100 Jahre Transsib: Die Taiga in einem Zug

5. Jänner 2016, 05:30
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Im Jahr 1916 wurde die längste Zugstrecke der Welt fertiggestellt. Das Faszinierende an einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn ist bis heute die schier unglaubliche Weite Russlands

Kein Russe käme je auf den Gedanken, freiwillig in einen Zug von Moskau nach Ostsibirien zu steigen. Westliche Reisende sehr wohl. Bis nach Irkutsk am Baikalsee sind es 5.153 Kilometer oder 83 Stunden – meist reicht das selbst eingefleischten Eisenbahnfreaks. Dann ist man aber noch lange nicht am Ziel der mit 9.288 Kilometern längsten Bahnstrecke der Welt. Bis nach Wladiwostok dauert die Fahrt eine Woche.

Abfahrt um zwölf Uhr fünf am Jaroslawler Kopfbahnhof in Moskau. Menschenmassen an den Gleisen, fliegende Händler. Der Zug heißt Baikal, hat ebendiesen See zum Ziel und misst fast einen halben Kilometer. Die Transsib-Strecke ist zur Gänze elektrifiziert, denn Kommunismus, das bedeute Elektrifizierung, hat Lenin gesagt. Die Wagons der zweiten Klasse fassen je 36 Reisende, neun Vierbettabteile gibt es.

Moskau

Die oberen Liegen, mit grünem Leder bezogen, sind schräg zur Wand geneigt, damit niemand aus dem Bett fällt, die Fenster fest verschlossen. Die Schaffnerin verteilt Bettzeug und Handtücher kurz vor Kilometer 282: Jaroslawl. Zar Peter der Große ließ hier allen Reisenden mit Bart eine Steuer abknöpfen. Heute knüpfen alte Bauersfrauen den Fremden auf dem Bahnsteig Rubel ab – für heiße Erdäpfel, Heidelbeeren und Gurken.

Wiesen, Ställe, Sägewerke

Der Zug rattert auf einer überdimensioniert wirkenden Brücke über die Wolga, draußen ziehen Tannen- und Birkenwälder vorbei, Bauerndörfer, jedes Haus aus Holz, ein paar Wiesen, Ställe, Sägewerke. Die Westler stehen stundenlang im Gang und schauen hinaus. Die Russen hocken in ihren Abteilen, reden, essen, lesen, schlafen, spielen Schach. Die Frage, ob ihnen die Gegend gefällt, verstehen sie nicht. Landschaft ist einfach da, nichts weiter, basta.

Die Amur-Brücke vor Chabarowsk

1891 machte Zarewitsch Nikolaus II. im Pazifikhafen Wladiwostok den ersten Spatenstich zum Bau der Ussuri-Bahn, dem ersten Transsib-Abschnitt im Osten. 90.000 Sträflinge und ausländische Vertragsarbeiter schufteten für das Jahrhundertwerk. 1916 war es vollbracht: Mit der Einweihung der Amur-Brücke vor Chabarowsk wurde die letzte Lücke zwischen Moskau und dem Pazifik geschlossen, der Zug verband die Oberläufe aller großen Flüsse Sibiriens. 800 Stationen und 200.000 Strommasten passiert die Breitspurbahn seither.

Hier zweigt die Transsib nach Peking ab

Die klassische Transsib-Fahrt endet nach wie vor in Chabarowsk, in der russischen Region "Ferner Osten", nur ein paar Tigersprünge von der Grenze zu China entfernt. Alternative Routen führen weiter nach Wladiwostok oder ab Irkutsk über die Mongolei nach Peking.

Der Ural: ein Hügelmeer

Die Transsib bretterte damals auch mitten durch die Zeitgeschichte. Während das Volk hungerte, hatten die Wagons der Zarenfamilie Raucherzimmer, Piano-Bar, Friseursalon und Badezimmer. Oft stoppten Schneestürme oder Räuber den Zug. Im Revolutionsjahr 1917 kamen Gold und Plüsch der Romanows unter die Räder, Lenin und später Stalin traten in den Kommandostand. Der Zug transportierte erst den Diktator, dann seine Opfer, später auch deutsche Kriegsgefangene.

Endstation der Romanows

Bald muss er kommen. Alle reden nur noch vom Obelisk bei Kilometer 1.777, dem Grenzstein mit der Aufschrift "Europa" auf der einen und "Asien" auf der anderen Seite. Am Bahnhof in Perm wird Gemüse in die Zugküche geschleppt, Wasserbehälter werden aufgetankt, Post wird verladen.

foto: picturedesk/kashirin maxim
Bis nach Irkutsk heißt es Durchhalten für Transsib-Reisende, die sich abwechslungsreiche Landschaften erhoffen. Die 200 Kilometer lange Zugstrecke am Baikalsee gehört aber zu den schönsten Russlands.

