Kroatien will für Flüchtlinge kein offenes Tor nach Europa sein

17. September 2015, 21:39
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Tausende warten im kroatischen Grenzort Tovarnik. Kroatiens Innenminister verkündete am Abend, keine Flüchtlinge nach Slowenien reisen zu lassen

We want to go! We want to go!" Hinter der Reihe der kroatischen Polizisten, die die Menge zurückhalten, stehen Flüchtlinge, die ihre Hände im Rhythmus in die Luft heben und fordern, sofort durchgelassen zu werden. Tausende von ihnen sind am Donnerstag in der kroatischen Grenzstadt Tovarnik hinter der serbischen Grenze gestrandet.

Am Donnerstagnachmittag kippt die Ungeduld in Aggression. Einige Flüchtlinge durchbrechen die Absperrungen der Polizei. Viele laufen ins Dorf hinein. Manche beginnen, aus dem slawonischen Grenzort Richtung Zagreb zu gehen. Die Dorfbewohner stehen verwundert an den Straßenkreuzungen. Eine Kroatin sagt:_"Die müssen wieder von hier weggehen." Die Flüchtlinge sitzen in den Vorgärten, im Straßengraben, vor den Getreidesilos, einfach überall.

Kein Korridor Richtung Slowenien

Es ist sehr heiß. Es gibt zu wenig Wasser. Rettungswagen flitzen mit Blaulicht und Sirene durch die verschlafenen slawonischen Dörfer nach Tovarnik. Auch der kroatische Innenminister Ranko Ostojić kommt am Donnerstagnachmittag nach Tovarnik.

Obwohl die kroatische Regierung zuvor davon gesprochen hatte, einen Korridor für die Flüchtlinge Richtung Slowenien einzurichten, ist nun alles anders. Bei einer Pressekonferenz verkündet Ostojić, dass sich Kroatien an die Schengen-Regeln halten werde und dass es solche Korridore nicht geben werde, solange der EU-Ministerrat nichts Gegenteiliges beschließt. "Wir sind kein offenes Tor nach Europa", so Os-tojić in Richtung der Flüchtlinge. "Bleibt in Griechenland, Mazedonien oder Serbien."

"Keine weiteren Flüchtlinge"

Die bisher aufgenommenen Flüchtlinge würden in Erstaufnahmezentren untergebracht, die Kapazitäten seien aber bereits erschöpft. Sollten Flüchtlinge bereits nach Slowenien gekommen sein, würden sie wieder in Kroatien aufgenommen. "Wir können keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen", sagte Ostojić. Die Flüchtlinge könnten sich aber in den Registrierungszentren rund um Zagreb melden.

250 Flüchtlinge an slowenischem Grenzübergang

Am Abend erreichten rund 250 Flüchtlinge mit dem Zug die Grenze zu Slowenien. Am Grenzübergang Dobova wurden die Flüchtlinge von der Polizei aufgehalten. Mehrere Dutzend Flüchtlinge kamen auch am Grenzübergang Obrezje an.

Der sozialdemokratische Premier Zoran Milanović hatte zuvor anlässlich des Besuchs von Bundeskanzler Werner Faymann in Zagreb gesagt, dass Kroatien sich nicht wie Ungarn verhalten werde: "Wir werden konstruktiv und kooperativ sein, aber unsere Ressourcen sind begrenzt." Auch Österreichs Kapazitäten seien begrenzt, fügte Milanović hinzu, allerdings sei Österreich "größer und sehr reich".

Unter den Flüchtlingen, die aus Mazedonien nach Serbien kommen, hat sich seit Mittwoch herumgesprochen, dass die ungarisch-serbische Grenze dicht ist und sie diese nicht mehr passieren können. Deshalb reisen sie nun nach Kroatien. Auch manche, die sich an der ungarischen Grenze befanden.

Kroatische Sonderpolizisten vor Ort

Aus Südserbien kommend fahren die Flüchtlinge nun mit dem Bus direkt in die serbische Grenzstadt Šid, von dort geht es weiter in Richtung Tovarnik. Tovarnik ist eine Gemeinde mit vielleicht 2700 Einwohnern. Dutzende kroatische Sonderpolizisten sind vor Ort, sie tragen Knieschutz und sind bewaffnet. Die Bilder von der serbisch-ungarischen Grenze, wo am Mittwoch die ungarische Polizei nach dem Einsatz von Tränengas von Flüchtlingen mit Steinen beworfen wurde, sodass 20 Beamte verletzt wurden, sind auch in Kroatien registriert worden.

Neben dem Bahnhof in Tovarnik stehen viele Busse. Sie bringen die Flüchtlinge weiter, "zum nächsten Bahnhof", wie die Polizei sagt. Bis Donnerstag, 19 Uhr, ließen sich 9200 Flüchtlinge im EU-Staat Kroatien registrieren. Die Flüchtlinge selbst kennen mittlerweile die neue Route, auch wenn einige noch Griechenland zu Kroatien sagen und glauben, dass sie hinter Slowenien nach "Aus tralien" gelangen würden.

Faymann von Zagreb nach Ljubljana

Faymann fuhr am Donnerstag von Zagreb weiter nach Ljubljana und traf sich dort mit dem slowenischen Premier Miro Cerar. Der liberale Cerar betonte, dass Slowenien die Schengen-Außengrenze schützen und sich strikt an die Regeln halten werde. Beide Premiers sprachen sich für mehr Kooperation und Solidarität unter allen EU-Staaten in der Flüchtlingsfrage aus. "Es ist eine Zeit, wo wir beweisen müssen, dass wir kein Europa wollen, in dem jeder versucht, seine Probleme auf dem Rücken des anderen zu lösen", sagte Faymann.

Der Kanzler forderte auch "radikale und sofortige Maßnahmen an den Außengrenzen", etwa eine EU-Finanzierung für Flüchtlingslager in Jordanien, dem Libanon und der Türkei. Auch unter manchen Flüchtlingen setzt sich diese Einschätzung durch.

"Man muss das aufhalten"

Insbesondere die Syrer machen sich zunehmend Sorgen, dass ihre Flucht von anderen "ausgenutzt" wird, die sich den Kriegsflüchtlingen anschließen. "Sie werden sehen, jetzt kommen auch die Ägypter, die Jemeniten, die Leute aus Zentralasien. Sie alle werden nach Deutschland gehen. Man muss das aufhalten, sonst werden es immer mehr", sagt der Computerfachmann Abdullah S. aus Aleppo.

"Woher kommt ihr?", fragt sein Freund Baruk ein paar junge Männer, die sich anstellen, um hier in Tovarnik in den Bus zu kommen. "Aus Afghanistan", antworten sie. "Das sind Lügner", sagt Baruk, "die kommen wahrscheinlich aus Turkmenistan, jedenfalls verstehen sie Türkisch. Das sind keine Afghanen." (Adelheit Wölfl, 17.9.2015)

  • An der kroatischen Grenzstadt Tovarnik warten viele Flüchtlinge am Bahnhof auf die Weiterreise.
    foto: reuters/antonio bronic

    An der kroatischen Grenzstadt Tovarnik warten viele Flüchtlinge am Bahnhof auf die Weiterreise.

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