Demenz: "Es ist nie zu spät oder zu früh zu beginnen"

Interview21. September 2015, 05:30
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Medikamente gegen Demenz zeigen kaum Wirkung. Das Risiko kann aber beeinflusst werden, sagt die Neurologin Elisabeth Stögmann

STANDARD: Ist Demenz auch Teil des natürlichen Alterungsprozesses?

Elisabeth Stögmann: Derzeit gibt es etwa 45 Millionen Menschen weltweit, die an einer Demenz erkrankt sind. Bis ins Jahr 2050 wird sich die Anzahl der Betroffenen in etwa verdreifachen. Verantwortlich dafür ist die demografische Entwicklung. Schließlich liegt die Prävalenz bei den 85- bis 90-Jährigen zwischen 35 und 40 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es viele Hochaltrige, die nicht dement sind. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt ist ein klassisches Beispiel dafür.

STANDARD: Wie kann man vorbeugen?

Stögmann: Derzeit dreht sich die Diskussion hauptsächlich darum, welchen Einfluss unterschiedliche Risikofaktoren haben. Vielleicht auch deshalb, weil es ansonsten nicht viel Handlungsspielraum gibt. Im Fokus stehen dabei vaskuläre Risiken wie Bluthochdruck, hohes Cholesterin, Diabetes mellitus, Übergewicht und Rauchen. Nach dem Motto: "Was dem Herz hilft, hilft auch dem Hirn." Eine weitere mögliche Prophylaxe liegt in der Aktivierung "kognitiver Reserven". Demnach scheint das Gehirn von Menschen, die einen hohen Ausbildungsgrad haben oder die komplexe Berufe ausüben, neurodegenerative Schädigungsmechanismen besser kompensieren zu können.

STANDARD: Welchen Einfluss haben soziale Faktoren?

Stögmann: Menschen, die in ein funktionierendes soziales Netzwerk eingebunden sind, haben ein geringeres Risiko, an Demenz zu erkranken, als einsame, depressive Menschen. Einen besonderen Stellenwert hat außerdem die körperliche Aktivität. In einer aktuellen Studie wirkte sich zum Beispiel eine Stunde Aerobic, dreimal wöchentlich durchgeführt, positiv auf Menschen mit leichter kognitiver Einschränkung aus.

STANDARD: Wie lässt sich eine natürliche, altersbedingte Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit von einem frühen Demenzstadium unterscheiden?

Stögmann: Typisch für eine Alzheimer-Demenz sind Einschränkungen im episodischen Neugedächtnis. Wenn sich jemand beispielsweise an den Gesprächsinhalt eines Telefonats mit der Tochter bereits am nächsten Tag nicht mehr erinnern kann. Räumliche und zeitliche Orientierungsstörungen sowie Probleme, alltägliche Aufgaben zu lösen, sind weitere Hinweise für eine beginnende Demenz. Zum natürlichen Prozess des Alterns zählt hingegen, wenn einem ab und zu Namen nicht mehr einfallen, der Schlüssel verlegt wird oder man auf dem Weg in den Keller nachdenken muss, was man dort eigentlich wollte.

STANDARD: In Deutschland bieten Privatärzte für mehrere Hundert Euro Früherkennungstests mit bildgebenden Verfahren an. Was halten Sie davon?

Stögmann: Das ist problematisch. Einerseits stimmt es, dass durch Zusatzuntersuchungen zu einem frühen Zeitpunkt Auffälligkeiten, die für eine zukünftige demenzielle Entwicklung sprechen, entdeckt werden können. Etwa durch volumetrische Messungen des Temporallappens, eine spezielle Untersuchung des Nervenwassers oder nuklearmedizinische Methoden. Wenn Patienten mit den klinischen Symptomen einer Demenz zu uns kommen, besteht die Erkrankung in vielen Fällen bereits seit einigen Jahren. Das heißt, die Diagnose wird im pathophysiologischen Verlauf relativ spät gestellt. Auf der anderen Seite kann alleine durch Früherkennungsuntersuchungen keine Diagnose gestellt werden, es besteht das Risiko falscher positiver Befunde. Das größte Problem daran: Derzeit kann Betroffenen keine kausale Therapie angeboten werden.

STANDARD: Wie wirksam sind die am Markt befindlichen Antidementiva?

