Schlampe, na und? Zwischen #freethenipple und schwuler Clubkultur

31. Oktober 2015, 14:00
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Wie hat sich der Blick auf unseren Körper verändert? Zwischen #freethenipple und schwuler Clubkultur: ein Versuch, aktuelle Körperbilder mit Fashion-Entwicklungen zusammenzudenken

Es war der Sommer der weiblichen Hotpants und der Tanktops, die den Blick auf männliche Nippel freigaben. Die heimische Jugend gab sich erstaunlich freizügig, ältere Herrschaften wussten in der U-Bahn oft nicht so recht, wo sie hinschauen sollten, bei so viel selbstbewusst zur Schau getragenem Fleisch.

Einige deutsche Schulen drehten völlig durch und forderten ein Verbot von Hotpants und einen Dresscode für die Klassen. "Es ist eine merkwürdige Stimmungslage in einer Gesellschaft, die Hardcore-Pornoseiten so selbstverständlich konsumiert wie Sushi und Pizza und bei 'Adam und Eva' oder dem 'Bachelor' (beide RTL) um die Wette fiebert, ob die blonde oder die brünette Schönheit das Rennen macht, die mit oder die ohne Silikonbusen", ätzte die deutsche Tageszeitung "Die Welt" über die Gegensätze unserer Tage.

Foodporn & Nacktfotos

Keine Frage, wir sind so körperbesessen wie keine Generation vor uns. Der Imperativ lautet: Tu' etwas für Deinen Körper, und zeige es auch! Die sozialen Medien sind zum Schaufenster der täglichen Selbstinszenierung und Selbstoptimierung geworden. Gestählte Bodys gehören bei der Jugend zur Norm – der Sixpack bei Frauen ist stark im Kommen. Über Clean Eating wird online heiß diskutiert, #foodporn ist ein beliebter Suchbegriff, und Nacktfotos am Handy sind schon lange nicht mehr exotisch. Sogar Modeurgestein Marc Jacobs, immerhin Jahrgang 1963, blieb cool, als er unabsichtlich ein Bild seines nackten Hinterns nicht nur seinem Flirtobjekt, sondern der ganzen Welt zukommen ließ. Seine Reaktion auf das Nackt-Selfie: "Ich bin ein schwuler Mann. Ich flirte und chatte mit Typen online. Na und?"

Brüste als Trend

Und wie gehen junge Modedesigner mit dieser neuen Freizügigkeit um? Bei den Schauen für diesen Herbst war auffällig, wie viele entblößte weibliche Oberkörper zu sehen waren. Als wäre das Zeigen von Brüsten der Herbsttrend schlechthin. Der Londoner Christopher Kane zog den Models durchsichtige Kleider an, auch seine Aufdrucke waren explizit: gespreizte Beine, ineinander verknotete Leiber, da ein Penis, dort eine Brustwarze. Christophe Lemaire präsentierte in Paris Taschen in Brustform. Saint Laurent ließ seine Glamrock-Girls mit asymmetrischen Kleidern eine Brust freilegen. Und auch der französische Shootingstar Jacquemus zeigte Mut zur Blöße.

foto: apa/epa/valat
Asymmetrisches Kleid von Jacquemus.

Die Diskussion um die nackte weibliche Brust ist nicht nur in der Mode gerade ein zentrales Thema, schließlich ist der weibliche Körper nach wie vor Objekt von Projektionen und gesellschaftlichen Zuschreibungen. Unter dem Schlagwort #freethenipple fragt eine junge Generation von Frauen, unter ihnen Supermodel Cara Delevingne und Schauspielerin Scout Willis: "Warum ist meine Brustwarze obszöner als der Tatort eines Gewaltverbrechens?" Die Onlineplattform Instagram löscht alle Fotos, auf denen weibliche Brustwarzen zu sehen sind. Mit Bildern von Gewalt und rechten Hassparolen hat man hingegen deutlich weniger Probleme. Im Netz kursieren Fotocollagen, auf denen Frauen männliche Nippel über ihre Brüste kleben. Die werden dann nicht gelöscht. Popstar Miley Cyrus meinte jüngst in einer Talkshow über diese Doppelmoral: "Amerika hat ein Problem mit Nippeln. Die Brüste herzuzeigen, ist okay, aber deine Nippel soll ja niemand zu Gesicht bekommen."

Schimpfwort Schlampe

Nacktheit war in der Mode schon immer ein Thema, aktuell wird sie wieder kämpferisch inszeniert. Nach dem Motto: Mein Körper gehört mir. Keiner soll mir sagen, was ich anziehen soll. Selbst wenn ich nackt bin. Bestes Beispiel: Popstar Rihanna in ihrem berühmten durchsichtigen Swarovksi-Kleid. Schnell ist das Schimpfwort "Schlampe" zur Hand, und das, obwohl Männer im Sommer gerne oben ohne in der überfüllten U-Bahn unterwegs sind. Doppelmoral? Sicher! Wie auch immer man zum Nackttrend steht, ob man ihm emanzipatorisches Potential zugesteht oder ihn kontraproduktiv findet – alte politische Kampfbegriffe scheinen wieder virulent zu sein.

