Geschichte aufgeschobener Zinsschritte

17. September 2015, 21:35
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Seit fünf Jahren spekulieren Medien und Investoren über eine mögliche Zinswende in den USA. Dabei jagte eine falsche Prognose die andere

Washington/Wien – "Experten rechnen noch 2010 mit Zinserhöhung in den USA", titelten Zeitungen im März 2010. Andernorts las man: "2010 wird für Zentralbanken das Jahr des Ausstiegs." Weit gefehlt: Damals lagen die Zinsen bereits seit über einem Jahr bei null bis 0,25 Prozent. Fünf Jahre später, im September 2015, haben sich die Zinsen noch immer nicht vom Tiefststand verabschiedet.

Am Donnerstag beriet der Vorstand der amerikanischen Notenbank (Fed) über den Leitzins. Aufgrund der chaotischen Ereignisse in China und der leichten Preisrückgänge im August stand die im Sommer für sicher gehaltene Zinswende in den vergangenen Wochen wieder infrage.

Schwacher Arbeitsmarkt

Warum die Zinswende 2010 nicht kam: Die für die Fed wichtige Arbeitslosenquote hatte sich Anfang 2010 trotz des ersten milliardenschweren Anleihekaufprogramms und der Niedrigstzinsen kaum erholt und lag bei fast zehn Prozent. Der damalige Fed-Chef, Ben Bernanke, kündigte nach der Veröffentlichung der unerwartet schwachen Konjunkturdaten im Februar 2010 an, dass der Leitzins noch einige Zeit niedrigst bleiben würde – das sollte die Märkte beruhigen und Investitionen und Jobs befördern. Gleichzeitig erhöhte die Fed jedoch den Zins für Übernachtdarlehen, ein erster Schritt zur baldigen Zinswende.

Dass "einige Zeit", wie sie Bernanke für die Fortsetzung der Niedrigzinsen gefordert hatte, nicht einige Monate, sondern eher "ein Jahr oder mehr" bedeuten würde, wurde spätestens Mitte Juni 2010 klar: Der Jobmarkt hatte sich bis dahin noch kaum aufgehellt und auch die Konjunktur erholte sich nur schleppend. Als im September die nächsten schwachen Konjunkturdaten publik wurden, war vorerst keine Rede mehr von einer Rückkehr zur Normalität. Bernanke sprach nicht mehr von einer möglichen Zinswende – sondern von einem möglichen zweiten Anleihenkaufprogramm, das mit Jahresende auch anlief. Neue Fed-Prognose für die Zinswende: Anfang 2012.

Anleihekäufe statt Zinsschritt

Zinswende 2012: wieder weit gefehlt – aus denselben Gründen wie zwei Jahre zuvor. Auch das zweite Anleihekaufprogramm wirkte nicht wie erhofft, die Zinswende wurde diesmal um ganze zwei Jahre, auf 2014, verschoben. Damit war das Zinsthema bis auf weiteres ad acta gelegt. Und die dritte Konjunkturspritze ließ nicht lange auf sich warten, Mitte 2012 begann die Fed erneut mit ausgedehnten Anleihekäufen. Diesmal gab sich die Notenbank aggressiv: Man wolle die Politik des billigen Geldes beibehalten, bis sich die Konjunktur erholt habe und die Arbeitslosigkeit bei unter 6,5 Prozent liege.

Dem für Ende 2013 geplanten Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik machte der Kongress kurzfristig einen Strich durch die Rechnung, als dort der Haushaltsstreit eskalierte und den USA die Pleite drohte. Die Fed begann die Anleihekäufe erst herunterzufahren, als sich der Kongress auf einen Haushalt geeinigt hatte.

2014, neues Zinsversprechen: Bernankes Nachfolgerin, Janet Yellen, trat ihr Amt mit dem Versprechen an, die Geldspritzen weiter zurückzufahren und auch bei den Zinsen bald zur Normalität zurückzukehren. Die Erwartungen haben sich wieder einmal nicht ganz erfüllt. (Aloysius Widmann, 17.9.2016)

  • Anfang 2014 hat Ben Bernanke sein Amt als Fed-Chef an Janet Yellen weitergegeben.
    foto: apa / jim lo scalzo

    Anfang 2014 hat Ben Bernanke sein Amt als Fed-Chef an Janet Yellen weitergegeben.

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