Wie schmerzhaft sind die Abgänge?

Zollner: Das ist die Schattenseite des Erfolges: Spieler wechseln zu besseren Vereinen, bei denen sie lukrativere Angebote bekommen. Obwohl mir die Abgänge leidtun, bin ich auch stolz, dass sich viele Spieler bei uns enorm weiterentwickelt haben. Über Travis Taylor wurde etwa gesagt, dass er viel zu leicht und zu klein ist, um ein guter Basketballspieler zu werden. Jetzt spielt er bei einem Topteam wie Le Havre.

STANDARD: Auch andere Teams haben zahlreiche neue Spieler in ihren Reihen. Was sagt das über die Qualität der Liga aus?

Zollner: Die Anzahl der Transfers sagt viel über die Popularität des Basketballsports in Österreich aus. Man merkt, dass Basketball hier noch bei weitem nicht den Stellenwert einnimmt, wie etwa Fußball. Deshalb können es sich die Vereine nicht leisten, die Spieler mit langfristigen Verträgen auszustatten. In Güssing hatten wir in den letzten zwei Jahren das große Glück, mit großer Kontinuität arbeiten zu können. Auch das war ein Teil des Erfolgsrezeptes.

STANDARD: Fehlt es den Vereinen an Sponsoren?

Zollner: Das Problem ist die fehlende Nachhaltigkeit in vielen Klubs. Das Budget wird Jahr für Jahr neu aufgestellt und nicht für drei, vier Jahre, wie es eigentlich sein sollte. Das hat auch mit der Medienaufmerksamkeit und dem Engagement von Sponsoren zu tun. Wenn ich mit einem Sponsor einen Fünfjahresvertrag abschließe, kann ich langfristig planen. Die Liga muss auch professioneller werden.

STANDARD: Was soll sich ändern?

Zollner: Ich möchte die Politik in die Verantwortung nehmen, die Kommunen sollten mehr Geld für den Ausbau der Spielstätten bereitstellen. Viele heimische Basketballhallen sind größere Turnsäle und haben mit Multifunktionshallen wenig zu tun. Jede Mannschaftssportart braucht außerdem ein Zugpferd. Das sehe ich in der Nationalmannschaft. Wenn diese erfolgreicher wäre, würden die Medien auch viel umfangreicher über die Liga berichtet. Auch, wenn es nicht realistisch ist: Wenn Österreich die Fußball-WM gewinnt, sorgt das für eine größere mediale Aufmerksamkeit, als wenn ein österreichischer Klub die Champions League holt.

STANDARD: Sie haben mit den Knights fast alles erreicht. Reizt es Sie nicht, so wie viele Ihrer Spieler, in eine bessere Liga zu wechseln?

Zollner: Derzeit macht mir die Arbeit in Güssing viel Spaß. Natürlich verfolge ich aber das Ziel, irgendwann einmal die Spitze des europäischen Basketballs zu erklimmen. Dafür habe ich aber noch viel Zeit.

STANDARD: Mit den Knights spielen Sie immerhin in der New Fiba Club Competition. Die Gegner heißen Elan Chalon aus Frankreich, Shoeters Den Bosch aus den Niederlanden und Zlatorog Lasko aus Slowenien. Was lässt sich über diese Mannschaften sagen?

Zollner: Elan Chalon ist ein absolutes Spitzenteam. Sie verfügen über das größte Budget und sind in unserer Gruppe der Favorit. Den Bosch hat die holländische Liga gewonnen, einen Meister sollte man nie unterschätzen. Die Slowenen sind eine basketballverrückte Nation. Sie bringen viele gute Spieler hervor und haben bei der Europameisterschaft sogar die Gruppenphase überstanden. Es ist keine leichte Gruppe. (Kordian Prokop, 24.9.2015)

  • Güssing-Coach Matthias Zollner: "Den Vereinen fehlt es an Nachhaltigkeit."
    foto: apa/hans punz

    Güssing-Coach Matthias Zollner: "Den Vereinen fehlt es an Nachhaltigkeit."

  • Christopher Dunn geht für die Knights nicht mehr auf Korbjagd. Der US-Amerikaner wechselte nach Ungarn.
    foto: apa/erwin scheriau

    Christopher Dunn geht für die Knights nicht mehr auf Korbjagd. Der US-Amerikaner wechselte nach Ungarn.

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