Migrationsforscherin: "Müssen Achtsamkeit kultivieren"

Interview22. September 2015, 05:34
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Katharina Kleinrath plädiert für eine ethischere Ausrichtung von Achtsamkeit. So könne sie zu einem wertschätzenderen Umgang führen

STANDARD: Achtsamkeit ist Modethema der Arbeitswelt – sie soll dort vor Stress schützen. Da gerät doch leicht die altruistische Komponente des Konzeptes aus dem Blick?

Kleinrath: Achtsamkeit zur Leistungssteigerung zu missbrauchen ist falsch. Wichtig wäre, dass sie ethisch ausgerichtet ist. Studien zeigen zwar, dass Achtsamkeit Stress reduziert – aber eben auch Ruhe und Empathiefähigkeit fördert.

STANDARD: Wie hilft das Konzept im Umgang mit Menschen anderer Herkunft?

Kleinrath: Indem wir lernen, nicht willkürlich zu reagieren. Gerade weil es ein wesentliches Prinzip ist, nicht zu werten, hilft Achtsamkeit im Umgang mit fremden Menschen, fremden Erfahrungen. Wir nehmen Abstand von voreiligen, willkürlichen Wertungen und Reaktionen, die allzu oft Kontakt verhindern und auch, dass wir die Menschen und Situationen genauer wahrnehmen.

STANDARD: Ein Erfolgsrezept für Multikulti-Organisationen also?

Kleinrath: Achtsamkeit fördert Teams darin, Vielfalt als Wert zu verstehen. Aber nicht nur in Organisationen, sie ist insgesamt wichtig in pluralistischen Gesellschaften. In unserem ganzen Sein und Tun. Ich meine sogar, dass sie zu einem wertschätzenden, friedlichen Zusammenleben führt.

STANDARD: Bräuchte es Achtsamkeitstrainings für alle?

Kleinrath: Achtsamkeit ist natürlich nicht das Patentrezept. Für die Arbeit im Team hilft sie aber. Und auch Führungskräften: Sie können die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter besser wahrnehmen – und so auch deren Kreativität, deren Wohlbefinden steigern.

STANDARD: Und sie handeln auch nachhaltiger, wenn es nach einschlägigen Studien geht...

Kleinrath: Weil Achtsamkeit bei Personen, die sich damit beschäftigen, den Weitblick fördert, den Sinn für das Größere. Achtsame, nachhaltige Unternehmen sind auch wirtschaftlich effizienter.

STANDARD: Besteht da nicht die Gefahr der Instrumentalisierung?

Kleinrath: Klar, wenn mit ihr nur mehr schnelle Ziele verfolgt werden, geht der Grundgedanke verloren. Achtsamkeit und Nachhaltigkeit sollten nicht zur bloßen Imagepflege eines Unternehmens gebraucht werden.

STANDARD: Was sind weitere Herausforderungen?

Kleinrath: Die Kontinuität. Wir können einen Augenblick achtsam sein, ethische Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen – aber permanent achtsam zu sein ist anstrengend und somit eine hohe Kunst.

STANDARD: Wie kann die gelingen?

Kleinrath: Indem die achtsame Haltung kultiviert wird. Nicht die Mitarbeiter zu Seminaren zwingen, aber regelmäßig welche anbieten.

STANDARD: Sie bieten einen Lehrgang für Achtsamkeit an. Wie wird ein Konzept aus dem buddhistischen Raum akademisch gelehrt?

Kleinrath: Den buddhistischen Ursprüngen widmen wir eine ganze Einheit. Außerdem wird es aber religionsübergreifend auch darum gehen, wie sich die Wissenschaft das Konzept zunutze gemacht hat: Medizinische, psychologische oder neurowissenschaftliche Zugänge werden reflektiert. Der Lehrgang richtet sich vor allem an Menschen, die im pädagogischen und psychosozialen Bereich arbeiten.

STANDARD: Achtsamkeit wird dort zur Traumatherapie eingesetzt – eignet sie sich auch zur Bearbeitung von Fluchterfahrungen?

Kleinrath: Das Potenzial wäre auf jeden Fall da. (Lisa Breit, 12.9.2015)

Zur Person:

Katharina Kleinrath ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Migration und Globalisierung der Donau-Universität Krems. Sie leitet dort den neuen Lehrgang "Achtsamkeit in pluralistischen Gesellschaften", der, vorbehaltlich der Genehmigung des Unisenats, am 30. Oktober starten wird.

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  • Das Konzept der Achtsamkeit stammt aus dem indischen Raum.
    foto: imago stock

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  • Mittlerweile ist das Konzept auch im Westen angekommen: In vielen Unternehmen wird es bereits zur Gesundheitsvorsorge – zur Prävention von Stress und Burnout – eingesetzt.
    foto: istock

    Mittlerweile ist das Konzept auch im Westen angekommen: In vielen Unternehmen wird es bereits zur Gesundheitsvorsorge – zur Prävention von Stress und Burnout – eingesetzt.

  • Katharina Kleinrath: "Achtsamkeit fördert Teams darin, Vielfalt als Wert zu verstehen. Aber nicht nur in Organisationen, sie ist insgesamt wichtig in pluralistischen Gesellschaften. In unserem ganzen Sein und Tun."
    foto: donau-universität krems

    Katharina Kleinrath: "Achtsamkeit fördert Teams darin, Vielfalt als Wert zu verstehen. Aber nicht nur in Organisationen, sie ist insgesamt wichtig in pluralistischen Gesellschaften. In unserem ganzen Sein und Tun."

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