Der Ural ist ein welliges Hügelmeer. Kurz hinter Perwouralsk werden die Kameras in Anschlag gebracht. Mit gut 80 Sachen rattert die Transsib am Obelisk vorbei. Asien! Mit Tee aus dem Samowar wird der Kontinentwechsel begossen. Jekaterinburg naht, Datschen säumen den Bahndamm.

Jekaterinburg war die Endstation der Romanows. Als nach der Revolution der Machtkampf zwischen Sozialdemokraten und Bolschewisten tobte, trieben Agenten Lenins Zar Nikolaus II., seine Frau und Kinder in einen Keller und erschossen sie am 16. Juli 1917.

Wald und Werkshallen

Sibirien – das sind rund dreizehn Millionen Quadratkilometer mit kaum 30 Millionen Einwohnern, 770 Millionen Hektar Wald und gewaltige Ströme. In den weiten Ebenen leben Elch, Rentier, Luchs, Wolf, Braunbär, zwischen Amur und Wladiwostok sogar die letzten Amurleoparden und Sibirischen Tiger, denen der Garaus durch Wilderei droht. Der Zug passiert hier Rangierbahnhöfe, Werkshallen und Fabrikhöfe, Mahnmale hemmungsloser Industrialisierung, dann Kuhwiesen und Weizenfelder. Schon am dritten Tag hat jeder das Gefühl, seit drei Wochen unterwegs zu sein.

Herbstlich verfärbte Birkenwälder

Halt in Krasnojarsk, vier Zeitzonen östlich von Moskau. Am Bahnsteig verkaufen rotbackige Babuschkas Beeren in Zeitungspapier. Der Koch kauft zwei Eimer voll. Ruckelnd überquert der Baikal den Jenissej. Hier beginnt die Taiga, das größte Waldgebiet der Erde. Der Raubbau ist in vollem Gange, russische und ausländische Unternehmen lassen großflächig abholzen.

Die Russen im Nachbarabteil wechseln ihre Badeschlapfen gegen festes Schuhwerk. Das bedeutet: Irkutsk, die Endstation, naht. Der Baikal ist nach vier Tagen und drei Nächten am Ziel – sechs Stunden Flugzeit wären das nur gewesen. Auch die Schaffnerin lächelt erleichtert. Es ist geschafft: halb Russland in einem Zug. (Kai Althoetmar, Rondo, 5.1.2016)

Service & Info

Zur Wahl stehen Zweibettabteile (1. Klasse) und Vierbettabteile (2. Klasse). Das reine Zugticket für die Route Moskau-Irkutsk im Zweierabteil kostet € 791, im Viererabteil € 519. Die meisten Reisenden wählen organisierte Transsib-Reisen, häufig mit Stopps für Ausflugsprogramme.

Preisbeispiel für eine 21-tägige Transsib-Reise von Moskau bis Wladiwostok im Viererabteil – ohne Flüge: ab € 4.400 über Rail Tours (www.railtours.at). Die Reisekosten enthalten Besichtigungsprogramm laut Reiseverlauf, Transfers Bahnhof – Unterkunft – Bahnhof, Übernachtungen mit Frühstück im Doppelzimmer in Mittelklasse-Hotels und lokale deutschsprachige Reiseleitung. Die Kosten für das Visum betragen € 74.

Tipp

Welterbereise mit der Transsib 2016 geleitet und organisiert von Alliance for Nature: Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Transsibirischen Eisenbahn auf rein russischem Territorium organisiert die Natur-, Kultur- und Landschaftsschutzorganisation "Alliance For Nature – Allianz für Natur" gemeinsam mit "Ganesha Reisen" eine Reise von Moskau nach Peking. Neben dem Baikalsee werden entlang der "Transsib" eine Reihe von UNESCO-Welterbestätten besichtigt – u.a. der Kreml samt Roten Platz in Moskau, die Große Mauer und die Verbotene Stadt in Peking.

Route: Moskau – Irkutsk – Baikalsee – Ulaanbaataar – Mongolei-Rundreise – Peking

Termin: Do, 4. August – Mi, 24. August 2016, Anmeldeschluss ist der 1. Juni 2016.

Nähere Infos unter http://www.alliancefornature.at/

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