Der böse Brief des großen Mikrochemikers Fritz Feigl

16. September 2015, 17:04
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Einer der Forscher, die nach ihrer Vertreibung 1938 nicht mehr an die Uni Wien zurückkehrten, war Fritz Feigl (1891–1971). Ihm ist nun ein Symposion gewidmet

Wien – Vor etwas mehr als 70 Jahren kreuzte ein Brief den Atlantik, den ein aus Österreich zwangsweise emigrierter Chemiker an den anderen schickte. Verfasser des Schreibens, das vom 24. Juli 1945 datiert, war Fritz Feigl, der unter abenteuerlichen Umständen in Rio de Janeiro gelandet war, das zu seiner zweiten Heimat wurde.

Adressat des Briefs war Engelbert Broda, der im Exil in London lebte, später aber nach Wien zurückkehrte. Wiederentdeckt wurde das Schreiben von den Innsbrucker Wissenschaftshistorikern Gerhard Oberkofler und Peter Goller, die es auch in ihrer Biografie Fritz Feigls abdruckten. Dieser Brief ist nicht nur eine schonungslose Abrechnung mit einem Gutteil der Kollegenschaft an der Universität Wien, sondern auch ein einzigartiges Dokument erlebter oder besser: erlittener Universitätsgeschichte.

Der 1891 in eine gutbürgerliche Familie geborene Feigl, einer der bedeutendsten Chemiker Österreichs im 20. Jahrhundert, geht in dem Schreiben unter anderem darauf ein, dass ihm an der Technischen Hochschule Wien die Habilitation verweigert wurde – schlicht und einfach deshalb, weil er ein Jude und Sozialdemokrat war. Zwar konnte er die Lehrbefugnis 1927 nach Interventionen an der Universität Wien nachholen, doch auch da erlebte Feigl die antisemitische und faschistische Gesinnung vieler seiner Kollegen hautnah mit.

Nazis vor dem "Anschluss"

"So waren diese Herren auch schon längst Nazis, ehe der sogenannte Anschluß kam. Dies darf nicht vergessen werden", schrieb Mark an Broda: "Und es soll auch nicht vergessen werden, wie sich viele der ehemaligen Kollegen zu uns, die wir emigrieren mußten, in den damaligen Tagen verhalten haben. Wie sie damals, wo ein paar herzliche Worte so viel bedeutet hätten, kein einziges Wort fanden."

Feigls dramatische Flucht nach dem "Anschluss" war eine einzige Odyssee: Von der Schweiz ging es nach Belgien, wo der Chemiker abermals von den Nazis verfolgt wurde und in einem Konzentrationslager im französischen Perpignan landete. Feigl konnte aus dem Lager flüchten und schließlich mit seiner Frau und seinem Sohn über Portugal nach Brasilien ausreisen, wo er in verschiedensten Bereichen Großes leistete: bei der Extraktion von Coffein ebenso wie der von Phosphat.

Feigls Weltruhm als analytischer Chemiker geht vor allem auf die Entwicklung der Tüpfelanalyse zurück, über die er 1920 promovierte und die er von da an perfektionierte. Bei dieser einfachen und wirkungsvollen Methode wird die zu bestimmende Substanz in kleiner Menge auf Filterpapier aufgetragen und mit einzelnen Tropfen von Reagenzien versetzt. Feigl sollte Zeit seines Lebens tausende von einfachen Tüpfeltests erarbeiten.

Unermüdlicher Chemie-Vermittler

Der große Mikrochemiker war aber auch ein großartiger Wissenschaftsvermittler: Er lehrte 18 Jahre lang unermüdlich Chemie an den Volkshochschulen und leitete das Chemische Labor des Volksheims (heute: VHS Ottakring), in dem nach dem Ersten Weltkrieg zum Teil sogar richtige Forschung betrieben wurde. Doch auch das sei ihm von seinen Kollegen an der Universität verübelt worden, beklagte Feigl in dem erwähnten Brief.

