Psychiater: "Das Erlebte ist ständig im Kopf"

Interview16. September 2015, 09:00
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Viele Flüchtlinge kommen schwer traumatisiert nach Österreich. Johannes Wancata erklärt, warum Verdrängung entscheidend ist und eine Tagesstruktur wichtiger ist als Psychotherapie

STANDARD: Es kommen viele Menschen, die vor Terror und Gewalt fliehen. Sind sie traumatisiert?

Wancata: Sie haben Fürchterliches erlebt: Sie wurden vergewaltigt, mit Mord bedroht, gefoltert oder mussten das bei nahestehenden Menschen mit ansehen. Das kann zu einem Trauma führen.

STANDARD: Das muss aber nicht sofort geschehen.

Wancata: Es tritt häufig schnell auf. Wenn aber der Körper die Ressourcen braucht, um zu überleben, kann es sich verzögern. Ist die Gefahr bewältigt, dann tauchen die Symptome auf. Der Verdrängungsmechanismus ist hilfreich.

STANDARD: Welche Symptome?

Wancata: Zuerst eine Schockstarre, die Minuten, aber auch Tage dauern kann. Die Menschen sind entsetzt, verwirrt und haben teilweise massive körperliche Reaktionen. Sie verlieren kurz das Bewusstsein, schwitzen oder zittern. Danach geht das Trauma in die "Einwirkungsphase" über. Das Erlebte ist ständig im Kopf. Es gibt Flashbacks, tagsüber tauchen traumartige Szenen auf, die große Angst hervorrufen. Ist ein nahestehender Mensch gestorben, kommt oft die Überlebensschuld hinzu. Warum habe ich überlebt? Manche sind schreckhaft und unruhig, andere entwickeln eine Depression. Der Zustand kann bis zu vier Wochen dauern. Dann beginnen sie, sich langsam zu erholen.

STANDARD: Wenn sie endlich in Sicherheit sind, finden sie sich in überfüllten Lagern wieder. Kann das den Zustand verschlechtern?

Wancata: Alles, was Stress erzeugt, erhöht das Risiko, dass die Bewältigung länger dauert. Die Basics sind nicht Psychotherapie, sondern Mindeststandards einer Sicherheit. Das Warten auf einen positiven Asylbescheid macht einen irren Druck. Weil ich nicht weiß, ob ich zurück muss, wo ich fast ums Leben gekommen wäre. Auch wenn Transparente gezeigt werden, die sagen "Schleichts euch", oder wenn – wie in Deutschland Flüchtlingsheime brennen. Das heißt: Ich bin nicht mal hier sicher.

STANDARD: Ist eine psychologische Bestandsaufnahme bei der Aufnahme sinnvoll?

Wancata: Das Wichtigste sind die Grundbedürfnisse. Die Betroffenen müssen wissen, dass sie zu essen, zu trinken und einen Platz zum Schlafen haben – wie die Möglichkeit, sich zu waschen und sich zurückzuziehen.

STANDARD: Das kann in Traiskirchen nicht gewährleistet werden.

Wancata: Genau das kann zu einer Verschlechterung oder zu einer Aktualisierung des Traumas führen. Das Umfeld spielt am Anfang eine größere Rolle als Psychotherapie.

STANDARD: Was sind die Folgen einer Traumatisierung?

Wancata: Depressionen oder Flashbacks. Es gibt Menschen, die sich immer mehr zurückziehen, weil sie alles, was sie an das Trauma erinnert, vermeiden wollen. Sie haben Schwierigkeiten zu arbeiten. Wenn jemand mit dem Bus gefahren ist, wo es eine Explosion mit vielen Toten gegeben hat, dann tut er sich häufig schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ist keine Depression, sondern ein Angstzustand in Kombination mit Erinnerung. Manche reagieren mit Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit, andere mit Wut und Aggression.

STANDARD: Was kann bei der Bewältigung helfen?

Wancata: Eine Tagesstruktur ist sinnvoll. Viele würden gerne kochen oder mitarbeiten. Sie haben das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Traumatisierung ist ein Risikofaktor für Alkoholmissbrauch. Eine Aufgabe zu haben ist ein Schutzmechanismus vor einer Abhängigkeit. Den ganzen Tag herumzusitzen und zu grübeln ist nicht gut.

STANDARD: Ist ein Trauma grundsätzlich heilbar?

Wancata: Was ist Heilung? Traumata können so weit in den Griff bekommen werden, dass der Betroffene nicht mehr davon beeinträchtigt wird und es ihm weitgehend gut geht. Es ist keine Garantie, dass es auf immer und ewig weg ist. (Marie-Theres Egyed, 16.9.2015)

Johannes Wancata (57) leitet die Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Universität Wien.

  • Psychiater Wancata über Trauma und Verdrängung.
    foto: der standard/newald

    Psychiater Wancata über Trauma und Verdrängung.

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