In den letzten Zügen

Kolumne18. September 2015, 17:23
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Das Prokrastinieren ist das Lebenselixier des Printjournalisten

Ich muss mich bei Ihnen, den Leserinnen und Lesern, entschuldigen, wenn Sie heute ein Tröpflein Schweiß quer über diese Kolumne rinnen sehen. Mea maxima culpa! Natürlich habe ich wieder im letzten Moment mit ihr angefangen, bis zur letzten Minute geschrieben, in der letzten Sekunde auf den Ab-durch-die-Mitte-Knopf gedrückt.

Aber so sind wir Journalisten halt. Ich glaube, die meisten von uns sind unfähig, auch nur einen einzigen Buchstaben in den Computer zu tippen, ehe nicht die Deadline in blutroter Farbe am Horizont erscheint und der Chef vom Dienst seine beliebten Anfeuerungsmails durchs Intranet beamt: Schlagzahl erhöhen! Bitte Seiten fertigmachen! BITTE! BITTE! Texte ohne Deadline gibt's bei uns nicht. Sie wären wie ein Burenhäutl ohne Senf, ein Fisch ohne Gräte oder ein Karl-Heinz ohne Fiona.

Die Angewohnheit, auf den letzten Drücker zu verschieben, was man schon gestern hätte besorgen können, nennt man Prokrastination. Einer der wenigen Anlässe, bei dem Journalisten nicht prokrastinieren, findet dann statt, wenn die Kollegen vom Boulevard schon für die Abendausgabe berichten, wie das Konzert war, das in drei Stunden beginnen wird. Damit man auch ganz sicher vorne mit dabei ist! Peinlich wird's nur, wenn das Konzert wegen Kehlkopfbeschwerden des Sängers ausfällt und dann in der Zeitung steht, wie er die Halle stimmlich zum Kochen gebracht hat. Sternstunden der Printmedienkultur!

Die Einzigen, die noch ärger prokrastinieren als unsereins, sind die Politiker. Die haben nämlich weder eine Deadline noch einen Chef vom Dienst, daher können sie ungeniert in den Tag hinein trödeln, dass es nur so seine Art hat. Das jüngste Beispiel hat die EU in der Asylfrage geliefert. Ihr Patentrezept: Einfach zuwarten, bis einem das Werkel um die Ohren fliegt. Was machen die Leute die ganze Zeit, außer sich in Brüssel den Ranzen mit Foie gras und französischen Schaumweinen zu füllen? Wenn es eine Lehre aus diesem Debakel gibt, dann diese: Das Nächste, was die EU keinesfalls aufschieben darf, ist die Gründung einer Agentur für politische Prokrastinationsprophylaxe.

Lange prokrastiniert habe ich auch im Falle meines Urlaubs. Jetzt aber bin ich ein paar Wochen weg und melde mich dann wieder. Bis dahin wünsche ich Ihnen und mir eine möglichst krisenfreie Zeit. (Christoph Winder, 19.9.2015)

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