Zankapfel Gymnasium

Kolumne16. September 2015, 17:26
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Wer die Bildungsverhandlungen verfolgt, hat den Eindruck, dass hier Welten aufeinanderprallen

Bildung, Bildung, Bildung. In den Landtagswahlkämpfen versichern alle Parteien, dass ihnen Bildung ein vorrangiges Anliegen sei. Alle sind sich einig, dass unser Bildungssystem nicht gut ist, dass hierzulande Bildung erblich ist und viele Talente verlorengehen. Gut so. Nur: Warum schaffen wir es dann nicht und nicht, das System zeitgemäß zu reformieren? Und dies, obwohl es in anderen Ländern von allen anerkannte Modelle gibt, wie es gehen könnte?

Der Zankapfel ist natürlich das Gymnasium. Nur mit uns ist das Gymnasium sicher, plakatiert die ÖVP in Wien. Die Konkurrenz will dieses zwar auch nicht abschaffen, befürwortet aber nach wie vor die gemeinsame Schule aller Zehn- bis Vierzehnjährigen. Und natürlich schicken auch die fortschrittlichsten, rötesten und grünsten Eltern ihre eigenen Kinder nach wie vor nicht etwa in die Neue Mittelschule, sondern ins gute alte Gymnasium. Für den eigenen Nachwuchs will eben jeder die beste Schule, die er haben kann.

In der medialen Debatte geht es um Grundsätzliches: Chancengleichheit versus Qualität. Wenn höhere Bildung für alle erreichbar ist, sinkt zwangsläufig das Niveau, sagen die Konservativen. Sollen Kinder, die mehr leisten könnten, von Schwächeren behindert und zurückgehalten werden? Wohlfühlen statt Leistung? Kleinster gemeinsamer Nenner? Aber wenn höhere Bildung von einem gebildeten Elternhaus abhängig ist, haben Arbeiterkinder keine Chance, entgegnen die Progressiven. Sollen Begabte, die zu Hause nicht gefördert werden können, in der Hauptschule steckenbleiben? Vater Akademiker, Kind Akademiker. Vater Arbeiter, Kind Arbeiter. Eltern Migranten, Kinder Migranten. Muss das so bleiben? Die Positionen sind so festgefahren, dass ein Kompromiss nicht möglich erscheint. Die Neue Mittelschule, ursprünglich als Mittelding zwischen Hauptschule und AHS gedacht, ist gescheitert. Sie ist zu einer aufgemascherlten Hauptschule geworden. Die angestrebte Mischung aus bildungsnahen und bildungsfernen Kindern blieb ein Wunschtraum. Was also tun?

Derzeit reden alle von Neustart und Überwindung des Stillstandes. Gilt das auch für Bildungsfragen? Eine der österreichischen Besonderheiten ist die Tatsache, dass unsere Lehrergewerkschaft kohlrabenschwarz ist, während anderswo die Lehrer eher linksliberal sind. Wer die Bildungsverhandlungen verfolgt, hat den Eindruck, dass hier Welten aufeinanderprallen. Bildungsministerin Heinisch-Hosek und Lehrergewerkschaftler Neugebauer – grundverschiedene Wellenlängen. Die unabhängigen Experten tun sich da leichter. Brauchen wir vielleicht auch hier Koordinatoren von außen?

Mit diesem Schuljahr kommen tausende Flüchtlingskinder an unsere Schulen. Ohne Zweifel sind unter ihnen zahlreiche Hochbegabungen. Es ist lebenswichtig, dass die jugendlichen Syrer und Afghanen es, wenn sie gescheit sind, an die Gymnasien und Unis schaffen. Kluge Köpfe sind ein kostbares Gut, das Österreich dringend braucht. Aber dazu ist ein Umdenken nötig, ein Ende der Bildungsblockade und eine neue Dialogkultur. Was die Finnen schaffen – Leistung und Chancengleichheit in der Schule –, müsste doch auch den Österreichern möglich sein. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 16.9.2015)

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