Obwohl es nicht gelang, Feigl wieder als Professor nach Wien zurückzuholen (er lehnte auch Angebote von Top-Unis aus den USA ab), blieb der Chemiker seiner Heimat treu, die ihn immerhin auch noch Zeit seines Lebens ehrte: 1948 verlieh ihm die Wiener Technische Hochschule das Ehrendoktorat, 1967 die Universität Wien. Und am 17. und 18 September wird dem großen Mikrochemiker nun auch im Rahmen eines eigenen Symposiums an der Universität Wien gedacht. (Klaus Taschwer, 16.9.2015)


Feigl-Symposium an der Universität Wien


  • Auszüge aus dem Brief von Fritz Feigl an Engelbert Broda im Originalwortlaut (das Original befindet sich im Nachlass Brodas in der Zentralbibliothek für Physik der Universität Wien):

(...) "Ich erinnere mich noch sehr genau an die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Damals gaben ausländische (vor allem amerikanische) Kollegen Geld, damit ein sogenannter Professoren-Mittagtisch geschaffen werden konnte, an dem sich in der Inflationszeit Professoren, Dozenten und Assistenten sattfraßen. Kaum waren normalere Zeiten da, dann verprügelten die völkischen Studenten ihre sozialistischen und jüdischen Kollegen unter dem wohlwollenden Schutz derselben Professoren, Dozenten und Assistenten, und das Professorenkollegium verweigerte Sozialisten und Juden die Lehrtätigkeit an Hochschulen. Vielleicht ist Ihnen bekannt, daß ich zu den ersten Opfern jener Zeit gehört habe und 7 Jahre warten mußte, bis ich Dozent wurde. (1) Auch das wäre nicht möglich gewesen, hätten nicht [Richard] Willstätter und [Wilhelm] Schlenk auf [Ernst] Späth (2) eingewirkt, der damals noch so etwas wie Schamgefühl hatte. Unsere österreichischen Kollegen, gestern noch Nazi, werden heute, da die Russen in Wien sind, wahrscheinlich inzwischen Kommunisten geworden sein und sich als solche gebärden, bis sie wieder anders können. Dieselben Kerle, die es mir stets verübelt haben, daß ich durch 28 Jahre (3) abends in der Volkshochschule Chemiekurse und Laboranten Übungen abhielt, werden jetzt, da die Russen in Wien sind, wahrscheinlich 'in Volksbildung machen', Die Verteidigung unserer österreichischer Hochschulnazis wird sein, sie hätten unter Zwang gehandelt. Das ist zum Teil wahr. Seinerzeit unter Dollfuß-Schuschnigg war auch Zwang, zuletzt der, der Vaterländischen Front beizutreten. Aber ehe dieser Zwang ausgeübt wurde, waren viele Kollegen der Vaterländischen Front schon beigetreten, ohne daß wir anderen es wußten. Und so waren diese Herren auch schon längst Nazis, ehe der sogenannte Anschluß kam. Dies darf nicht vergessen werden. Und es soll auch nicht vergessen werden, wie sich viele der ehemaligen Kollegen zu uns, die wir emigrieren mußten, in den damaligen Tagen verhalten haben. Wie sie damals, wo ein paar herzliche Worte so viel bedeutet hätten, kein einziges Wort fanden."


(1) Genau genommen dauerte es insgesamt etwas mehr vier Jahre von der ersten Einreichung bis zum Erhalt der Lehrbefugnis.

(2) Ernst Späth war in der Zwischenkriegszeit der mächtige Mann in der Chemie an der Uni Wien. Späth war kein Antisemit, nach 1938 aber etwas mehr als nur Mitläufer, unter anderem von 1938 bis 1945 auch Vizepräsident der Akademie der Wissenschaften.

(3) Da übertreibt Feigl etwas. Seine ersten Kurse an der Volkshochschule fanden aber bereits 1913/14 statt, vgl. den neuen Aufsatz "Chemiker der Volkshochschule" von Wilhelm Filla, erschienen in der druckfrischen Ausgabe der Zeitschrift SPURENSUCHE zum Thema "Naturwissenschaft und Bildung", S. 59–94.

  • Fritz Feigl in den 1930er-Jahren bei chemischen Versuchen im Volksheim (heute: VHS)  Ottakring.
    österreichisches volkshochschularchiv

    Fritz Feigl in den 1930er-Jahren bei chemischen Versuchen im Volksheim (heute: VHS) Ottakring.

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