Wirtschaft braucht Kinder und Zuwanderung

17. September 2015, 21:12
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Wenige Kinder, kaum Inflation: Der demografische Wandel ist laut Ökonomen dafür verantwortlich, dass die Geldpolitik der EZB ins Leere läuft

Wien – Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) droht ins Leere zu laufen. Zu diesem Schluss kommen Studien des Internationalen Währungsfonds und der US-Notenbank Fed. Die Europäische Wächterin der Preisstabilität hat Anfang 2015 ein massives Anleihekaufprogramm gestartet. Mit einem Ziel: die Inflation anzukurbeln und eine Deflation, also ein allgemein sinkendes Preisniveau, um jeden Preis zu vermeiden. Das Inflationsziel von zwei Prozent hat die EZB seit Jänner 2013 nicht mehr erreicht.

Zunächst werden dafür folgende Gründe angeführt: Rohstoffpreise auf Rekordtiefständen, schwaches Investitionsklima seit der Lehman-Krise sowie Überproduktion in manchen Wirtschaftszweigen. Bei genauerer Betrachtung dürfte aber auch die Überalterung der Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen, wie ein Blick nach Japan zeigt: Nach dem Platzen der dortigen Immobilien- und Aktienblase im Jahr 1990 rutschte das Land sukzessive in eine ausgedehnte Deflation, während die Weltwirtschaft brummte. Seither ist es der japanischen Notenbank nicht gelungen, trotz Nullzinspolitik und mehrfachen Anleihenkaufprogrammen die Inflation anzuheizen.

Alterung bremst Wirtschaft

Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben nun Japan und Europa verglichen und eine Erklärung für die Unwirksamkeit der Geldpolitik in beiden Ländern gefunden: die zunehmende Überalterung der Gesellschaften. Japan ist den Europäern nicht nur beim Einsetzen der Deflation voraus, sondern auch beim demografischen Wandel. Die stärksten Jahrgänge sind dort bereits pensioniert, und die Geburtenrate liegt bei nur knapp 1,4 Kindern pro Frau. Zudem haben Japaner die weltweit höchste Lebenserwartung. Kurzum: Die Gesellschaft wird immer älter. Das trifft mit Verzögerung auch auf die EU zu, wo Frauen im Schnitt auch bloß 1,57 Kinder gebären. Ohne Zuzug benötigt eine Gesellschaft 2,1 Kinder pro Frau, um die Bevölkerung konstant zu halten.

Genau darunter leiden derzeit die Pensionssysteme, dazu treibt die steigende Nachfrage nach medizinischer Betreuung die Staatsschulden in die Höhe. Wenn die Einnahmen des Staates aufgrund sinkender Preise zurückgehen, verschlechtert sich zudem die Schuldentragfähigkeit. Neuen Erkenntnissen zufolge wirkt sich der demografische Wandel auch auf das Preisniveau aus. Die Rechnung ist einfach: Angenommen, es gibt zehn Personen und zehn Brote. Wenn man eine Person hinzufügt, wird die Nachfrage nach Brot und somit auch der Preis steigen. Nimmt man eine Person weg, tritt der gegenteilige Effekt ein.

Außerdem wirkt sich ein Bevölkerungsrückgang negativ auf das Wachstum aus, weil Produktivkräfte aus der Wirtschaft abgezogen werden – und weil der Konsum zurückgeht. Gedämpfte Konjunkturaussichten drücken die Preise. Unternehmen und Private halten sich mit Investitionen und Ausgaben zurück, weil sie weitere Preisrückgänge erwarten. Eine Negativspirale ist in Gang gesetzt.

Generationenkonflikt

Eine Studie der Fed zeigt, dass ältere Menschen niedrige Inflationsraten bevorzugen, da sie über höheres Vermögen verfügen und von dessen Kapitalerträgen zehren. Auf Arbeitende trifft das weniger zu, da sie von inflationsangepassten Löhnen leben: Inflation löst einen Umverteilungseffekt zwischen den Generationen aus. Die IWF-Studie zeigt zudem, dass im Alter die Risikoscheue bei der Geldanlage zunimmt. Dadurch entsteht ein schleichender Trend zu sicheren heimischen Anlagen, wodurch die Rendite auf heimische Staatsanleihen sinkt.

Dass Zentralbanken Deflation um jeden Preis vermeiden wollen, liegt am Geldsystem. Da Geld durch Kreditvergabe geschaffen wird, kann Deflation zum Kollaps des Geldsystems führen, sofern nicht wie in Japan die Notenbank durch unkonventionelle Geldpolitik für einen Ausgleich sorgt. Angesichts der Erfahrungen Nippons in den letzten zwei Jahrzehnten und Europas seit der Lehman-Krise müssen sich die Zentralbanken und besonders die Politik nach neuen Wegen umsehen, um den deflationären Druck durch Überalterung abzufedern: etwa durch Preisregulierung bei öffentlichen Gütern oder durch gezielte Konjunkturprogramme.

Dabei liegt die langfristig einfachste Maßnahme zur Ankurbelung der Inflation auf der Hand: nämlich höhere Geburtenraten zu fördern und Zuzug aus dem Ausland zuzulassen. Beides würde zu dem Bevölkerungswachstum führen, das Analysten und Arbeitgeberverbände schon seit längerem – und verstärkt seit Ausbruch der Flüchtlingskrise – fordern. (Aloysius Widmann, 17.9.2015)

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