Das mag am aktuellen 70er-Jahre-Revival liegen oder einfach daran, dass viele der alten Probleme nach wie vor präsent sind. Auch der Feminismus erlebt, zumindest als Schlagwort, ein Comeback. Das F-Wort ist wieder cool, das beweisen Statements von Hollywood-Drehbuchautorin Lena Dunham bis zu Schauspielerin Emma Watson, die den Feminismus fashionable machen.

Freizügig gekleidete Männer

Und die Männer? Rick Owens legte in seiner Kollektion den Penis seiner Models frei. Freilich kein Outfit fürs Büro, aber ein starkes Statement und ein Beweis mehr, dass die Männermode in Aufbruchstimmung ist. Das angesagte schwedische Label Acne Studios lässt gerade Männer Sweater und Schals tragen, auf denen Slogans wie "Radical Feminist", "Gender Equality" oder "Please Call Me Girl" stehen. Die Kollektion ist an Fußballclubs angelehnt, mit Ironie wird der gängige Machismo von männlicher Sportkleidung unterlaufen. Und in der aktuellen Herbst/Winter-Kampagne wirft sich der elfjährige Sohn von Acne-Mastermind Jonny Johansson in einen rosa Mantel und High Heels. Geschlechterrollen hin oder her: Die junge Generation möchte Spaß an der Mode haben und pfeift auf nervige Zuschreibungen von außen.

foto: apa/epa/langsdon
Rick Owens sorgte mit Penisblitzern für Aufregung.

Warum immer Stereotype?

Unter dem Begriff "genderneutral" geistert dieser Trend durch die Magazine, er bedeutet weitaus mehr, als dass Männer den Rock entdecken und Frauen den Boyfriend-Look. Es geht darum, zu hinterfragen, was als "männlich", was als "weiblich" gilt. Weshalb denken wir noch immer in diesen althergebrachten Stereotypen? Junge Designer und ihre aufgeschlossenen Kunden sind dieser Kategorien einfach müde.

"Vielleicht war die Gesellschaft vor ein paar Jahren noch nicht bereit", sagt Jonathan Anderson, Aushängeschild der genderneutralen Mode. "Oder vielleicht war das Konzept auch zu hardcore und nicht ausgeklügelt genug. Ich denke, dass wir Designer auf das reagieren müssen, was um uns herum geschieht. Was für eine Bedeutung haben Spitze und Seide? Sind die männlich oder weiblich?" Ein anderer Shootingstar, der Brite Christopher Shannon, ließ seinen männlichen Models neonfarbene Bikinitops um den Hals baumeln.

Wir leben modisch in spannenden Zeiten. Kleidung wird wieder provokanter, sie will nicht mehr bloß schön sein. Junge Männer wagen mehr, sie wollen raus aus den Schubladen. "Die Erforschung des Hässlichen ist für mich interessanter als die alte Idee von Schönheit", meinte die stilprägende Designerin Miuccia Prada schon vor Jahren. Nachwuchsdesigner treten verstärkt in ihre Fußstapfen. Sie beweisen Mut zur Irritation, zu schrägen Entwürfen: Bestes Beispiel dafür ist Alessandro Michele, neuer Chef bei Gucci, der Damenblusen mit Schleifen (Pussy-Bows) wieder salonfähig machte. Zwischen Normcore, totaler Exzentrik und Omalook – alles ist möglich. Auch für Herren.

foto: ap/calanni
Schleifenbluse für Männer auf dem Gucci-Laufsteg.

Gender-fluid und pansexuell

Nirgends merkt man das neue Körperbild deutlicher als in den angesagten Clubs. Megatrend ist auch dort eine neue Offenheit: Lasst uns in Ruhe mit euren veralteten gesellschaftlichen Zuschreibungen! Wir wollen uns nicht darauf festlegen, ob wir Jungs- oder Mädchensachen anziehen, Jungs oder Mädchen lieben. Gender-fluid und pansexuell sind die neuen Schlagworte für eine Jugend, die nicht mehr gern in binären Systemen denkt. Im Wiener Club Rhinoplasty werfen sich die Veranstalter in schräge Drag-Kostüme. Aber eigentlich kann jeder kommen, wie er oder sie möchte. Es gibt kein Schrebergarten-Denken, man definiert sich nicht als schwuler Club, ist offen für alle. Und es gibt keinen Dresscode. Obwohl man viel nackten Oberkörper sieht, bei Männern wie bei Frauen.

Aber ob genderneutrale Mode wirklich Mainstream wird? In bestimmten Bereichen ist sie es längst. Ob man das schick findet oder nicht: In der heimischen U-Bahn dominieren Funktionskleidung und Sneaker. Und die fragen nach keinem Geschlecht. Außerdem: Paare, ob hetero oder homo, werden sich im Alter äußerlich immer ähnlicher. Also bloß keine Angst vor Trends, meist sind sie gar nicht so verwirrend, wie man denken mag. Wenn sogar Wiener Pensionisten den Look bereits verstanden haben! (Karin Cerny, Rondo Exklusiv, 31.10.2015)

  • Statt des Namens eines Fußballclubs druckt Acne den Slogan "Gender Equality" auf einen Schal.
    foto: acne

    Statt des Namens eines Fußballclubs druckt Acne den Slogan "Gender Equality" auf einen Schal.

  • Die schwedische Modefirma spielt in ihrer aktuellen Kollektion mit Geschlechterzuschreibungen.
    foto: acne

    Die schwedische Modefirma spielt in ihrer aktuellen Kollektion mit Geschlechterzuschreibungen.

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