Sich beim Blind Date vertreten lassen

17. September 2015, 15:00
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Delegieren an Begabtere oder Konzentration aufs Wesentliche

foto: ap photo / eric risberg

Pro
von Sigi Lützow

Ordentliche Vertreter parat zu haben und sie, wenn nötig, auch beherzt einzusetzen ist grundvernünftig. So wäre Herrn Schillers Damon ziemlich dämlich dagestanden, hätte er sich Dionys mit schlecht verhohlener Meuchelabsicht genähert, ohne einen ergebenen Freund in der Hinterhand zu wissen.

Aber auch Alltäglicheres lässt sich durch Aushilfen zur vollsten Zufriedenheit erledigen. Schließlich gibt es immer jemanden, der etwas besser weiß oder kann: Prüfungen zum Beispiel oder Untersuchungen wie eine Koloskopie sind hervorragend zu delegieren. Natürlich sollte der Vertreter je nachdem hinreichend klug oder gesund sein, wobei für Nachprüfungen erfahrungsgemäß viel leichter Ersatz zu finden ist als für Abstinenz, Einläufe, geschweige denn chirurgische Eingriffe. Vergleichsweise einfach ist es, sein Geschlechtsleben von Begabteren erledigen zu lassen. Altmodisches Kennenlernen, etwa in der Disco, kann man nur schlecht delegieren, ein Blind Date aber schon. Der Gesandte mag dann angesichts des garstigen Fehlgriffs erblassen, doch dem Entsender ist die Peinlichkeit erlassen.

Kontra
von Andrea Schurian

Echt jetzt: Sich doubeln lassen bei der Verabredung mit dem geheimnisvollen Mister X? Die beste Freundin als Ersatzfrau auf die Kaffeehausbank zu entsenden, ist ungefähr so lustig wie Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke nicht selber auspacken: gar nicht. Frappant am Secondhand-Bericht bliebe dann vermutlich bloß die frustrierende Tatsache, dass die Exbeste sich den feschen Wedel selber zur Brust genommen hat.

Dabei ist Blind-Daten ein Vergnügen ganz ohne Altersobergrenze: Für 50-Plusige, die ihre Brillen vergessen, wird nämlich sowieso jede Verabredung mehr oder weniger zu einem Blind Date. Aber bekanntlich findet ja auch ein blindes Huhn immer wieder ein gutes Korn. Wer also die auf gut Kärntnerisch Goggolore genannten Sehbehelfe versteckt, darf seine Verabredung trotzdem nicht ganz aus dem verschwommenen Blickfeld verlieren. Denn erst im Blindflug konzentriert man sich aufs Wesentliche: die Stimme, die Inhalte. Und da entpuppt sich dann der eigene Mann immer wieder als das beste Blind Date. (Rondo, 18.9.2015)

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