Hoffnungsziele

Einserkastl15. September 2015, 17:43
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Sinistre Figuren, für die der Aufbruch der anderen zur Goldgrube wird, hat es stets gegeben

Wenn der europäische Flüchtlingsnotstand einmal vorbei ist, werden Soziologen, Kommunikationswissenschafter etc. gefragt sein, zu erforschen, was da eigentlich passiert ist. Keine Frage, nicht nur Syrer, son- dern auch andere, die jetzt ihre Länder in Scharen verlassen, haben legitime Fluchtgründe: Eine Lebensbedrohung liegt nicht nur vor, wenn einem die Kugeln um die Ohren pfeifen. Aber wie funktioniert das, dass sich Zehntausende praktisch gleichzeitig auf den Weg machen, fast alle mit dem Wort "Deutschland" im Kopf?

Mit den heutigen Kommunikationsmitteln geht es schneller als früher, das "Deutschland nimmt alle!" erreicht die flüchtlingsproduzierenden Länder mit einem Handytastendruck – anders als der Brief, den der Amerika-Auswanderer um 1900 an Verwandte und Freunde nach Osteuropa schrieb und in dem er seine Lage im neuen Land vielleicht etwas rosiger darstellte, als sie tatsächlich war. Die Wirkung war gestern die gleiche wie heute.

Die sinistren Figuren, für die der Aufbruch der anderen zur Goldgrube wird, hat es ebenfalls stets gegeben: Man lese Martin Pollacks Kaiser von Amerika. Auch John Steinbecks Früchte des Zorns, das den großen inneramerikanischen Zug nach Kalifornien in den 1930er-Jahren beschreibt, ist ein Referenzwerk: Da begreift man, was die Mischung aus Perspektivlosigkeit und Hoffnung, die sich an ein geografisches Ziel klammert, bei Menschen auslöst. (Gudrun Harrer, 15.9.2015)

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