Stögmann: Die Pharmaindustrie blickt hier in den vergangen Jahren auf eine Anzahl von Misserfolgen zurück. Die derzeit am Markt befindlichen Alzheimer-Medikamente können die bestehenden, nicht geschädigten Neuronen in ihrer Funktion unterstützen. Dadurch wird der Krankheitsverlauf zwar etwas verzögert, sie beeinflussen die Ursachen der Krankheit aber nicht.

STANDARD: Was ist das Problem?

Stögmann: Die meisten Therapiestudien der letzten Jahre versuchten mithilfe eines immunologischen Ansatzes, die pathologische Variante von Amyloid-Beta zu entfernen. Dieses Protein gehört zu den bedeutendsten neuropathologischen Befunden in der Alzheimer-Demenz. Alzheimer ist aber vermutlich eine komplexe Erkrankung, bei der mehrere neurodegenerative Mechanismen eine Rolle spielen. Es ist deshalb denkbar, dass nicht nur Amyloid-Beta einen Einfluss hat, sondern mehrere Proteine miteinander interagieren.

STANDARD: Sind pflanzliche Arzneimittel wie Ginkgo-Präparate eine wirksame Prophylaxe?

Stögmann: Es gibt Hinweise, dass Ginkgo Biloba bei Aktivitäten des täglichen Lebens geringe Verbesserungen bringen kann. Es existieren aber keine evidenzbasierten Studien zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Zudem können Ginkgo-Präparate Blutgerinnungsstörungen hervorrufen. Das heißt, bei älteren Patienten, die blutverdünnende Medikamente nehmen, können diese einen negativen Effekt haben. Deshalb empfehle ich das nicht.

STANDARD: Welche nichtmedikamentösen Interventionen sind empfehlenswert?

Stögmann: Es gibt den Spruch des internationalen Alzheimer-Verbands: "Es ist nie zu spät oder zu früh zu beginnen." Es gibt zwar unbeeinflussbare Faktoren wie das Alter oder die Genetik, aber ich kann auch viel aktiv gestalten. Die kürzlich publizierte FINGER-Studie aus Finnland hat gezeigt, dass selbst Patienten mit bestehenden leichten kognitiven Einschränkungen von einer mediterranen Diät und der regelmäßigen Ausübung von körperlichen und kognitiven Aktivitäten profitieren.

STANDARD: Haben Sie persönlich Angst, an Demenz zu erkranken?

Stögmann: Nein, ich habe keine große Angst, an einer Demenz zu erkranken. Ich bin eher optimistisch und glaube, dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein Medikament finden werden, das den Krankheitsverlauf signifikant verlangsamen kann. (Günther Brandstetter, 21.9.2015)

Zur Person:
Elisabeth Stögmann ist Fachärztin für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien.

Formen der Demenzerkrankungen:
Der Begriff Demenz leitet sich aus dem lateinischen Wort "dementia" ab und bedeutet "ohne Verstand". Heute wird unter Demenz eine Reihe von Krankheitsbildern zusammengefasst, bei denen Gehirnfunktionen wie Gedächtnis, Orientierung, Sprache und Lernfähigkeit nach und nach verloren gehen.

Alzheimer ist mit etwa 60 Prozent die häufigste Demenzerkrankung. Auf vaskuläre Demenzen, die von Durchblutungsstörungen im Gehirn ausgelöst werden, kommt ein Anteil von rund 20 Prozent. Der Rest entfällt auf frontotemporale Demenzen und die Lewy-Body-Demenz, die meistens früher als Alzheimer auftreten. Daneben gibt es zahlreiche Misch- bzw. Unterformen.

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  • Demenz ist nicht nur eine Frage des Alters und der genetischen Disposition. Jeder kann aktiv vorbeugen, ist Elisabeth Stögmann von der Med-Uni Wien überzeugt.
    foto: heribert corn / www.corn.at

    Demenz ist nicht nur eine Frage des Alters und der genetischen Disposition. Jeder kann aktiv vorbeugen, ist Elisabeth Stögmann von der Med-Uni Wien überzeugt.

  • "Ich glaube, dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein Medikament finden werden, das den Krankheitsverlauf signifikant verlangsamen kann", sagt die Neurologin.
    foto: heribert corn/www.corn.at

    "Ich glaube, dass wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren ein Medikament finden werden, das den Krankheitsverlauf signifikant verlangsamen kann", sagt die Neurologin.

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