Decken sollen Schweizer Rhonegletscher schützen

20. September 2015, 10:40
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Die Planen können aber nur kurzfristig Erleichterung bringen – Auf lange Sicht könnten die Alpengletscher dem Untergang geweiht sein

Sitten – Der Rhonegletschers im Nordosten des Schweizer Kantons Wallis bietet dieser Tage ein bizarres Bild: Aus der Ferne wirkt er unberührt, doch aus der Nähe betrachtet entpuppt sich die weißgraue Oberfläche der Eismassen als eine Ansammlung von Decken. Der einzige Farbtupfer ist die rote Schweizer Flagge. Die merkwürdige Abdeckung soll verhindern, dass das Gletschereis weiter so schnell schmilzt wie bisher.

Unter der abgedeckten Gletscherzunge liegt eine der Touristenattraktionen der Schweizer Alpen. Seit 1870 wird hier jedes Jahr eine Höhle neu ins Eis geschlagen mit faszinierend blauen Wänden. "In den vergangenen acht Jahren mussten sie die Höhle abdecken, um die Eisschmelze zu reduzieren", erklärt der Gletscherexperte David Volken, der für das Schweizer Umweltministerium arbeitet. Dadurch schmelze 70 Prozent weniger Eis.

Dank der Decken kann die Eishöhle auch während der heißen Sommermonate geöffnet bleiben, doch eine dauerhafte Lösung sind die Decken nicht. "Das verlangsamt die Dinge für ein oder zwei Jahre, aber dann wird das Eis unter den Decken verschwunden sein", befürchtet Jean-Pierre Guignard aus Lausanne. Der 76-jährige Tourist erinnert sich noch daran, wie er 1955 den Rhonegletscher zum ersten Mal besuchte. Damals reichte die Gletscherzunge noch weit den steilen Berghang hinunter. "Das tut mir in der Seele weh, den Gletscher schrumpfen zu sehen", sagt Guignard. "Die Abdeckung ist ein aussichtsloser Kampf, den sterbenden Berg zu retten."

1.400 Meter bergabwärts steht in der Nähe des Dörfchens Gletsch eine hölzerne Markierung. 1856 reichte der Gletscher noch bis dorthin. Im Vergleich zu damals ist das Eis heute 350 Meter weniger dick. Allein im vergangenen Jahrzehnt schrumpfte es um etwa 40 Meter.

Die Alpengletscher verschwinden

Der Rhonegletscher ist bei weitem nicht der einzige schrumpfende Gletscher in den Alpen. Studien zufolge nahm das Volumen des Eises in den Alpen seit 1850 um zwei Drittel ab. "Der Rhonegletscher ist ein typisches Beispiel für das, was in den Alpen passiert", sagt der Gletscherforscher Matthias Huss von der Universität in Fribourg. "In der Höhe wird weniger neues Eis gebildet und weiter unten schmilzt es schneller."

Ende des Jahres findet in Paris die UN-Klimakonferenz statt, die einen Plan zur Begrenzung der Erderwärmung verabschieden soll. Doch für die Alpengletscher kommen solche Pläne möglicherweise schon zu spät. Denn die Alpen – genauso wie die Arktis und die Antarktis – erwärmen sich Wissenschaftern zufolge mindestens doppelt so schnell wie der Rest der Welt.

An heißen Tagen werde das Eis des Rhonegletschers um bis zu zwölf Zentimeter dünner, sagt Gletscherexperte David Volken. "In den vergangenen drei Wochen ist der Gletscher sechs Meter geschrumpft", sagt er und zeigt auf Felsen, die bis vor Kurzem noch mit Eis bedeckt waren. An der Gletscherzunge hat sich ein See gebildet. Längerfristig werden auch die Menschen in anderen Teilen Europas die Folgen der Gletscherschmelze zu spüren bekommen. Der Pegel von Flüssen wie der Rhone werde steigen und es werde mehr Überschwemmungen geben, prophezeit Volken. (APA/red, 20.9.2015)

  • Der Rhonegletscher im äußersten Nordosten des Kantons Wallis ist nur einer von vielen Gletschern der Alpen, die schlimmstenfalls in den kommenden Jahrzehnten verschwinden werden. Die obere Postkarte zeigt den Rhonegletscher im Jahr 1906, das untere Bild stammt aus dem Jahr 2003.
    foto: apa/sammlung fuer oekologische forschung/ silvia hamberger

    Der Rhonegletscher im äußersten Nordosten des Kantons Wallis ist nur einer von vielen Gletschern der Alpen, die schlimmstenfalls in den kommenden Jahrzehnten verschwinden werden. Die obere Postkarte zeigt den Rhonegletscher im Jahr 1906, das untere Bild stammt aus dem Jahr 2003.

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