Samenklauben für Jäger, Sammler und Einrexer

Kolumne24. September 2015, 07:26
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Jetzt sollte man Samen für die nächste Saison klauben – Aber bei weitem nicht alle Pflanzen wollen mit der Anzucht bis zum Frühling warten

Als die Homo-sapiens-Banden nach einigen innigen Liebesnächten mit den Homo-neanderthalensis-Geschwistern im Bereich des Fruchtbaren Halbmonds nach Europa weiterzogen, half ihnen eine besondere Gabe dabei, zu überleben: Sie planten voraus. Letztendlich schafft man es nur dann von Karthum bis Spitzbergen, wenn man imstande ist, mit den wechselnden Bedingungen zurechtzukommen. Zu diesen gehören unsere Jahreszeiten mit einem halben Jahr Schnee, Matsch und Regen samt ausfallender Vegetation.

Es wurde für die Menschen wichtig, rechtzeitig zu sammeln, einzurexen, zu beschriften und so für die kalte Jahreszeit vorzusorgen. Auch das Abklauben und Konservieren der Pflanzensamen gehörte damals zu den Überlebensstrategien. Womit soll man die Scholle im Folgejahr bestellen, wenn man es verpasst hat, rechtzeitig ein paar Körner zur Seite zu legen? Eben. Und diese Gabe steckt natürlich noch heute in uns.

Wie die Eichhörnchen von Ast zu Ast, hanteln sich die Gartlerinnen und Gärtner jetzt im frühen Herbst von Beet zu Beet, um Samen zu ernten, zu verpacken und zu beschriften. Sie wissen auch über die Keimgepflogenheiten ihrer Pflanzen Bescheid. Als bekennende Anbeter des Eisenhuts, der Kuhschelle, des Frauenmantels und der Primel, beginnen sie schon jetzt mit deren Anzucht, während sich die meisten Laien doch erst im Frühjahr mit Anzuchterde, Pikierstaberl und Minitreibhäusern zu schaffen machen.

Warten auf die kühlen Tage

Gartler wissen, dass Pflanzen aus höheren Gebirgslagen eine längere Kälteperiode brauchen, um anständig anzukeimen. Daher warten sie auf die ersten wirklich kühlen Tage, um die Samen in Schalen auszusäen, mit einer Plastikhaube abzudecken und an einen schattigen Platz zu stellen.

Spätestens im April, nach gut zehn Tagen über zehn Grad Celsius keimen sie dann. Kuhschellen stehen übrigens unter Naturschutz. Es ist bei Strafe verboten, sie auszugraben. Ein Umpflanzen oder Umsetzen später im Beet mögen Kuhschellen so und so nicht. Also, Finger weg von wilden Pflanzen und ran an die Aufzuchterde! (Gregor Fauma, Rondo, 24.9.2015)

Tipp zu Kältekeimern
Viele Kältekeimer fühlen sich in Treibhäusern unwohl. Wer auf die Vorzucht überhaupt verzichten möchte, kann seine Kältekeimer einer Stratifikation unterziehen. Dazu werden die Samen der Pflanzen künstlich kalt gehalten, am besten daheim im Eiskasten. Haut nicht immer hin, ist aber meistens einen Versuch wert.

  • Gartler wissen, dass Pflanzen aus höheren Gebirgslagen eine längere Kälteperiode brauchen, um anständig anzukeimen.
    illustration: dennis eriksson

    Gartler wissen, dass Pflanzen aus höheren Gebirgslagen eine längere Kälteperiode brauchen, um anständig anzukeimen.

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