Luxuriöse Landschaften im Linienverkehr

Ansichtssache30. September 2015, 05:30
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Wer sich fremde Kulturen in der gebotenen Langsamkeit erschließen will, setzt sich um wenig Geld in die Linienzüge dieser Welt. Eine Auswahl der schönsten Strecken

"Durch die Eisenbahnen wird der Raum getötet, es bleibt uns nur noch die Zeit übrig", schrieb Heinrich Heine 1843 über den rapiden Ausbau der Schienennetze in Europa. Und was machen Reisende heute, die viel Zeit übrig haben? Sie nähern sich außerhalb Europas mit Linienzügen und Tickets um wenige Euro ganz langsam anderen Ländern und Kulturen. Doch das ist in den letzten Jahren nicht einfacher geworden: Landschaftliche schöne, aber wirtschaftlich unrentable Strecken rund um den Globus werden aufgelassen, andere sind bereits für Luxuszüge reserviert. Ein paar Möglichkeiten für die Wiederentdeckung der Langsamkeit im Linienzug tun sich aber noch überall auf.

In einem Zug durch das australische Outback

Bis in die 1930er-Jahre schienen die Australier ihrer Eisenbahn noch eine gewisse Bedeutung beizumessen: Es galt Minenerträge und Lebensmittel in sehr entlegene Gegenden zu transportieren. Danach wurden diese Aufgaben fast ausschließlich vom Luft- und Straßenverkehr übernommen, seither schrumpft das Schienennetz stetig, und Zugfahren ist praktisch auf dem gesamten Kontinent eine recht touristische Angelegenheit geworden. Immerhin: Für ein Ticket ab € 825 bekommt man heute eine dreitägige Transkontinentalfahrt von Darwin im Norden nach Adelaide im Süden. Der Fernzug "The Ghan" durchquert auf seinem fast 3000 Kilometer langen Weg vier Klimazonen und vor allem jene faszinierende Landschaften im Outback, die sonst nur Reisenden mit sehr viel Zeit und einem Geländewagen vorbehalten bleiben.

www.greatsouthernrail.com.au

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Über den Wolkenpass quer durch Vietnam

Praktisch ganz Südostasien ist ein Paradies für Menschen, die die Langsamkeit in einem Zug erfahren wollen – oft sogar zum Preis einer U-Bahn-Fahrt. In Thailand kostet etwa die lange Fahrt von Bangkok nach Chiang Mai ab € 6, in Kambodscha und Vietnam liegen die Kosten für ein Ticket noch deutlich darunter. Um rund € 45 kann man das Erlebnis einer über 1.700 Kilometer langen, 43-stündigen Bahnfahrt von der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi bis nach Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) auskosten. Die Verbindung ist nicht nur praktisch für Backpacker, sondern gehört im Abschnitt Hue – Da Nang auch zu den landschaftlich schönsten Strecken des Landes. Der Zug schiebt sich hier behutsam entlang der Küste und über den "Wolkenpass" Hai Van. Bei einem längeren Halt im Bahnhof unbedingt aussteigen und Streetfood bunkern!

www.vietnam-railway.com

2

Über 864 Brücken in den indischen Himalaja

Das gigantische Netz der indischen Eisenbahn ist noch zum größten Teil staatlich, hat eine Streckenlänge von 65.808 Kilometern und bedient täglich rund 23 Millionen Fahrgäste mit 12.000 Zügen. Da eine Empfehlung für eine einzelne reizvolle Strecke abzugeben fällt richtig schwer! Allerdings erfüllt die Schmalspurbahn von Kalka nach Shimla in den indischen Ausläufern des Himalaja einige Kriterien, die selbst abgebrühten Bahnreisenden den Atem stocken lässt: Insgesamt wird auf der 96 Kilometer kurzen Strecke ein Höhenunterschied von 1420 Metern überwunden, es geht dabei über 864 Brücken, durch 102 Tunnel und 919 Kurven. Die Aussichten auf die umliegenden Berge und vor allem in die Täler sind definitiv nichts für Menschen mit Höhenangst. Bis zu sieben Züge verkehren täglich – Ticketpreis ab € 1,20.

www.indianrailways.gov.in

3

Das ländliche Japan entlang des Kuma

Hochgeschwindigkeitszüge sind in Japan eigentlich schon "Oldtimer" – so existiert der bekannte Shinkansen immerhin seit 51 Jahren. Bahnfahren kann dort zudem richtig günstig sein: Für den Großraum Kansai/Kioto existiert ein Verbundticket ab € 16, das einen großen und für Städtereisende interessanten Teil des Landes abdeckt. Kleiner Nachteil: Der Weg ist für Freunde schöner Landschaften in dieser Region nicht unbedingt das Ziel. Reizvollere Strecken werden in Japan fast ausschließlich von teureren Privatbahnen abgedeckt. Auch die alte Hisatsu-Linie ist heute nur mehr von touristischer Bedeutung, aber die € 24, die man für ein Ticket von Kumamoto nach Hitoyoshi ausgibt, sind eine lohnende Investition: 80 Kilometer geht es entlang des Flusses Kuma durch ein ländliches Japan, wie man es nur noch selten sieht.

www.jrkyushu.co.jp

4

Die "kleinen Höllen" der peruanischen Anden

Die Ferrocarril Central Andino, sprich: die peruanische Andenbahn, verfügt seit den 1880er-Jahren über eines der aufregendsten Schienennetze der Welt. Und es gibt gute Gründe, die legendäre Strecke von der Hauptstadt Lima nach Huancayo in 3.259 Metern Seehöhe bald einmal kennenzulernen. Bis 2002 blieb sie jahrelang unbefahrbar, und in absehbarer Zeit könnte sie nach der Fertigstellung eines Tunnels überhaupt stillgelegt werden. Derzeit verkehrt in diesem Teil der Anden zwischen April und November zumindest zweimal monatlich wieder ein Touristenzug. Aber keine Sorge: Die dreizehnstündige Fahrt mit der Andenbahn um € 35 erinnert so gar nicht an einen überkandidelten Luxuszug. Auf den 120 Jahre alten Gleisen rumpelt es wie wild, und die ebenso "jungen" Brücken werden dort völlig zu Recht "kleine Höllen" genannt.

www.ferrocarrilcentral.com.pe

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Das Leben in Kameruns Dörfern erfahren

Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent gab es früher legendäre Zugstrecken unkompliziert im Linienverkehr zu entdecken. Die 780 Kilometer lange Fahrt von der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba nach Dschibuti etwa galt als äußerst lohnend, 2008 wurde sie allerdings stillgelegt. Während in Südafrika heute Touristenzüge – auf zugegebenermaßen landschaftlich herrlichen Strecken – dominieren, verkehrt in Kamerun immer noch der reguläre "Transcamerounais". Ab € 25 kann man die insgesamt 929 Kilometer lange Strecke von Douala nach Ngaoundéré – aktuell mit Umsteigen in Youndé – täglich außer Sonntag antreten. Mehr noch als die Fahrt durch Feuchtsavanne und Regenwald fasziniert der bunte und geschäftige Alltag in den Dörfern entlang der Strecke. Es gilt aber aktuelle Reisewarnungen zu beachten.

www.camrail.net

(Sascha Aumüller, 18.9.2015)

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